Stand: 13.08.2019 05:00 Uhr

Philip Schlaffer: Vom Rockerboss zum Antigewalttrainer

von Carsten Janz

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Philip Schlaffer arbeitet in der Prävention gegen rechts und will Jugendlichen helfen.

Vor seinem Rechte-Szene-Laden stehen mehrere Hundert Antifaschisten. Sie brüllen "Alerta, alerta, Antifacista". Irgendwann platzt Philip Schlaffer der Kragen. Mit einem Baseballschläger geht er auf die Demonstranten los. Nur die Polizei schafft es, ihn mit gezückter und durchgeladener Waffe zurückzuhalten und das Schlimmste zu verhindern. "Wenn ich das Video heute sehe, dann schäme ich mich", sagt Philip Schlaffer heute - 13 Jahre nach diesem Ereignis.

Zahlreiche kriminelle Stationen

Das Video, das damals entstanden ist, wurde auf YouTube mittlerweile mehr als eine Million Mal geklickt. Er erkenne sich darauf nicht wieder, sagt Philip Schlaffer heute. Über sein Leben - vom bürgerlichen jungen Mann zum Rechtsextremen hin zum Rockerboss - hat er jetzt in einer NDR Dokumentation ausführlich gesprochen. Schlaffer hat rechtsextreme, verbotene Musik gehandelt und produziert, er hat sich mit der litauischen Mafia bekriegt und Mitglieder seiner Rockergruppierung haben einen Mann ermordet.

Heute arbeitet Philip Schlaffer in der Präventionsarbeit mit Jugendlichen. Er hat immer noch die Unterschrift von SS-Chef Heinrich Himmler auf dem Nacken tätowiert - und auch noch einschlägige Zeichen aus seiner Zeit als Rockerboss. Manches will er nicht weglasern oder übertätowieren lassen, schließlich gehöre das alles zu seiner Geschichte. Er könne es nutzen, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Andere verbotene Symbole ließ er sich schon entfernen.

Viele Männer strecken der Kamera den Mittelfinger entgegen. © NDR

Ex-Rockerboss arbeitet in der Gewaltprävention

Schleswig-Holstein Magazin -

Antigewalttrainer Philip Schlaffer hat eine sehr spezielle Vergangenheit. Der Stockelsdorfer wurde durch Rückschläge in seiner Jugend zum Gewalttäter, Drogenhändler und Rockerboss.

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Von Stockelsdorf nach Newcastle - und wieder zurück

Geboren wird Philip Schlaffer in Stockelsdorf (Kreis Ostholstein). Er wächst in einer bürgerlichen Familie auf, sein Vater arbeitet beim traditionsreichen Lübecker Unternehmen Dräger und seine Mutter ist Hausfrau. Sie kümmert sich um ihn und seine ältere Schwester. Philip Schlaffer sei damals ein "normaler Fußball-Junge", sagt seine Mutter Magrit Schlaffer - erfolgreich im Sport und in der Schule. Im Alter von zehn Jahren eröffnen ihm seine Eltern, dass sie nach Newcastle in den Nordosten Englands umziehen.

In England hat er zunächst große Probleme, sich zu integrieren. Die anderen Schüler meiden "den Deutschen", nennen ihn "Nazi-Pig", also "Nazi-Schwein" - ohne dass sie genau wissen, was das heißt. Nur mit großer Mühe und Anstrengung schafft Philip Schlaffer es, Anschluss zu finden. Nach einem halben Jahr spricht er nur noch Englisch. Seine Nachbarn nennen ihn nur "Geordie-Boy", so werden Einheimische in dieser Region Englands genannt. Newcastle wird zu seinem neuem Zuhause.

Rückkehr nach Deutschland

Knapp vier Jahre später sagen ihm seine Eltern, dass es nach Deutschland zurückgeht. "Es war der falsche Zeitpunkt, ihn mit 14 Jahren aus seinem Umfeld rauszunehmen", sagt uns seine ehemalige Nachbarin aus England. "Schöne Scheiße", so beschreibt Philip Schlaffer die Entscheidung seiner Eltern, wenn er Jugendlichen in der Schule heute seine Geschichte erzählt. Denn als er damals in Deutschland ankommt, gerät sein Leben aus den Fugen. Er kommt nicht in seine alte Klasse, schreibt schlechte Noten, hält sich an die "falschen Freunde".

Philipp Schlaffer sitzt auf einem Sofa.

Stationen im Leben von Philip Schlaffer

NDR 1 Welle Nord - Horst und Mandy am Morgen -

Philip Schlaffer aus Stockelsdorf wurde von einem Kind einer Akademikerfamilie durch Rückschläge und Verluste in seiner Jugend zu einem Gewalttäter, Drogenhändler und Zuhälter.

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Treffen mit einem früheren Opfer

Jan Neumann geht damals zusammen mit Philip Schlaffer auf die Realschule in Stockelsdorf. Als er sich mit seinen Schulkameraden Pommes frites an einem Imbiss holen wollte, springt Philip Schlaffer ihm in den Rücken. Ein Zahn bricht, ein Wirbel wird ausgerenkt - und vor allem Neumanns Seele nimmt Schaden. "Das war ein Ereignis, das mich noch sehr lange begleitet hat. Ich hatte danach panische Angst", sagt Neumann heute. Seine Ängste beschreibt Neumann auch bei Philip Schlaffer, der ihn für seinen YouTube-Kanal interviewt. Auf diesem Kanal arbeitet der ehemalige Gewalttäter seine Vergangenheit auf. "Ich will zeigen, wie ich Gewalt gelernt habe. Das ist natürlich sehr unangenehm für mich zu hören, was Jan erzählt. Aber so war ich nun mal", rechtfertigt sich Philip Schlaffer.

Weitere Informationen
Podcast
NDR 1 Welle Nord

Gegen den Hass - der Podcast

NDR 1 Welle Nord

Philip Schlaffer war einer der gefährlichsten Rechtsextremisten Deutschlands. Heute arbeitet der Lübecker in der Prävention mit Jugendlichen. Im Podcast spricht er mit Carsten Janz über sein altes und sein neues Leben. mehr

JVA-Vollzugsleiter Gau: Schlaffer ein Menschenfänger

In den folgenden Jahren baut sich der fast zwei Meter große Hühne eine große Gefolgschaft auf. "Schlaffer ist ein Menschenfänger", sagt der Vollzugsleiter der JVA Stralsund, Kay Gau. In der JVA sitzt Schlaffer ab 2014 mehr als zwei Jahre wegen "Drogenhandel in nicht geringem Maße" ein. Gau hat in der Zeit mit Schlaffer auch psychologisch gearbeitet und das Konzept des YouTube-Kanals und der Präventionsarbeit entwickelt. "Er braucht eine Bühne, um stabil funktionieren zu können", ist sich Gau sicher. Und mit dieser Arbeit könne er jetzt etwas Positives bewegen.

Kopf einer rechtsextremen Kameradschaft

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Das Jahr 2014: Als Anführer des damals verbotenen Rockerclubs "Schwarze Schar Wismar" muss sich Philip Schlaffer vor Gericht verantworten.

Mehr als 40.000 Abonnenten hat Philip Schlaffers Kanal mittlerweile. Denen erzählt er auch von seiner Zeit als rechtsextremer Aktivist, als Produzent rechtsextremer Musik, seiner Zeit als Boss des kriminellen Rockerclubs "Schwarze Schar Wismar", kurz "SS Wismar". Lübeck, Hamburg, Wismar und Berlin sind die kriminellen Stationen des heute 40-Jährigen. Philip Schlaffer baut einen Drogenring auf und verteidigt seine Geschäfte in seiner späteren Heimatstadt Wismar auch vor der litauischen Mafia. "Da haben wir Waffen aus den Depots geholt, eine MP5, Ak47 und auch Handgranaten und einen Raum mit Folie ausgekleidet." Den Anführer der Mafia haben sie dann in diesen Raum verschleppt und sogenannte Verhandlungen geführt. "Er war dann kleinlaut, wir haben ihn nie wieder in der Stadt gesehen."

Ausstieg aus seinem alten Leben

Immer wieder gibt es aber auch Streit mit seinen sogenannten Kameraden. Einmal wird er sogar zu Hause von einem Geschäftspartner überfallen. Das war im Jahr 2007. "Ich sollte ihm 10.000 Euro geben oder mir ein Körperteil abschneiden", erinnert sich Schlaffer. Er habe dann zu seiner Pumpgun gegriffen, die neben seinem Bett lag und auf die Eindringlinge geschossen. "Ich war bereit, sie zu töten", sagt Philip Schlaffer

Solche Ereignisse haben bei ihm auch Spuren hinterlassen. Er bekommt Schlafstörungen, Depressionen und Angstzustände. Lange Jahre wollte sich der Rockerboss das nicht eingestehen. Erst kurz vor seiner Inhaftierung trifft er aufgrund dieser Beschwerden die Entscheidung, die Szene zu verlassen und in ein neues Leben einzusteigen.

Programmtipp
NDR Fernsehen

Gegen den Hass

13.08.2019 23:25 Uhr
NDR Fernsehen

Philip Schlaffer war einst einer der bekanntesten und gefährlichsten Extremisten ganz Deutschlands. Heute arbeitet er in der Prävention gegen rechts und will Jugendlichen helfen. mehr

Straftäter und Jugendliche beim Antigewalttraining

Heute arbeitet er mit Jugendlichen, die er vor einem Abrutschen bewahren will. So wie an der Holstentor Gemeinschaftsschule zum Beispiel. Er macht dort Kompetenz- und Antigewalttraining mit auffälligen Jugendlichen. "Die Verbindung aus Schlaffers Authentizität und der Aufarbeitung durch einen Pädagogen ist ein Konzept, das funktioniert", sagt Florian Meyer-Haenel, der das Projekt als Lehrer an der Schule mit betreut. Philip Schlaffer redet hier auf Augenhöhe mit den "Jungs", wie er sie nennt. Er gibt ihnen Wertschätzung, ohne dass sie etwas leisten müssen. "Das habe ihm in seiner Jugend gefehlt", sagt Philip Schlaffer heute.

"Das mache ich nicht mehr"

Seine Präventionsarbeit hat er evaluieren lassen - als einer der ersten Aussteiger, der solch eine Arbeit macht. Die Schüler haben seine Arbeit positiv bewertet und der Landespräventionsrat Schleswig-Holstein lobt sein Konzept. Er will weitermachen und Jugendliche vor seinem Weg bewahren. "Ich würde noch nicht einmal mehr in einen HSV-Fanclub eintreten", sagt Philip Schlaffer. Er will nie wieder Teil einer größeren Gruppe sein, keine Angestellten haben. Auch wenn ihm Psychologe Kay Gau eine gute Prognose gibt, schützt sich Philip Schlaffer so vor sich selbst. "Ich will nur noch Philip sein", sagt er. Über nichts anderes will er sich definieren. "Das mache ich nicht mehr."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Horst und Mandy am Morgen | 13.08.2019 | 08:50 Uhr

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