Detailansicht einer Erdkabeltrommel mit Stromkabeln. © NordLink

NordLink-Kabel startet: Öko-Strom soll dem Preis folgen

Stand: 09.12.2020 13:46 Uhr

Jahrelang wurde in der Nordsee eines der längsten See-Stromkabel der Welt verlegt. Seit Mittwochmorgen tauscht NordLink Strom zwischen Deutschland und Norwegen aus. Der Strom fließt dorthin, wo der Preis gerade höher ist.

Von Oliver Kring und Jörg Jacobsen

Das Gleichstrom-Kabel ist insgesamt 620 Kilometer lang. Der deutsche Netzbetreiber Tennet möchte überschüssigen Strom von deutschen Windkraftanlagen damit nach Norwegen exportieren. Im Gegenzug soll der norwegische Betreiber Statnett Strom aus den dortigen Wasserkraftwerken nach Deutschland transportieren - zum Beispiel, wenn sich die Windräder bei Flaute nicht drehen. Dazu gilt ein "Entweder-oder-Prinzip": Der Strom kann entweder in die eine oder in die andere Richtung fließen. "Wenn zu erwarten ist, dass an einem Tag die Strompreise in Norwegen besonders günstig sind, wird Deutschland eher Strom einkaufen", erklärt Tennet-Sprecher Matthias Fischer. "Hat Norwegen einen hohen Strom-Bedarf und an den Küsten in Norddeutschland wird günstig viel Windstrom erzeugt, wird dieser Strom nach Norwegen exportiert", so Fischer.

Wie entscheidet sich der Markt?

Tennet-Sprecher Fischer erwartet, dass zumeist das Land exportieren wird, das den günstigeren Preis in den Markt einbringt. Die Preisdifferenz bestimmt also, in welche Richtung der Strom fließt. Das sind laut Tennet derzeit aber Annahmen, behaupten muss sich das Ganze jetzt am Markt. Dort werde sich zeigen, wie sich das dann wirklich verhalte, so Tennet-Sprecher Fischer. Die Betreiber von NordLink berechnen täglich eine Kapazität für das Kabel und stellen diese dem Markt an sogenannten Strombörsen zur Verfügung.

Energie-Forscher erwartet weniger Engpässe

Nord Link, Luftaufnahmen, Konverteranlage, Wilster © NordLink
Die deutsche Konverterstation liegt in der Nähe von Wilster. Von dort aus führt das Kabel ohne Unterbrechung nach Norwegen.

Professor Michael Berger von der Fachhochschule Westküste (FHW) in Heide ist zuversichtlich, dass der Direktaustausch funktionieren wird. Diese Leitung hat nach seiner Einschätzung eine wichtige Bedeutung im Thema Energiewende. Zunächst werde ein weiterer Strommarkt, nämlich der von Skandinavien nun mit Kontinentaleuropa verbunden, so Berger. Er leitet das Institut für die Transformation des Energiesystems an der FHW. Je mehr Netze in Europa miteinander verbunden seien, desto stabiler werde das System insgesamt. "Ist in einer Region gerade einmal kein Strom aus Sonne oder Wind vorhanden, kann nun eine andere Gegend aushelfen, in der gerade viel Energie vorhanden ist", sagt Berger. Irgendwann werde so viel erneuerbarer Strom im Netz kursieren, dass es keine Engpässe mehr geben müsse.

Fertigstellung im Zeitplan

Die Leitung verläuft über 520 Kilometer als Seekabel durchs Wattenmeer und am Grund der Nordsee. Es ist derzeit eine der längsten Verbindungen dieser Art auf der Welt. Am Deich nördlich von Büsum erreicht NordLink das Festland. Das Kabel führt als Erdkabel einmal quer durch den Kreis Dithmarschen, unter dem Nord-Ostsee-Kanal hindurch bis nach Nortorf bei Wilster (Kreis Steinburg). Dort befindet sich eine der beiden sogenannten Konverterstationen. An diesen Standorten wird der Strom von Gleich- in Wechselstrom umgewandelt oder andersrum von Wechsel- und Gleichstrom - je nach Marktlage. Dort wird der Strom auch entnommen oder eingespeist. Am Umspannwerk Wilster soll künftig auch einer der beiden Stränge des SuedLink-Kabels beginnen und erneuerbare Energie bis nach Süddeutschland transportieren.

Der Bau blieb seit 2015 laut Tennet im Zeitplan. Alle Anlagen sind seit einigen Monaten bereits fertig. Seitdem testeten die Betreiber die Kapazität der Leitung unter immer größerer Belastung, bis schließlich die maximale Leistung vor Kurzem erreicht wurde. Am Mittwochmorgen begann eine Probephase unter realen Bedingungen.

Statnett: Auf beiden Seiten Mehrwert schaffen

Zwar ist die Kapazität der Leitung mit 1.400 Megawatt bei einem Blick auf den Gesamtbedarf relativ gering. NordLink kann aber nach Angaben des Netzbetreibers Tennet rechnerisch immerhin bis zu 3,6 Millionen Haushalte mit erneuerbarer Energie versorgen. Das entspricht einem guten Teil der Privathaushalte von Schleswig-Holstein und Hamburg. "Es ist ein Leuchtturmprojekt der Energiewende und ein wichtiger Schritt bei der Integration erneuerbarer Energien in den Strommarkt", wird Tennet-Geschäftsführer Tim Meyerjürgens in einer Mitteilung des Unternehmens zitiert. "Norwegische Wasserkraft und deutsche Windenergie ergänzen sich in diesem System wechselseitig in optimaler Weise." Von Tennets norwegischem Partner Statnett heißt es: "Wir sind stolz darauf, dass unsere neue Verbindungsleitung für den Energieaustausch zwischen unseren beiden Ländern bereit ist. NordLink wird uns helfen, unsere Klimaziele zu erreichen und sowohl auf der norwegischen als auch auf der deutschen Seite des Kabels Mehrwert zu schaffen."

Kosten und Chancen für den Norden

Ein Schwerlasttransport einer Erdkabeltrommel mit Stromkabeln. © NordLink
Der Bau hat fünf Jahre gedauert und etwa zwei Milliarden Euro gekostet.

Laut Tennet hat NordLink knapp zwei Milliarden Euro gekostet. Beteiligt ist neben den beiden Übertragungsnetzbetreibern auch die deutsche KfW-Bank. Kunden müssen für die Übertragungskapazitäten bezahlen. Die Erträge daraus will Tennet unter anderem für den Netzausbau und die Senkung der Stromtarife nutzen.

Schleswig-Holstein als wichtiges Erzeugerland erfahre in dem gesamten Kontext eine immer interessantere Rolle, findet Professor Berger von der Fachhochschule im Kreis Dithmarschen. Irgendwann könnte die hier produzierte und anlandende Strommenge so groß werden, dass man sich überlegen müsse, wie man damit umgehen wolle. Das könnte ganz neue Chancen eröffnen - zum Beispiel für die Herstellung größerer Mengen Wasserstoff. Den hält Berger für einen der Schlüssel-Treibstoffe der Zukunft.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 09.12.2020 | 13:00 Uhr

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