Neun Jahre getrennt: Familie findet nach Flucht zusammen

Stand: 23.12.2020 17:00 Uhr

In Kronshagen bei Kiel lebt ein Mädchen aus Eritrea, das neun Jahre von seiner Mutter getrennt war. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte.

von Hauke Lorenz und Christian Schepsmeier

Ein Mädchen hält eine Sonnenblume in der Hand und lächelt in die Kamera. Auf dem nächsten Foto steht sie vor einem Heißluftballon auf dem Nordmarksportfeld in Kiel, dann ein Foto im Klassenraum der Grundschule Kronshagen (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Delina blättert in dem daumendicken Album, das sie gerade aus dem Schrank geholt hat.

"Und da bin ich mit John", sagt die Zwölfjährige und zeigt auf einen nur wenig jüngeren Jungen, der auf einem Foto die Zunge herausstreckt. Das Album erzählt von einem ganz normalen Kinderleben in Schleswig-Holstein. Häufig ist eine Frau mit im Bild, die gerade jetzt, während Delina das Album ansieht, über einem tragbaren Herd Kaffeebohnen röstet. Auf eritreische Art. Es ist Tegisti Habtemariam, Delinas Tante. Auf keinem der Fotos sind Delinas Eltern zu sehen - sie haben die Kindheit ihrer Tochter nicht miterlebt.

Flucht und Trennung

Ein kleines Mädchen lächelt in die Kamera.
Delina ist in Eritrea geboren und lebt nun in Schleswig-Holstein.

Delina ist in Eritrea geboren. Das ostafrikanische Land assoziieren viele in erster Linie mit Kaffee, doch es ist auch geprägt durch schwerwiegende Verletzungen der Menschenrechte, für Unfreiheit der Presse und für ein willkürlich handelndes Militär, das Männer und Frauen für eine undefiniert lange Zeit einziehen kann. Eine Form der Zwangsarbeit, urteilt Amnesty International.

Die Flucht- und Trennungsgeschichte der Familie beginnt, als Delinas Vater vor dem Militär flieht. In Eritrea hätten ihm dafür Haftstrafen und Gewalt gedroht. Deswegen geht er nach Israel. Delina ist damals noch ein Baby. Ein paar Jahre später wird auch die Mutter, als Frau eines "Verweigerers", unter Druck gesetzt und bedroht. Sollte sie auch durch die Wüste nach Israel flüchten? Mit einer dreijährigen Tochter? Aber wie bloß?

Laut dem Europäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen werden Deserteure und Wehrdienstverweigerer in Eritrea immer wieder verfolgt. Zurückgebliebene Angehörige müssen mit Geldstrafen und Gefängnis rechnen. EUROPEAN ASYLUM SUPPORT OFFICE

Delinas Tante erinnert sich heute an den Tag, an dem sie die Verantwortung für das Mädchen übernimmt. "Das war schwer. Alle wissen: Die Mutter verlässt ihr Kind", erzählt Tante Tegisti, "aber sie konnte das nicht mit ihrem Kind schaffen. Deswegen hat sie mir gesagt: Ich lasse mein Kind bei dir." Das war vor neun Jahren.

Lage in Eritrea bleibt gefährlich

Ein Vater und eine Mutter halten ihr Kind in den Armen.
Delinas Eltern bekamen in Israel noch eine Tochter.

Während Delinas Eltern damals in Israel Fuß fassen und noch eine Tochter bekommen, wächst Delina bei ihrer Tante und mit deren Sohn heran. Doch die Lage in Eritrea stabilisiert sich nicht, irgendwann wird die Situation auf für sie zu gefährlich.

Doch wohin? Auch nach Israel? "Das war zu schwierig geworden", erinnert sich Delinas Tante heute. "Israel wollte keine Flüchtlinge mehr." Das Land errichtet in dieser Zeit eine fünf Meter hohe Grenzanlage nach Süden. Seitdem schaffen kaum noch Menschen den Weg durch die Sinai-Halbwüste ins Land. Stattdessen machen sich Delina, ihre Tante und ihr Cousin auf den Weg nach Deutschland - das war vor fünf Jahren.

Eine zweite Mutter, aber ein anderes Gefühl

Zwei Frauen schauen lächelnd in die Kamera.
Delinas Mutter (l.) gab ihre Tochter in die Obhut ihrer Schwester (r.).

In Kronshagen bei Kiel angekommen finden Tegisti Habtemariam und die zwei Kinder ein neues Zuhause. Klatsch und Tratsch mit den Schulfreundinnen, Ringen mit Cousin John, zuletzt die Maskenpflicht - das alles ist Delinas Alltag. Der andere Teil der Familie, ihre Eltern und Schwester, sind in Israel - und somit weit weg. Gesehen hat sie ihre Eltern in all der Zeit nicht, nur telefoniert. "Ich weiß, dass ich halt noch eine zweite Mutter habe", hatte Delina vor ein paar Monaten gesagt. Wie die sich anfühlt, wie es wirklich ist, mit ihr zu leben - daran kann sie sich nicht mehr erinnern. Genau genommen kennt sie ihre Eltern nur über das Telefon. Ob sie sich Sorgen gemacht hat? Ob sie gehofft hat? "Ich hatte nicht jeden Tag das gleiche Gefühl. Es war so abwechselnd", erzählt Delina.

Ein bedeutender Tag für Delina

Drei Kinder machen ein Selfie.
Delina (M.) zwischen ihrem Cousin John (l.) und ihrer kleinen Schwester Yoahna.

In diesem Winter ändert sich das - genauer am 1. November 2020. Es ist ein bedeutender Tag in Delinas Geschichte. Mit ihrer Tante und Cousin John ist sie auf dem Weg zum Hamburger Flughafen. "Ich bin ein bisschen aufgeregt", sagt die Zwölfjährige im Auto. Es geht über die Auffahrt zum Terminal, das Parkhaus, dann die letzten Meter über die Straße bis in die Ankunftshalle. Alle drei sind hellwach, sie haben sich schick gemacht. Die Folie um die Blumensträuße glitzert im Licht der Neonreklame. Jahre zuvor hatte Delinas Tante eine Familienzusammenführung beantragt. Jetzt stimmte die Bundesrepublik Deutschland zu.

Der Wunsch: "Ein anderes Leben - und ein schöneres"

Dann sind sie da. Nach neun Jahren Trennung. Delinas Vater fällt vor seiner Tochter auf die Knie, drückt sie, findet keine Worte. Dann nimmt ihre Mutter sie in die Arme und schluchzt. Delina selbst fehlen die Worte. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich bin einfach sehr, sehr glücklich." In ihrer Muttersprache Tigrinya fragt sie ihre Eltern für uns, was sich diese von ihrem Leben in Deutschland wünschen. Dann übersetzt sie die Antwort auf Deutsch: "Ein anderes Leben - und ein schöneres."

In Schleswig-Holstein lebten Ende 2019 laut Statistischem Bundesamt 3.020 eritreische Staatsangehörige. Da die Familie in Deutschland einen besonderen Stellenwert hat, können auch Angehörige von Menschen mit subsidiärem Schutzstatus Familiennachzug beantragen. Das Auswärtige Amt kann jeden Monat insgesamt bis zu 1.000 Visa ausstellen.

Vier Wochen später

Vier Wochen später besuchen wir die Familie erneut in Kronshagen. Delinas Eltern sind zu Besuch in der Wohnung der Tante, sie sind in demselben Ort in einer Wohnung für Geflüchtete untergekommen. Es gibt Injera, ein weicher Sauerteigfladen. Darauf werden Salat, Reis und ein Fleischgericht angerichtet.

Die Mütter kochen, Delina tanzt mit ihrer kleinen Schwester zu Musikvideos. Der Vater, ein gelernter Koch, sitzt reglos in einem Sessel. "Er sitzt nur zu Hause und kann nichts machen", erzählt uns Tegisti Habtemariam. Für die Männer sei es manchmal schwerer, eine Aufgabe zu finden. "Als ich hier in Deutschland angekommen bin, hatte ich auch so Probleme. Deswegen sage ich: Ich kann euch helfen."

Neue Herausforderungen - und ein bisschen Angst

Delinas Tante hilft ihrer Schwester und ihrem Schwager an diesem Tag auch mit Anträgen für deutsche Behörden. Einen Deutschkurs gibt es zurzeit noch nicht. Deutschland im Corona-Winter - das ist vielleicht nicht die beste Zeit, um anzukommen.

Eine richtige Familie zu werden, ist auch nicht so einfach. Ob Delina mit ihren Eltern zusammenleben will? "Ich fühle mich hier wohl bei meiner Tante", sagt Delina. "Wenn ich meine Eltern ganz kennenlerne und dann hinmöchte und bei ihnen leben möchte und ich mich da wohl fühle, dann kann ich dahin gehen." Tegisti Habtemariam nickt, als sie von Delinas Bedenken hört: "Sie sind fremd für sie, und sie hat vielleicht auch ein bisschen Angst."

Delinas Mutter weiß das. Sie erzählt uns, dass sie glücklich sei, weil sie ihr Kind jetzt sehen kann. Vielleicht verstehe Delina mit der Zeit, dass sie ihre wirkliche Mutter ist.

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Familie Saied in der Erstaufnahme Schmiedekoppel Hamburg  Foto: Carolin Fromm

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Zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit

Anfang Dezember, einem Sonntag, geht die Familie gemeinsam zum Gottesdienst der eritreischen Gemeinde. Vor der Kirche stehen Kinderwagen, zwischen den Bänken toben die ganz Kleinen. Die Erwachsenen stehen und halten Abstände ein. Auf der rechten Seite die Frauen, verhüllt in leichten, weißen Baumwolltüchern. Als Zeichen der Reinheit haben sie ihre Köpfe mit hellen Tüchern bedeckt, es wird gebetet und leise gesungen. Und es ist ein Ort des Austausches mit anderen Geflüchteten.

"Hätte es Menschenrechte in Eritrea gegeben, wären die Menschen dort geblieben" erzählt uns der Pastor nach dem Gottesdienst. Viele würden sich nach ihren Familien sehnen, doch oft würde eine Zusammenführung an bürokratischen Hürden scheitern. Am schlimmsten sei das jahrelange Warten auf eine Entscheidung.

Von der Kirche ausgestellte Dokumente werden in deutschen Botschaften oft nicht anerkannt und können zur Ablehnung des Antrags führen. Bundesregierung

Der Pastor ist selbst betroffen. Seine Papiere seien nur ein Jahr gültig, weshalb ihm kein Familiennachzug zustehe, erzählt er. Seine eigene Familie habe er seit sieben Jahren nicht gesehen. Das macht seine Rolle als Pastor schwierig. Auch wenn er nur noch wenig Hoffnung habe, müsse er seiner Gemeinde Hoffnung vermitteln.

Familie sein, Familie werden

An einem besonders dunklen Dezembertag besuchen wir die Familie noch einmal: Unter dem Licht der Deckenlampe haben sich Delina, ihre Eltern und ihre Tante am Küchentisch versammelt. Draußen ist es stockfinster, auf dem Tisch liegen zwei Bücher zum Deutschlernen. Delina zeigt auf sich selbst: "Ich heiße Delina." Dann auf englisch: "My name is Delina." Dann nochmal auf Tigrinya, ihrer Muttersprache. Sie ist zwölf Jahre alt, aber wenn es ums Ankommen in Deutschland geht, können die Eltern von ihrer Tochter mehr lernen als andersrum.

Eine Familie sind sie schon. Jetzt müssen sie schauen, was sie daraus machen. Vielleicht gibt es irgendwann ein Fotoalbum, das eine neue Geschichte erzählt - von einer Familie, die zusammenfindet.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 23.12.2020 | 19:30 Uhr

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