Mobilitätswende in Kiel - Kommt die Stadtbahn zurück?

Stand: 29.01.2021 12:25 Uhr

Die Stadt Kiel muss Mobilität neu denken und will - um CO2 zu sparen - auf eine Stadtbahn setzen. Aktuell läuft eine sogenannte Trassenstudie, um Kosten und Streckenverlauf zu planen.

von Malin Girolami

In kaum einer anderen vergleichbar großen Stadt wird der öffentliche Nahverkehr so wenig genutzt wie in Kiel, erzählt Christoph Karius. Gerade mal zehn Prozent der Kielerinnen und Kieler nehmen den Bus. Karius ist Mobilitätsmanager der Stadt und wurde extra eingestellt, um das Projekt Stadtbahn zu planen.

Denn eine Grundlagenstudie im Auftrag der Stadt gibt dem Projekt Rückenwind. Um die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs von 10 auf mindestens 17 Prozent zu steigern, müsse die Stadt auf ein System mit eigener Trasse umsteigen - also eine Stadtbahn oder Schienenbusse. Die hätten eine eigene Spur und kämen so schneller durch den Verkehr. Aktuell untersuchen Experten, welches System sich für Kiel am besten eignen würde.

Kiel und die Stadtbahn: Eine Geschichte mit Emotionen

Computerzeichnungen zeigt ein geplantes Stadtbahn-Szenario. © Ramboll Studio Dreiseitl
Kiel will künftig auf eine Stadtbahn setzen. Aktuell untersuchen Experten mögliche Trassen.

Kiel hat Erfahrung mit Straßenbahnen. Mehr als 100 Jahre lang rumpelten sie durch die Stadt, zu Beginn noch gezogen von Pferden, später dann elektrisch. Am 4. Mai 1985 fuhr die Linie Vier dann zum letzten Mal, verabschiedet von einer großen Menschenmenge. "Diese Begeisterung muss die Stadt jetzt wieder wecken", meint der Berliner Mobilitätsforscher Professor Andreas Knie. Das Thema Stadtbahn sei hochemotional, gerade wenn es um einen möglichen Verdrängungswettbewerb mit dem Auto gehe. Eine Straßenbahn einfach nur technisch einführen zu wollen, würde scheitern, sagt Knie.

Kiel hat solche Erfahrungen bereits gesammelt. Vor sechs Jahren platzten die Pläne für den Bau einer Stadtregionalbahn. Sie scheiterten an den Kosten und auch an der Kommunikation, räumt Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) ein. Die müsse jetzt besser werden.  Erste Beteiligungsforen gab es bereits im Jahr 2019. Dort wurden auch Ängste geäußert - beispielsweise vor Baulärm. Aber es gab auch viele Ideen - zum Beispiel zum Streckenverlauf.

Paradebeispiel Straßburg

Eine neue Straßenbahn ist dann erfolgreich, wenn sie mit anderen Verkehrsmöglichkeiten vernetzt wird, sagt Wissenschaftler Knie. Man müsse das "Drumherum" mitdenken und von Beginn an ganzheitlich planen. Funktioniert hat das Mitte der 1990er-Jahre in Straßburg. Leise und mit großen Panoramafenstern befördert die Straßenbahn dort mittlerweile bis zu 300.000 Fahrgäste täglich. Die Stadt gilt unter Stadtplanern als Paradebeispiel für die Renaissance der Straßenbahn.

Pendler können ihr Auto für vier Euro am Stadtrand auf großen Pendlerparkplätzen parken, der Parkschein ist das Ticket in die City. Die Autos bleiben dadurch draußen, auch davon profitiert die Stadt: Sie ist grüner und weitläufiger. Es sei eine Chance für die Innenstädte, so Knie. "Wenn die Aufenthaltsqualität steigt, dann haben die Menschen wieder Lust zu Flanieren. Der Einzelhandel wird attraktiver", erklärt der Experte. Und oft würden die Bezirke, die an die Stadtbahn angebunden sind, aufgewertet durch die schnelle Verbindung ins Zentrum.

Negativbeispiel Wiesbaden

Doch das Projekt Stadtbahn kann auch schiefgehen. Im Oktober 2020 ist ein Bürgerentscheid in Wiesbaden nach jahrelanger Planung gegen eine Tram ausgefallen. Die Stimmung in der Stadt war vergiftet. Das will Kiel unbedingt vermeiden. Und plant bereits ein, die Stadtbahn mit anderen Verkehrsmöglichkeiten zu vernetzen - wie zum Beispiel mit den Mietfahrrädern und den Förde-Fähren. Autos sollen auch nicht ganz verschwinden. Anstatt zwei Fahrspuren, könnte es künftig dann allerdings nur noch eine für den Autoverkehr geben.

Erste Fahrt in Kiel 2030?

Eine Karte, die die geplante Straßenbahn-Strecke in Kiel zeigt. © NDR
Alle drei geplanten Verbindungen sollen über den Hauptbahnhof führen.

Mobilitätsmanager Christoph Karius jedenfalls ist überzeugt: Kiel sei besonders gut für eine Stadtbahn geeignet, meint er. Weil Förde die Stadt teilt, müssten Autofahrer und Busse zwischen Ost- und Westufer lange Strecken zurücklegen. Die Fahrzeit könnte sich da durch eine Stadtbahn deutlich verkürzen. Momentan braucht die Buslinie 11 von Dietrichsdorf in die Wik gut 50 Minuten, mit der Stadtbahn wären es knapp 37 Minuten. Das ergeben erste Schätzungen des Mobilitätsmanagers Karius. Drei mögliche Verbindungen sind bereits grob geplant.

  • Linie 1 von Neumühlen-Dietrichsdorf in die Wik
  • Linie 2 von der Fachhochschule Kiel bis Suchsdorf
  • Linie 3 von Elmschenhagen bis Mettenhof

Alle Verbindungen sollen über den Hauptbahnhof führen, bieten Anbindungen an das Bus- und Bahnnetz. Erste Korridore sind also bereits festgelegt.

Gute Finanzierungsmöglichkeiten

Computerzeichnungen zeigt ein geplantes Stadtbahn-Szenario. © Ramboll Studio Dreiseitl
Eine Stadtbahn könnte West- und Ostufer verbinden.

Jetzt muss geprüft werden, auf welchen Strecken genau gefahren werden könnte. Und ob es ein Schienenbussystem wird, oder eine Straßenbahn. Die hätte den Vorteil, dass pro Fahrzeug mehr Passagiere befördert werden könnten. Außerdem sind die Fördermöglichkeiten durch Bund und Land höher - bis zu 90 Prozent.

So gut seien die Finanzierungsmöglichkeiten nie gewesen, sagt Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer. "Wenn nicht jetzt, dann nie", meint Kämpfer. Angst, dass die Technik die Planung überhole, habe er nicht. Die Stadt werde sich für das modernste Antriebssystem entscheiden. Zwei bis drei Jahre wird die sogenannte Trassenstudie noch dauern. Danach könnten Finanzierung und Bauplanung erfolgen. Und 2030 könnte die neue Stadtbahn in Kiel dann fahren - wenn alles nach Plan läuft.

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Schleswig-Holstein Magazin | 29.01.2021 | 19:30 Uhr

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