Bürgerbus Meldorf: Er fährt, wo sonst niemand fährt

Stand: 20.05.2022 08:10 Uhr

Er hat acht Sitzplätze, ist so breit wie ein Pkw und wendig: Der Bürgerbus in Meldorf passt durch die teils engen Gassen und bringt Menschen von A nach B. Dort, wo Linienbusse sich nicht lohnen.

von Laura Albus

Die Fahrkartenkontrolle findet hier beim Einsteigen, direkt bei der Fahrerin statt: Mit einer kleinen Zange knipst Angelika Mahnke ein Loch in die Fahrtkarten ihrer Passagiere. Die Türen schließen leise und der Bürgerbus setzt sich in Bewegung. Montags bis freitags fährt der kleine Bus, jeweils einen Vormittag pro Woche sitzt Angelika Mahnke für den Meldorfer Bürgerbus Verein hinterm Steuer. Meldorf, Windbergen, Gudendorf, Elpersbüttel, Wolmersdorf. Einige Orte im Kreis Dithmarschen sind nur dank der ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrer erreichbar.

Angelika Mahnke fährt durch Meldorf mit einem Kastenwagen. © NDR Foto: Laura Albus
"Wir wollen den Menschen Selbstbestimmung zurückgeben", sagt Anelika Mahnke, ehrenamtliche Busfahrerin.
Nahverkehr für Meldorf und Umgebung mit dem Bürgerbus

Ein Beispiel ist Windbergen mit 750 Einwohnern, das etwa acht Kilometer vom Meldorfer Bahnhof entfernt liegt. Eine Entfernung, die für einige zu weit ist, um sie mit dem Fahrrad zurückzulegen. Oder zu teuer wäre, um mit dem Taxi zu fahren. Genau hier setzen Angelika Mahnke und der Bürgerbus an. "Wir wollen den Menschen Selbstbestimmung zurückgeben", sagt sie, während sie den Bus an der Kita in Windbergen startet. Für viele ältere Fahrgäste sei der Schulbus oft zu voll und fahre auch in den Schulferien nicht. Andere Busse fahren nicht nach Windbergen. Wer kein Auto hat, ist angewiesen auf den Bürgerbus.

10.000 Fahrgäste in fünf Jahren

Einer der Stamm-Fahrgäste ist Horst Wiechert. Eine Zehnerkarte für den Bürgerbus reicht bei ihm etwa zwei Wochen, 16 Euro kostet sie in der höchsten Preisstufe. Für den Rentner ist der Bürgerbus ein Stück Freiheit. Er fährt damit zum Einkaufen, zum Arzt und erledigt sämtliche Besorgungen in Meldorf. Anders als die Linienbusse hält der Bürgerbus direkt vor dem Eingang des Supermarktes. Und weil Horst Wiechert Stammgast ist und die ehrenamtlichen Fahrer wie Angelika Mahnke ihn bereits kennen, halten sie auch manchmal extra für ihn direkt vor seiner Haustür in Windbergen. Aber Horst Wiechert ist nicht der einzige Fahrgast. Seit der Bürgerbus vor fünf Jahren gestartet ist, hat er Angaben des Vereins zufolge bereits 10.000 Passagiere befördert.

Zum Wochenmarkt in Meldorf ist der Bürgerbus oft voll

Der Bürgerbus verbindet in und um Meldorf Menschen mit eingeschränkter Mobilität. "Wir können flexibel reagieren", sagt Mahnke. "Wir brauchen nur ein Schild aufzustellen und schon haben wir eine Haltestelle". Der Bürgerbus fährt Schleifen, das heißt Angelika Mahnke fährt zum Baumarkt, zum Seniorentreff in den Eescherweg, dreht dann noch eine Runde durch die Dörfer und fährt im Anschluss wieder zum Baumarkt und zum Seniorentreff. So hätten die Fahrgäste ausreichend Zeit vor Ort. Vor allem freitags könne es aber auch passieren, dass der Bus voll sei - denn dann ist Wochenmarkt in Meldorf. An anderen Tagen fährt Angelika Mahnke auch immer mal wieder einzelne Streckenabschnitte ohne Passagier. Für sie ein Zeichen dafür, dass das Konzept der Bürgerbusse funktioniert. Denn ein wirtschaftlicher Betrieb für den öffentlichen Nahverkehr sei so nicht möglich.

Ehrenamtliche für Bürgerbus gesucht

Finanziert wird der Bürgerbus zum Teil durch Werbung und Spenden, aber vor allem durch Subventionen vom Land und vom Kreis Dithmarschen. Die Anschaffungskosten des Busses von 100.000 Euro wurden vom Kreis übernommen. Die Fahrer sind ehrenamtlich unterwegs. Auch hier geht es den Ehrenamtlichen wie vielerorts im Land: "Wir könnten ein paar mehr gebrauchen", sagt Angelika Mahnke. Sie würden gerne mehr Touren anbieten, vor allem am Wochenende. Aktuell ist der Bus nur werktags unterwegs.

Ein Gesundheitscheck, ein Antrag auf Beförderung von acht Personen sowie ein Führerschein Klasse C - mehr brauche es nicht, um im Verein als Fahrerin oder Fahrer einzusteigen, sagt Angelika Mahnke. Angst vor der Größe des Busses brauche auch niemand zu haben: "Er ist genau so breit wie ein Auto, nur ein Stückchen länger. Aber das hat man auch schnell raus." Während ihrer Runde kommt sie auf exakt 111 Kilometer. "Gerne Auto zu fahren und sich mit den Fahrgästen zu unterhalten, wäre natürlich hilfreich", ergänzt sie lachend, während sie einer Seniorin mit Rollator aus dem Bus hilft.

Eine Route zum Deich soll bald auf dem Fahrplan stehen

"Wir wollen, dass niemand Auto fahren muss, der es eigentlich nicht mehr kann" sagt Angelika Mahnke. Deshalb testet der Bürgerbus im Mai Sondertouren zum Deich. Kommen die gut an, wollen sie die Strecke in den Fahrplan aufnehmen. Vielleicht irgendwann auch Wohnmobil-Touristen vom Campingplatz nach Meldorf zum Supermarkt bringen, sodass die großen Fahrzeuge auf dem Campingplatz stehen bleiben können. An Ideen scheint es im Bürgerbus-Verein in Meldorf jedenfalls nicht zu mangeln.

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Schleswig-Holstein Magazin | 20.05.2022 | 19:30 Uhr

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