Die Hand einer Lehrerin schreibt mit Kreide etwas an eine Tafel. © dpa - Bildfunk Foto: Mohssen Assanimoghaddam

Lehrermangel in SH: Vor allem auf dem Land ein Problem

Stand: 17.09.2021 05:00 Uhr

Je nach Region sind bis zu 20 Prozent der Lehrerstellen in Grundschulen und Förderzentren im Land nach Angaben der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, GEW, nur provisorisch besetzt. Vor allem Schulen im ländlichen Raum beklagen einen Lehrermangel, Eltern demonstrieren heute in Kiel gegen Unterrichtsausfälle.

von Jörn Schaar, Johannes Tran

Uwe Niekiel ist resigniert. Der Schulleiter der Boy-Lornsen-Grundschule in Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) hat seit Jahren Schwierigkeiten, Referendarinnen oder Referendare zu finden. "Drei Planstellen sind bei uns derzeit nicht besetzt, da haben wir uns mit Provisorien ausgeholfen", erklärt er und meint damit Quereinsteiger oder Lehramtsstudierende ohne praktische Unterrichtserfahrung. Und so wie bei ihm sieht es fast überall an Schulen fernab von größeren Städten aus: "Sie können eigentlich überall in den Schulen anrufen und werden bei der Frage nach nicht mit Lehrern besetzten Stellen immer eine positive Zahl rauskriegen." Je nach Region sei bis zu einem Fünftel aller Lehrerstellen in Grundschulen und Förderzentren im Land mit Menschen besetzt, die nicht komplett ausgebildet sind, erklärt die Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Astrid Henke.

Die Hand einer Lehrerin schreibt mit Kreide etwas an eine Tafel. © dpa - Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte
AUDIO: Astrid Henke von der GEW zum Lehrermangel im Land (1 Min)

"Die Schulleitungen können nur den Mangel verwalten"

Die Folge: Die Unterrichtsqualität leidet, weil diese Hilfslehrer nicht alle Qualifikationen mitbringen, die Lehrer brauchen. Und die Personaldecke ist dünn, immer wieder müssten Löcher gestopft werden, sagt der Vorsitzende der Landeselternvertretung der Grundschulen, Volker Nötzold: "Zwar steigen die Planstellenzuweisungen, aber eine unbesetzte Planstelle macht keinen Unterricht." Auf dem Papier liegt die Unterrichtsversorgung an den Grundschulen im Land bei 102 Prozent, aber die Stellen können nicht besetzt werden. Also würden vor allem an den Grundschulen Lerngruppen zusammengelegt und durch Assistenten betreut. "Auf dem Papier sieht das gut aus, weil kein Unterricht ausfällt. Die Schulleitungen können nur den Mangel verwalten", sagt Nötzold.

Bis zu 29 Kinder in einer Klasse

Die stellvertretende Schulleiterin der Franz-Claudius-Schule, Michaela Busch, sitzt an einem Schreibtisch und blickt in die Kamera © NDR Foto: Johannes Tran
Michaela Busch von der Franz-Claudius-Schule rechnet damit, dass sich der Lehrermangel noch verschlimmern wird.

An der Franz-Claudius-Schule in Bad Segeberg sind kurzfristig vier Lehrerinnen ausgefallen. Ersatz ist nicht in Sicht. Die stellvertretende Schulleiterin Manuela Busch musste umplanen, aus vier 4. Klassen wurden drei. Dort sitzen nun bis zu 29 Kinder in einer Klasse, statt 18. Es ist lauter und gibt häufiger Streit, erzählen Eltern. Manuela Busch hat jetzt Vertretungskräfte angestellt, aber das sind Lehramtsstudentinnen ohne praktische Ausbildung. "Das wird wohl noch schlimmer werden", meint sie. "Jetzt gehen viele Kollegen in den Ruhestand und das sind mehr, als von den Unis nachkommen."

Elterndemo in Kiel

Einige Eltern wollen sich das nicht länger bieten lassen. Mit einer Demo vor dem Bildungsministerium wollen sie ihrem Ärger Luft machen. Die Forderung: Mehr Lehrer für die Grundschulen und mehr echten Unterricht, statt reiner Betreuung mit Stillarbeit.

Ministerin Karin Prien (CDU) sieht den Mangel bestenfalls punktuell: "Natürlich ist es so, dass wenn eine Lehrkraft krank wird oder unerwartet ausfällt, schon mal Lerngruppen zusammengelegt werden. Wir können nicht drei oder vier Lehrkräfte in der Hinterhand haben, die sozusagen nichts tun und die ruft man dann, wenn irgendwo jemand kurzfristig krank wird." Den Vorwurf, dass in zusammengelegten Lerngruppen kein richtiger Unterricht stattfinde, sei so nicht richtig, meint Prien. "Es geht darum, dass in den Schulen Vertretungsregelungen gut organisiert werden, das Vertretungslehrer auch wissen, in welchem Stoff, die Kinder und Jugendlichen gerade unterwegs sind, damit der Vertretungsunterricht auch eine gute Qualität hat."

GEW ist sauer

Gewerkschafterin Astrid Henke kann das nicht mehr hören. "Bildungsministerin Prien muss dafür endlich mal die Verantwortung übernehmen und ein Konzept dafür entwickeln, wie sie dem Problem begegnen will", sagt sie. "Unsere Hinweise der vergangen Jahre, dass wir nicht genug ausbilden, sind nicht ernst genug genommen und zum Teil abgestritten worden. Jetzt kriegen wir die Quittung." Dass es Personalmangel gibt, sieht auch das Bildungsministerium: Vor allem in Dithmarschen, Steinburg, Segeberg und Herzogtum Lauenburg ist es nach Angaben eines Sprechers schwierig, Personal zu finden. Da sei es auch an den Schulträgern, sich zu engagieren und für sich zu werben.

Positiv-Beispiel Dithmarschen

Allein im Kreis Dithmarschen sind laut Bildungsministerium mehr als 20 Lehrerstellen nicht besetzt. Das Schulamt des Kreises hat deshalb eine Mitarbeiterin eingestellt, die potentiellen Lehrkräften ihre Fragen beantworten und ihnen den Weg an die Westküste erleichtern soll. "Das kann zum einen die Suche nach einer passenden Schule sein", sagt Daniela Holst. "Aber halt auch die Suche nach einer Wohnung oder einem Kitaplatz." Auf einer Website stellt sie Schulen im Kreis vor und produziert Videos über das Leben und die Arbeit in Dithmarschen.

Gewerkschafterin Astrid Henke findet diese Initiative spannend, sieht aber eher das Ministerium in der Pflicht: "Hier muss Frau Prien Verantwortung übernehmen und sich was überlegen, damit die Kinder an der Westküste oder in den südlichen Landesteilen die gleichen Bildungschancen haben wie anderswo."

Fast flächendeckendes Problem

Fast in allen Kreisen des Landes gibt es offene Stellen. Das Bildungsministerium hat zwar auch in diesem Jahr wieder mehr Planstellen ausgewiesen: 19.329 Stellen wird es landesweit im kommenden Schuljahr geben - rund 70 mehr als im laufenden Schuljahr. Ausgebildetes Personal dafür fehlt aber häufig. "Das ist regional sehr unterschiedlich und führt vor Ort oft dazu, dass die ausgebildeten Kollegen mehr Aufgaben übernehmen müssen", erklärt Astrid Henke. "Gleichzeitig können bestimmte Förderstunden wie zum Beispiel Deutsch als Zweitsprache nicht mehr erteilt werden, andere Angebote werden gestrichen oder die Klassen werden größer und die Kinder müssen alleine arbeiten." Bildungsministerin Prien streitet das nicht ab: "Junge Leute sind nicht so flexibel, wie wir uns das wünschen würden. Wenn sie in Kiel oder Flensburg studieren, wollen sie gern in der Nähe bleiben." Gewerkschafterin Astrid Henke sieht darin ein Problem: "Manche Schulen bekommen gewissermaßen ein tolles Segel, mit dem sie zur See fahren können. Und andere bekommen halt ein Fischernetz, wo der Wind durchpfeifft", meint sie. Viele Löcher seien nicht mehr zu stopfen.

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Prien: "Wir werden in Zukunft mehr junge Lehrkräfte ausbilden müssen"

Ministerin Prien sagt, ihr Haus habe ja schon viel getan, um den Lehrerberuf gerade auch in der Fläche attraktiver zu machen. "Wir haben für Grundschullehrkräfte die Besoldung auf A13 erhöht, für die Schulleitungen an Grundschulen auf A14", sagt Karin Prien. "Und wir werden in Zukunft mehr junge Lehrkräfte ausbilden müssen, da gibt es noch viel zu tun." A13 entspricht etwa 4.200 Euro. Die Landesregierung hatte beschlossen, ab dem Schuljahr 2020/2021 die Besoldung von Grundschullehrkräften stufenweise mit einer 20-prozentigen Zulage zu erhöhen. Im Schuljahr 2021/22 werden die Grundschullehrkräfte 40 Prozent des Unterschiedsbetrags zu A13 als Zulage erhalten.

Als Anreiz für die Arbeit im ländlichen Raum bekommen Lehrer im Vorbereitungsdienst, früher Referendare genannt, seit einigen Jahren eine Zulage, wenn sie in bestimmten Kreisen arbeiten. Diese etwas abfällig als "Buschprämie" bezeichnete Zulage von 250 Euro nutzen laut dem Schulleiterverband aber offenbar nur diejenigen Lehrkräfte, die ohnehin in unterversorgte Gebiete wie Dithmarschen oder Ostholstein wollen.

VIDEO: Der Kreis Dithmarschen sucht händeringend nach Lehrkräften (3 Min)

GEW: Keine schnelle Lösung in Sicht

Für die GEW-Vorsitzende Astrid Henke wäre eine Option, dass das Bildungsministerium Stellen für den Vorbereitungsdienst gezielt dort anbietet, wo ein Lehrkräftemangel herrscht: "Das wäre eine Möglichkeit, diese Entwicklung zu steuern und die nimmt die Ministerin nicht wahr." Henke sieht aber auch ein, dass es für das Problem des Lehrermangels keine schnelle Lösung gibt, denn die Ausbildung dauert nun mal sechs bis sieben Jahre.


21.09.2021 11:15 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieser Seite haben wir fälschlicherweise geschrieben, dass Lehrkräfte an Grundschulen bei der Besoldung seit 2018 denen an Gymnasien gleichgestellt sind. Wir haben die Stelle korrigiert. Richtig ist, dass die Lehrkräfte an Grundschulen seit 2020 stufenweise mehr Geld bekommen.

 

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 17.09.2021 | 07:00 Uhr

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