Stand: 22.06.2019 05:00 Uhr

Kreuzfahrt-Experte: "Der Branche fehlt Transparenz"

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Alexis Papathanassis ist Professor für Kreuzfahrt-Management und Tourismus an der Hochschule Bremerhaven. Zuvor arbeitete er unter anderem beim Touristikunternehmen TUI.

Vor knapp zwei Wochen hinderten Umweltaktivisten ein Kreuzfahrtschiff in Kiel stundenlang am Auslaufen. Am Mittwoch diskutierte der Landtag das Thema. Neben der Luftfahrt ist die Kreuzfahrt eine der Branchen, die in der aktuellen Klimadebatte besonders in der Kritik stehen. Der Protest bekam nicht nur in der Landeshauptstadt viel Unterstützung. Mit dem Kreuzfahrtexperten Alexis Papathanassis haben wir darüber gesprochen, ob die Branche sich selbst das Leben schwer macht und wie sie besser dastehen könnte.

Herr Papathanassis, verglichen mit der gesamten Schifffahrt, wie viel Umweltbelastung geht von Kreuzfahrtschiffen aus?

Alexis Papathanassis: Es gibt insgesamt rund 52.000 Handelsschiffe auf den Weltmeeren - je nachdem, wie man es definiert, gibt es rund 370 Kreuzfahrtschiffe. Folglich ist der Anteil der Kreuzfahrt an der gesamten Belastung durch Schifffahrt gering. Allerdings muss man auch sagen: Kreuzfahrt-Touristen müssen häufig erst einmal zum Hafen reisen, dort verbringen sie dann Zeit in einem Hotel. Ihr ökologischer Fußabdruck wächst also nicht nur während der Kreuzfahrt, sondern auch bei Ab- und Anreise - das ist als Gesamtpaket zu sehen.

Bezogen auf den Tourismus kann man sagen, dass drei Prozent des Umsatzes, der weltweit insgesamt generiert wird, aus dem Kreuzfahrtsektor kommen.

Wie erklären Sie sich die kritische Stimmung, die aktuell gegenüber der Kreuzfahrtbranche herrscht?

Papathanassis: Ich sehe zwei Gründe: Zum Einen ist die Kreuzfahrtbranche in den vergangenen Jahren extrem gewachsen und deutlich sichtbarer geworden. Sie hat sich nach außen als Boombranche präsentiert. Dadurch ist die Kreuzfahrt in den Köpfen der Leute sehr präsent und größer als sie eigentlich ist. Auf der anderen Seite fehlt es der Branche an Transparenz. Man will immer die heile Welt transportieren, geht mit Kritik aber nicht offen um und kommuniziert sehr defensiv und reaktiv.

Ein Beispiel ist die Kritik daran, dass Schiffe etwa in Länder wie Panama ausgeflaggt werden, um Steuern zu sparen. Das kommt nicht sonderlich gut an. Auch die Arbeitsbedingungen an Bord werden oft kritisiert, die Crewmitglieder arbeiten häufig rund um die Uhr für relativ wenig Geld.

Sind Menschen bereit Geld auszugeben, damit ihre Kreuzfahrt umweltfreundlicher wird?

Papathanassis: Wir haben ein Experiment durchgeführt. Bei diesem konnten Menschen eine einwöchige Kreuzfahrt buchen. Sie hatten zusätzlich die Möglichkeit, ein Nachhaltigkeitszertifikat zu erwerben. Dieses sollte 50 Euro kosten. Die Mehrheit der Probanden hat diese Möglichkeit nicht genutzt. Und das war nur ein Experiment. Natürlich kann das viele Gründe haben, aber ich folgere daraus, dass die Bereitschaft, mehr Geld für eine umweltfreundliche Kreuzfahrt zu zahlen, gering ist.

Die Reederei Hapag-Llyod bietet ihren Kunden die Möglichkeit, mit einem Klimarechner ihren ökologischen Fußbabdruck auszurechnen und mit einer Spende auszugleichen. Das finde ich gut, weil es transparenter ist und offensiv damit umgeht, dass Kreuzfahrt der Umwelt schadet.

Wie wird es mit der Kreuzfahrtbranche weitergehen?

Papathanassis: Ich habe neulich selbst eine Prognose erstellt und gehe von einer s-Förmigen Entwicklung aus. Diese Verlaufsform ist typisch. Das heißt, dass das Wachstum erst extrem steigt, dann stagniert und dann wieder runtergeht. Dieser Verlauf ist in der Wirtschaft üblich. Ich gehe davon aus, dass der Punkt der Stagnation in Deutschland in sieben bis acht Jahren erreicht ist.

Was kann die Kreuzfahrtbranche tun, um umweltfreundlicher zu werden?

Papathanassis: Es ist wichtig, dass wir von der Polemik wegkommen - dass wir nicht sagen: Kreuzfahrten sind schlecht oder gut. Meiner Meinung nach könnten viele kleine Schritte dazu führen, dass Kreuzfahrten umweltfreundlicher werden. So könnte man die Routen sinnvoller planen und dabei den Energieverbrauch im Hinterkopf haben. Etwa entspannter fahren, um weniger Energie zu verbrauchen. Hinzu kommt: Ein Kreuzfahrtschiff verbraucht nicht nur für die Fortbewegung Energie, sondern auch für den Hotelbetrieb an Bord. Hier könnte man meiner Meinung nach viel sparen, wenn man energieeffizient handelt - etwa bei der Beleuchtung oder bei der Lagerung von Lebensmitteln. Viele kleine Schritte könnten der Branche helfen, umweltfreundlicher zu werden.

Gehen Sie selbst auf Kreuzfahrten? Haben sie dabei ein schlechtes Gewissen?

Papathanassis: Ja, mache ich. Ich liebe große Kreuzfahrtschiffe. Für mich als Kreuzfahrtforscher ist das wie ein großer Abenteuerspielplatz. Ein schlechtes Gewissen habe ich allerdings nicht, weil ich versuche, dies durch kritische Forschung auszugleichen. Allerdings ist die Forschung häufig kompliziert, weil Reedereien nicht sehr kooperativ sind. Es wäre gut, wenn die Unternehmen uns Forschern mehr Möglichkeiten geben würden, über ihre Branche zu forschen. Dadurch würde die Transparenz steigen.

Das Interview führte Stefanie Döscher, NDR Schleswig-Holstein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.06.2019 | 12:00 Uhr

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