Stand: 10.03.2020 10:35 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Kontaktlinsen: 3D-Drucker statt Tierversuche

Dagmar Schneider sitzt am Computer und tippt Daten aus einem Brillenpass ein. Der Besitzer ist weitsichtig und hat eine Hornhautverkrümmung. Ein 3D-Drucker wird aus diesen Daten ein Augenmodell mit genau diesen Eigenschaften drucken. Sie braucht das künstliche Auge, um eine Kontaktlinse daran zu testen. Und sie braucht menschliche Zellen. Vor fünf Jahren hat die Biochemikerin ihr Unternehmen Nandatec mit Sitz in Lübeck gegründet. Sie hat sich auf Beschichtungen spezialisiert, die Oberflächen keimfrei hält.

Künstliches Auge: Kontaktlinsen ohne Tierversuch

Schleswig-Holstein Magazin -

Um bei Kontaktlinsen allergische Reaktionen zu vermeiden, müssen sie getestet werden. Das IZET-Institut in Itzehoe kommt auch ohne Tests an Kaninchen zu Ergebnissen.

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Nanoteilchen auf Kontaktlinsen

Mit einer Nanobeschichtung hat die Firma schon mal einen Bootsrumpf behandelt. Dadurch wurde er immun gegen Algenbewuchs. Mit Nanopartikeln im Nasen-Spray würde die Nasenscheidewand heil bleiben. Und mit Nanopartikeln behandelte Kontaktlinsen ließen sich einen Monat durchgehend tragen. Auch nachts. Vorausgesetzt, die Linse ist verträglich und verursacht keine Rötungen, Jucken oder Tränen. Kontaktlinsen sind medizinische Produkte. Dagmar Schneider muss sie also vorher auf Verträglichkeit testen.

Tierversuche nicht auf Menschen übertragbar

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Dagmar Schneider glaubt an ihre Methode - auch, weil ihr Unternehmen Tierversuche generell ablehnt.

"Leider werden in Deutschland Kontaktlinsen immer noch an Kaninchen getestet. Die haben große Augen, das ist besser für das Handling", sagt Dagmar Schneider. Denen würden dann die Linsen eingesetzt. Teilweise werde ihnen aber auch das Beschichtungsmaterial direkt ins Auge gespritzt. "Das mag man sich gar nicht vorstellen. In einigen Ländern ist das auch bereits verboten."

Diese Versuche sind nicht nur ethisch umstritten, sie sind Laut Schneider zudem ungenügend auf den Menschen übertragbar. Sollte das Kaninchen allergisch reagieren, müsse das menschliche Auge noch lange nicht dieselben Symptome zeigen. Die Übertragungsrate liege bei 47 Prozent. "Da können Sie auch würfeln" sagt sie. 

Menschliche Zellen statt Kaninchen

Statt eines Kaninchens arbeitet die Biochemikerin mit menschlichen Zellen. Sie stammen unter anderem aus menschlichen Blutzellen. Diese bringt Schneider mit der Linse und dem Kunstauge zusammen. Der Zellmasse-Linsen-Augen-Sandwich kommt nun für vier Stunden in eine Box. In dieser Zeit reagieren die Zellen auf die Kontaktlinse oder auf deren Beschichtungsstoff. "Der Vorteil ist, dass diese Daten viel besser übertragbar sind, weil man im humanen System ist." Die Übertragbarkeit auf den Menschen liegt bei über 70 Prozent. Würde sie den Vorabtest mit den Zellen vom Träger selbst durchführen, läge die Übertragbarkeit sogar bei 84 Prozent.

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In einer Schale führt die Biochemikerin die Linse zusammen mit menschlichen Zellen.

Dagmar Schneider macht mit dem Smartphone ein Vorher- und vier Stunden später ein Nachher-Foto. Eine App wertet den Vergleich aus. Unterschiede werden farblich sichtbar gemacht. Wie genau das funktioniert, ist Betriebsgeheimnis, so die Unternehmerin. "Rot wäre ganz schlecht, dann reagiert der Patient auf den Beschichtungsstoff. Rot bedeutet Zelltod. Dann hat die Zelle zu viel Druck abbekommen und die Zelle stirbt ab."  

Mit Zelltest Nische besetzen

Experten zufolge werden Kontaktlinsen immer beliebter, der Markt wächst. Schneider glaubt an ihre Methode: "Es gibt bereits jetzt mehrere Anfragen von Herstellern, sogar aus dem Ausland. Das könnte auch daran liegen, dass der geschilderte Tierversuch in der EU generell verboten werden soll." Sie will ihren Test so weiterentwickeln, dass die Auswertung komplett automatisiert abläuft. So könne ein Roboterarm die Linse auf das künstliche Auge setzen.

Um dieses Ziel zu erreichen, will sie weiter investieren. "Denn das gesamte Team von Nandatec lehnt Tierversuche ab. Die sollte es generell nicht mehr geben", sagt sie und verweist auf Tierversuchs-Ersatzmodelle. Die müssten viel stärker finanziell gefördert werden, fordert sie.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.03.2020 | 19:30 Uhr

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