Klima in SH: Keine Zeit zum Ausruhen

Stand: 30.11.2021 16:11 Uhr

Die Treibhausgas-Emissionen sind in 30 Jahren fast um ein Drittel zurückgegangen. Man könnte also meinen: In Schleswig-Holstein läuft es ganz gut in Richtung Klimaneutralität. Doch es reicht bei Weitem nicht aus.

von Maja Bahtijarević

Um klimaneutral zu werden, müssen wir Treibhausgase einsparen - so einfach ist die Rechnung. Seit 1990 ist der Ausstoß der klimaschädlichen Gase um etwa 30 Prozent zurückgegangen. Wir haben mehr Wind, als wir überhaupt nutzen können. Das Land war beim Ausbau der Erneuerbaren Energien wie Windkraft und Sonnenenergie sehr früh mit dabei. Klingt, als wäre Schleswig-Holstein gut aufgestellt, um eine Erwärmung über 1,5 Grad Celsius zu verhindern. Der Blick auf die Daten aus dem Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung (MELUND) zeigt, dass es die größte Reduktion von CO2-Emissionen bei Industrie und Energiewirtschaft gibt. Schön und gut, doch die Lage ist ernst: Uns rennt die Zeit davon.

Laut einem Bericht des MELUND zu Energiewende und Klimaschutz im Juni 2021 würden die Emissionen bis 2020 um 31 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Das unverbindliche Treibhausgasminderungsziel war 40 Prozent für das Jahr 2020. Die Verfehlung ist ein schwerer Verstoß: Mit der Unterzeichnung des Pariser Abkommens von 2015 hat sich Deutschland völkerrechtlich dazu verpflichtet, die festgelegten Klimaziele einzuhalten. Und mehr noch: Die Landesregierung hatte sich Ende 2020 für die Absicht der EU-Kommission ausgesprochen, im Rahmen des europäischen "Green Deals" das Emissionsreduktionsziel für das Jahr 2030 auf mindestens 55 Prozent gegenüber den Emissionen des Jahres 1990 anzuheben.

Zehn Jahre weniger zum Reagieren

Der Weltklimarat (IPCC) in Genf hatte im August seinen neuen Bericht über den Wissensstand zur Klimaerwärmung vorgelegt. Demnach erwärmt sich die Erde schneller als bislang angenommen: Der Bericht sagt bereits für 2030 einen Temperaturanstieg von 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter voraus - das wäre zehn Jahre früher als noch 2018 angenommen.

Durch die Verfehlungen der Politik, die bisherigen Ziele einzuhalten, ist jetzt ein noch radikaleres Durchgreifen notwendig als bisher: Um die Erderwärmung zu stoppen, müssen Deutschland und die Bundesländer die Energiewende entschlossener vorantreiben und schneller aus fossilen Brennstoffen aussteigen. Im Oktober hat die Landesregierung als Reaktion auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Ende April ihren Entwurf des neuen Klimaschutzgesetzes nachgebessert und um weitere Maßnahmen ergänzt: Es schränkt die Freisetzung von Treibhausgasen durch Heizen und Verkehr ein und verlangt nach mehr Photovoltaik.

So soll unter anderem die Wärme- und Stromversorgung der Landesliegenschaften bis 2040 CO2-frei gemacht werden und - mit wenigen Ausnahmen - alle Fahrzeuge der Landesverwaltung emissionsfrei sein. Der Schienenpersonennahverkehr soll bis 2030 treibhausgasneutral werden. Dabei sollen teilweise auch batterie-betriebene Lokomotiven zum Einsatz kommen. Das reiche alles nicht, um die Klimaziele zu erreichen, kritisierte die schleswig-holsteinische SPD.

Knackpunkt Energie: Wo wir stehen

Bei der Frage nach dem CO2-Ausstoß ist die Energiewirtschaft ein wichtiger Faktor - nach wie vor einer unserer größten Kohlenstoffdioxid-Posten. Schleswig-Holstein bringt mit seinem Standpunkt grundsätzlich gute Voraussetzungen mit, um Pionierarbeit zu leisten. Das findet auch Frank Osterwald, Fachmann für Energieforschung und Geschäftsführer der Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein. "Wir sind in der Tat schon sehr gut davor, weil wir eben auch schon so früh angefangen haben - wir haben ja den Ruf, die Wiege der Windenergie zu sein", sagt Osterwald. "Wir haben zum Beispiel drei bis vier Mal so viel grünen Strom pro Kopf aus Wind als wir verbrauchen können". Den könne man für andere Anwendungen in der Industrie zur Verfügung halten - zum Beispiel für die Elektromobilität oder die Erzeugung von grünen Wasserstoff, der wiederum für Industriewärme verwendet werden kann. "Das ist ein ganz, ganz wichtiger Faktor", meint Osterwald.

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Auch mit Batteriespeichern wie in Jardelund (Kreis Schleswig-Flensburg) oder Bordesholm (Rendsburg-Eckernförde) und dem Übertragungsnetz sei Schleswig-Holstein vorne - trotz der Hürden im Windausbau und der Herausforderungen in der Photovoltaik. In der Zwischenzeit sei der Netzausbau weitergeführt worden, sagt Osterwald: Die Netze seien heute viel besser in der Lage, mehr Energie aufzunehmen, zu verteilen und nutzbar zu machen. "Jetzt müssen wir nicht mehr so viel Wind abschalten, wie wir es sonst hätten tun müssen."

Anstrengungen im Klimaschutz müssen größer sein

Doch die Anstrengungen im Klimaschutz müssen größer sein. Zwar steigt die Zahl der neu zugelassenen E-Autos, doch das Statistische Bundesamt zählte für 2020 knapp 1,7 Millionen Pkw in Schleswig-Holstein - und die überwältigende Mehrheit davon mit Verbrenner unter der Haube. Und das Thema Moore ist ein wunder Punkt im Land: Laut Landesforsten sind 90 Prozent von etwa 150.000 Hektar der wichtigen Kohlenstoffsenken weitestgehend trockengelegt und damit eine bedeutende Treibhausgasquelle. Immerhin: Das Umweltministerium setzte sich im Oktober eine Strategie zur Renaturierung von Mooren auf die Agenda - und damit die Erhaltung der Artenvielfalt.

Dass der Handlungsbedarf beim Klimaschutz überaus dringlich ist, illustriert auch das "Handbuch Klimaschutz Schleswig-Holstein" deutlich.

Die Metastudie wurde im Oktober 2021 vom Landesverband des Vereins "Mehr Demokratie e. V." und der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben. "Unsere Grundfragestellung war: Welche Maßnahmen sind realistisch, ohne dass es einen großen gesellschaftlichen Umbruch gibt?", sagt Steffen Krenzer, einer der Autoren und Co-Redakteur des Dokuments. Er ist Teil des Teams, dass sich zur Aufgabe gemacht hat, mehrere Hundert Untersuchungen zum Klima zusammenzufassen. "Wir haben vorliegende Studien gesichtet und miteinander verglichen, um die wesentlichen Erkenntnisse darzustellen."

Basierend auf Veröffentlichungen des MELUND, des Umweltbundesamtes und anderen Instituten haben Krenzer und das Team Daten aus verschiedenen Jahren zusammengetragen und so aufgearbeitet, um das Thema so vielen Menschen wie möglich nahezubringen - auch in einer Ausgabe zu ganz Deutschland. Anerkennung dafür gab es unter anderem vom Kieler Klimaforscher Mojib Latif. "Was an den Daten so spannend ist, sind die Größenverhältnisse", sagt Krenzer. "Jedes Bundesland hat einen anderen Pfad, den es gehen muss."

Vernetzung der Bundesländer ist entscheidend

Mit "Pfade" bezeichnet Krenzer Empfehlungen, die aus der Metastudie hervorgingen: Jedes Bundesland unterscheide sich darin, welcher Sektor am meisten Treibhausgase freisetzt - und wo am meisten reduziert werden muss. "Alle Sektoren lassen sich ja nicht gleichzeitig angehen, manche brauchen länger als andere", sagt er und fügt an: "In Schleswig-Holstein gehört sicher die Landwirtschaft dazu - und das wird nicht so schnell gehen."

Deshalb stellt er besonders die Vernetzung der Bundesländer untereinander in den Fokus. Während Schleswig-Holstein im Bereich der Erneuerbaren Energien gut zulegen kann - weil es eine Überproduktion von Windkraft gibt - und damit die Treibhausgas-Emissionen im Sektor der Energiewirtschaft abbauen kann, ist davon auszugehen, dass die CO2-Reduktion in der Landwirtschaft nicht so schnell und weit voranschreitet - weil es ein führender Sektor im Land ist. Umgekehrt sieht es zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen aus: Dort fällt die Landwirtschaft kaum ins Gewicht - die Energiewirtschaft emittiert hingegen etwa die Hälfte aller Treibhausgase des Bundeslandes.

Was wir noch machen müssen

Gut davor zu sein, wie Osterwald sagt, reiche also nicht. "Der Stress durch den Klimawandel wird an allen Ecken und Enden immer größer", warnt der Fachmann. "Wir müssen dranbleiben - in der Forschung, in der Anwendung."

Es braucht Akzeptanz

Für Osterwald ist mit entscheidend, dass es für die ganzen Maßnahmen in der Energiewende auch Akzeptanz braucht - Akzeptanz in der Bevölkerung, aber auch Akzeptanz bei den Wirtschaftsunternehmen. Der Ausbau der Windkraft und der Netze seien sehr teuer, und das könne sich nur lohnen, wenn auch zum Beispiel regulatorische Anreize geschaffen würden. "Warum sollen sie und ich uns eine Photovoltaikanlage aufs Dach stellen, wenn es sich für uns am Ende nicht lohnt, wenn wir den Strom selbst gar nicht verwenden dürfen, weil wir ihn ins Netz einspeisen müssen und dafür auch noch viel Geld kalkulieren müssen, bevor wir den Strom dann selbst wieder verwenden dürfen?", fragt Osterwald rhetorisch.

All das müsse geschickt zusammengebaut werden, meint der Fachmann. "Wir müssen es auch schaffen, dass der grüne Strom, den wir produzieren, wirklich verwendet wird." Ein wichtiger Punkt aus seiner Sicht: So lange Energie aus fossilen Brennstoffen, die Schleswig-Holstein immer noch bezieht, günstiger ist als Energie aus erneuerbaren Quellen, bleibt es wirtschaftlich gesehen eine attraktive Alternative.

Oder doch Regulierung?

Akzeptanz ist wünschenswert. Doch um sicherzugehen, dass es ein Umlenken gibt, muss es finanziell spürbar sein. Und das nimmt nicht nur die großen Industrieunternehmen in die Mangel - auch das Konsumverhalten der Menschen muss sich ändern. Das forderten auch Experten bei einer Anhörung im Landtag Mitte November: Britta Klagge vom Geografischen Institut der Uni Bonn mahnte, dass technische Lösungen allein nicht reichten - ein Lebenswandel der Bevölkerung müsse her, im Zweifel gestützt durch politische Grenzen und Sanktionen. Michael Berger vom Institut für die Transformation der Energiewende an der FH Westküste teilt die Einschätzung und meint, die Menschen müssten "in die Pflicht genommen werden".

Klimaschutz: Eine Investition in die Zukunft

Oft wird über Kosten gesprochen - aber es ist wichtig, Klimaschutz als das zu sehen, was es ist: eine Investition in die Zukunft. Denn das, was tatsächlich Kosten verursacht, ist die Beseitigung der Schäden durch den Klimawandel. Ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit: Für die Flutkatastrophe in Teilen Deutschlands im Juli, bei der im Ahrtal mehr als 135 Menschen starben, meldete der Bund einen Schaden in Rekordhöhe von 29,2 Milliarden Euro. Eine ambitionierte Umweltpolitik hingegen senke die Kosten, die durch Umweltbelastungen entstehen, etwa in Form von umweltbedingten Gesundheits- und Materialschäden, Ernteausfällen oder Schäden an Ökosystemen, schreibt das Umweltbundesamt.

Keine Zeit zum Ausruhen

Schleswig-Holstein stellt sich breit auf. In jedem Sektor bleiben aber weiter große und kleine Stellschrauben, die noch zu drehen sind - manche mehr, andere weniger. Klar ist: Es gibt keine Zeit zum Ausruhen und auch keinen Grund dazu. Die Etappe, die sich Schleswig-Holstein für 2020 gesetzt hatte, ist verfehlt. Um dies aufzuholen und die definierten Ziele bis 2050 zu erreichen, muss sich das Land in den kommenden Jahren stark reinhängen. Projekte wie Westküste100, die Pyrolyseanlage in Borgstedt oder das nachhaltige Rechenzentrum in Nordfriesland zeigen schon in kleinem Maßstab, wie es gehen kann.

Klimaneutral in SH: Welche Maßnahmen sind vonnöten?

Die Autor*innen des "Handbuch Klimaschutz Schleswig-Holstein" formulieren unter anderem folgende Maßnahmen, um bis 2050 klimaneutral zu werden:

  • ehemalige Moore wieder vernässen, neue Wälder anpflanzen
  • die Düngung in der Landwirtschaft so umstellen, dass sie weniger Treibhausgase verursachen, Reststoffe aus der Düngung besser genutzt und Tierbestände reduziert werden
  • die erneuerbare Stromerzeugung weiter ausbauen - vor allem Wind- und Sonnenkraftwerke mit der notwendigen Infrastruktur
  • Kohlekraftwerke und etwas später auch Gaskraftwerke abschalten
  • einen großen Teil der Häuser sanieren und neu dämmen
  • Öl- und Gasheizungen durch andere Heizungen ersetzen
  • Fernwärme-Netze ausbauen und auf erneuerbare Wärme umstellen, Biogas-Anlagen anders nutzen
  • Bahnstrecken und ÖPNV weiter ausbauen und Regeln für die Innenstädte beschließen, um Personen- und Güterverkehr zu fördern
  • Pkw und Lkw weitgehend auf Elektro-Antriebe umstellen - ist das nicht möglich, die Treibstoffe erneuerbar erzeugen (vor allem im Schiffs- und Flugverkehr)
  • die Produktion in der Industrie auf ein absolutes Treibhausgas-Minimum umbauen
(Quelle: Handbuch Klimaschutz Schleswig-Holstein)

Von Bausteinen der Energiewende über eine Molkevergärungsanlage auf Pellworm bis hin zum Wasserstoff-Projekt "Westküste100": In einer mehrteiligen beschäftigen wir uns mit dem Klimaschutz in Schleswig-Holstein und aktuellen Klima-Projekten.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 30.11.2021 | 19:30 Uhr

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