Stand: 16.07.2018 05:00 Uhr

Kinderarzt: Fünf Monate warten auf einen Termin

vor Robert Tschuschke

Am frühen Nachmittag in einer Gemeinschaftspraxis in Norderstedt-Mitte: Ein paar Eltern warten mit ihren Kinder an der Hand oder auf dem Arm im Flur vor dem weiß-grünen Empfangstresen. Die Telefone klingeln kontinuierlich. Vier bis fünf Praxismitarbeiterinnen sitzen mit Headsets vor Computern, füllen gelbe Untersuchungshefte aus und führen Kinder und Jugendliche aus den bunten Wartezimmern hinein in die Behandlungsräume. Eine Mutter, die ihren Namen nicht nennen möchte, fragt nach einem Termin: "Wir sind gerade erst vor ein paar Wochen nach Norderstedt gezogen und müssten zu Vorsorgeuntersuchung." Die Mitarbeiterin am Empfang schüttelt den Kopf: "Es tut uns leid. Aber wir nehmen zurzeit keine neue Patienten auf. Vielleicht versuchen Sie es noch einmal im Herbst?"

Zu wenig Kinder- und Jugendärzte in SH

Aufnahmestopps in Südholstein

"Wir sind hier in einer Boom-Region", erklärt Arzt Dr. Christian Breuer. Bis zu 200 Patienten kommen täglich in die Praxis. Drei Ärzte haben volle Stellen, eine Ärztin arbeitet in Teilzeit. Ein Zwölfstundentag ist normal. 1.000 Vorsorgeuntersuchungen macht das Ärzteteam pro Quartal. "Es ist zäh", sagt Breuer, der betont, dass er den Job sehr gerne macht. Die Situation ist in Norderstedt mehr als angespannt. Keine einzige Praxis nimmt noch neue Patienten auf. "Es ist katastrophal", sagt Bente Matzen aus Henstedt-Ulzburg. "Vor ein paar Jahren ist meine Kinderärztin in Ruhestand gegangen. Wir wurden dann in Henstedt-Ulzburg überall abgewiesen. Wir hatten aber Glück, dass wir hier in Norderstedt noch aufgenommen wurden. Jetzt hätten wir hier auch keine Chance mehr".

Überversorgung oder Unterversorgung?

Im Kreis Segeberg gibt es laut Bedarfsplanung aktuell 18 Kinder- und Jugendarztstellen. Das sind nach Informationen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) fünf Stellen zu viel. Der Kreis ist damit eigentlich überversorgt. So ähnlich sieht es auf dem Blatt Papier in allen Kreisen und kreisfreien Städten in Schleswig-Holstein aus. Trotzdem: Engpässe in Flensburg haben sich bis nach Sylt herumgesprochen, in Nortorf behandelt die einzige Praxis vor Ort nur noch Nortorfer und auch in Rendsburg ist die Situation nach Angaben der Ärzte angespannt. Vor allem aber in Südholstein wie in Norderstedt, Ahrensburg, Glinde und Reinbek warten junge Patienten bis zu fünf Monate auf eine Vorsorgeuntersuchung.

"Es gab noch nie eine flächendeckende Versorgung"

Die Engpässe sind der KV bekannt. Ein Sprecher sagt, dass Handlungsmöglichkeiten unter anderem aufgrund bundesgesetzlicher Vorgaben begrenzt seien. Außerdem kosten zusätzliche Ärzte die Kassen Geld. Da werde genau hingeschaut. Eine große Krankenkasse gibt aber auf Nachfrage zu bedenken, dass die KV die Vereinbarungen gemeinsam mit den Krankenkassen aushandeln und "großes Einvernehmen" herrsche. Fakt ist: Die KV hat den gesetzlichen Auftrag, die ambulante ärztliche Versorgung sicherzustellen. Und: Für die Bedarfsplanung ist vereinfacht gesagt der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen verantwortlich. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte spricht von einem "Schwarzer-Peter-Spiel" und sagt, dass es noch nie eine flächendeckende Versorgung durch Kinder- und Jugendärzte gegeben habe.

"Vollkasko-Mentalität" und "Wehwehchen"

Laut Koalitionsvertrag der Bundesregierung soll die Bedarfsplanung reformiert werden. Das ist aus Sicht der KV, der Ärzte und so mancher Krankenkasse auch notwendig, weil aus ihrer Sicht die Berechnungsgrundlagen der Planung starr und veraltet sind. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung GKV verteidigt das aktuelle Vorgehen. Zum Beispiel werde der Bedarfsschlüssel regelmäßig aktualisiert. Die Engpässe hätten eventuell mit einer "Vollkasko-Mentalität der Eltern" zu tun, die "wegen kleinster Wehwehchen zum Arzt gehen". Allerdings legt der Spitzenverband GKV für dieses Argument keine Zahlen vor.

"Aus Engpässen können massive Probleme werden"

Zwar bestätigen viele Ärzte, dass Eltern häufiger in die Praxen kommen. Ein Grund ist tatsächlich der Gedanke, "auf Nummer sicher gehen" zu wollen. Es gibt aber auch weitere Aspekte: So verlangen Arbeitgeber zum Beispiel Krankschreibungen. Kitas und Ganztagsschulen fordern Atteste, die eine Nichtansteckungsgefahr bescheinigen. Die Engpässe haben aber auch mit dem starken Zuzug von Familien in Randbereichen von Städten und einer höheren Geburtenrate zu tun, wie die Zahlen des Statistikamtes bestätigen. Außerdem hat sich nach Angaben der Mediziner der Umfang und die Anzahl der Vorsorgeuntersuchungen erhöht. Sie sagen, dass sich die Engpässe zu massiven Problemen ausweiten werden. Denn: In den kommenden fünf Jahren rechnet der Berufsverband damit, dass ein Viertel der Kinder- und Jugendärzte in Ruhestand gehen wird.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.07.2018 | 05:00 Uhr

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