Karriereprobleme für Frauen in Medizinberufen

Stand: 16.08.2021 20:48 Uhr

Medizinberufe sind oft immer noch eine Männerdomäne - vor allem in Kliniken. Bei Frauen steht der Karriere oft der Wunsch nach Familie im Weg. Am UKSH sollen Frauen deswegen gezielt gefördert werden.

2.000 Ärzte und Ärztinnen arbeiten am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck und Kiel. Bei den Assistenz- und Fachärzten gibt es in etwa gleich viele Männer und Frauen. Ab der Position des Oberarztes sieht es da schon ganz anders aus. Bei den 300 Oberarztstellen liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent.

VIDEO: Junge Ärztin aus Lübeck gehört zur Nachwuchs-Elite (3 Min)

"Es fehlt an Vorbildern"

Eine von ihnen ist Charlotte Flüh. Die 34-Jährige hat vor zehn Jahren promoviert und im Oktober habilitiert. Inzwischen ist sie Privatdozentin und leitende Oberärztin. Sie glaubt, dass es noch immer zu wenig weibliche Vorbilder im medizinischen Bereich gibt: "Es gibt andere Länder, zum Beispiel Schweden, wo das traditionell ein bisschen anders ist. Und ich glaube, gerade diese Vorbildwirkung ist ganz entscheidend."

Arbeitszeiten schlecht mit Familie vereinbar

Die Tage von Charlotte Flüh sind lang: Oft beginnt ihr Tag morgens um 7 Uhr und endet, wenn es gut läuft, um 17 Uhr. Dazwischen: Visiten, zwei bis drei Operationen am Tag, Patientenberichte, Konferenzen - und obendrauf Nachtdienste und Wochenendbereitschaften. Das ist ein Pensum, das für viele Ärztinnen eine Hürde auf der Karriereleiter ist. Denn solche Arbeitszeiten sind mit Kindern nur schwer vereinbar. Vor allem in der Chirurgie ist Teilzeit oft nicht möglich, weiß Dr. Gisa Andresen, Vizepräsidentin der schleswig-holsteinischen Ärztekammer: "In den Arztpraxen ist es leichter, Familie und Beruf zu vereinbaren, weil man ja in der Regel die Arbeitszeiten selbst bestimmt. Ich muss auch betonen, dass inzwischen auch Männer Teilzeitmodelle anstreben, weil sie sich auch für die Familie zuständig fühlen."

Elternzeit könnte Karriere-Einschnitt bedeuten

Wichtig für die Karriere ist auch die Forschung. Charlotte Flüh hat sich auf Hirntumore spezialisiert. Manchmal sitzt sie bis 23 Uhr im Labor. Da sich die Forschung schnell entwickelt, könnte eine Elternzeit ein Karriere-Einschnitt sein. Den Sprung auf die Führungsebene schaffen nur wenige Frauen. Institutsleitung, Klinikleitung - nur zehn Prozent dieser Positionen sind von Ärztinnen besetzt.

Das UKSH habe deswegen ein Programm auf den Weg gebracht, um die Karriere von Ärztinnen zu fördern, erklärt die Gleichstellungsbeauftrage am UKSH, Marion Joppien: "Den Frauen werden in Tandembeziehungen Mentoren an die Seite gestellt. Dann wird genau geguckt, was sind die von mir gewünschten Karriereschritte, wie soll es weitergehen. Und wie kann es gelingen, Karriere und Familie zu vereinbaren." Außerdem ist im UKSH die Betreuung der Kinder von Mitarbeitern organisiert. Die Kita auf dem Campus ist von 5.45 Uhr bis 21 Uhr geöffnet, auch in den Ferien und sonnabends.

Karriere geht aktuell vor

Charlotte Flüh hat Prioritäten gesetzt, erst mal Karriere gemacht, bevor sie an Kinder denkt: "Ich möchte auf jeden Fall irgendwann eine Abteilung leiten. Das wäre schon mein Ziel. Parallel würde ich aber schon gerne eine Familie gründen. Die Optimalvorstellung wäre, dass man beides hinbekommt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 17.08.2021 | 19:30 Uhr

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