Hilfe für Mediensüchtige in SH stark nachgefragt

Stand: 23.08.2021 08:17 Uhr

Obwohl sich die Zahl der Hilfesuchenden innerhalb eines Jahres verdoppelt hat, soll die Beratungsstelle bei der Kieler Stadtmission geschlossen werden.

von Kati Bochow

Sie steht unter Druck: Gudrun Wamser, die Leiterin des Fachbereichs Sucht bei der Stadtmission Kiel. Sie bekommt jeden Tag viele Anrufe - von jungen, meist männlichen Hilfesuchenden. Denn die Zahl der sogenannten Mediensüchtigen hat seit Corona extrem zugenommen. In Schleswig-Holstein gibt es nur drei Anlaufstellen für diesen Bereich. Wie auch bei den anderen beiden Einrichtungen ist die Kieler Stelle projektfinanziert. Und dieses Projekt soll Ende des Jahres auslaufen.

Betroffene brauchen aber Hilfe

Gudrun Wamser von der Stadtmission Mensch blickt besorgt in die Kamera. © NDR
Gudrun Wamser, Leiterin des Fachbereichs Sucht bei der Kieler Stadtmission, kämpft für den Erhalt der Beratungsstelle.

Niklas (Name von der Redaktion geändert) schämt sich und hat Sorge, erkannt zu werden. Er war mittendrin in der Mediensucht. Ausbildung, Prüfungsstress - das hatte es wohl ausgelöst. Corona habe das alles begünstigt, aber er glaubt, er hat einfach etwas gesucht, was er selber beeinflussen kann. Zuletzt waren es täglich im Durchschnitt 13 Stunden, die er am Handy gespielt hat. Dort war der 23-Jährige dann am Ende an ein sehr kostenintensives Spiel geraten: Might and Magic - Era of Chaos. Ein Spiel, das nach Aussagen von Psychologen viele junge Menschen dann spielen, wenn die Ansprüche von außen in der Selbstwahrnehmung plötzlich zu stark werden. Es gebe Spiele, die könne man zuordnen: Prüfungsstress? World of Warcraft. Streit mit der Freundin? Dungeons and Dragons. Frust oder Langeweile? The Witcher. Und Ansprüche von außen? Eben Might and Magic, Starcraft oder auch Diabolo.

Mediensucht übernimmt immer mehr den Alltag

Fachberaterin Anna Schwitzer von der "Stadtmission Mensch" ist Niklas' Bezugsperson. Sie erzählt uns, dass sich eine Sucht bei vielen jungen Männern nach dem Auszug aus dem Elternhaus entwickelt. So war es auch bei Niklas. Er sei einfach nicht mehr richtig alltagstauglich gewesen. Und trotzdem beschreibt ihn Fachberaterin Schwitzer als normalen und durchschnittlichen Fall. Fluch und Segen bei ihm zugleich: Die App Era of Chaos fordert junge - vornehmlich männliche - Spieler subtil dazu auf, Einkäufe für das Spiel zu erledigen. Niklas hatte plötzlich Schulden, gab immer mehr Geld für sogenannte In-App-Käufe aus. Plötzlich waren seine Rücklagen weg. Da wusste er, dass er ohne Hilfe da nicht mehr herauskommt. Er selbst war zur Stadtmission gegangen. "Nicht ungewöhnlich", sagt Anna Schwitzer.

Betroffene helfen sich in Medienreduktionsgruppe

Neben den Beratungsgesprächen kam Niklas hier mit drei weiteren Süchtigen in eine sogenannte "Medienreduktionsgruppe". Die war die letzte, die noch von der Einrichtung  finanziert werden konnte. Anna Schwitzer erzählt: "Die Süchtigen dürfen keine Spiele mehr spielen, die Accounts werden komplett gesperrt. Handy ist erlaubt, aber nur noch zum Telefonieren. Und das wird auch kontrolliert. Der Weg da raus ist hart". Die jungen Menschen, die hierherkommen oder gebracht werden, seien alle klassische Fälle: jung, zwischen 20 und 30, intelligent, männlich. Niklas hat die Gruppe sehr geholfen, erzählt er. "Ich habe gesehen, wo ich stehe. Die Gruppe hat mir vor allem dabei geholfen, meinen Konsum selbst zu reflektieren." Genau damit arbeitet Anna Schwitzer auch in ihren Einzelberatungen: Sie hilft den Betroffenen dabei, zu erkennen, welche Vor- und Nachteile hat mein derzeitiges Spielverhalten, welche Folgen sind vielleicht schon entstanden. Dabei vereinbart sie Zwei-Wochen-Schritte, in denen die Betroffenen festlegen, was sie in dieser Zeit schaffen wollen. Dazu wird ein Medientagebuch geführt.

Pandemie hat Zahlen gesteigert

Erste wissenschaftliche Studien zeigen, dass der Mediengebrauch bei Kindern und Jugendlichen im Lockdown um 75% gestiegen ist. Gudrun Wamser erzählt, dass die Anfragen in der einzigen Beratungsstelle für Kiel und Umgebung in der Pandemie dramatisch angestiegen sind: Sie haben sich sogar verdoppelt (2018: 67, 2020: 134 Fälle). Momentan bemüht sie sich darum, dass das Sozialministerium die Anlaufstelle von einer Projektfinanzierung in eine Regelfinanzierung umwandelt. Damit die Beratung weiter gehen kann. Da die Leiterin inzwischen auch Anfragen von Kindergärten und ganzen Schulklassen bekommt, möchte sie die Beratungsstelle nicht nur erhalten, sondern ausbauen.

Niklas hat inzwischen sein Gesellenstück fertiggestellt, seine Lehre beendet und ist übernommen worden.  Ganz "clean" ist er aber immer noch nicht, doch er konnte sein Spielverhalten stark reduzieren und vor allem gut selbst kontrollieren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 23.08.2021 | 19:30 Uhr

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