Stand: 18.11.2019 07:02 Uhr

Hamburg - Lübeck: Neue Züge nicht barrierefrei?

Zu steile Rampen und zu kleine Wendeflächen für Rollstühle: Die neuen Doppelstockzüge für die Strecke Hamburg - Lübeck sind nicht barrierefrei.

Von 2022 an sollen 18 neue Doppelstockzüge zwischen Lübeck und Hamburg fahren. Eine Investition von 220 Millionen Euro, aber die sogenannten KISS-Züge (Komfortabler, innovativer, sprintstarker S-Bahn-Zug) der Firma Stadler sind laut Behindertenverbänden nicht barrierefrei. "Wenn man in den Zug hinein und zu den Rollstuhlplätzen möchte, muss man zwei Rampen mit 15 Prozent Neigung überwinden. Das ist für viele Rollstuhlfahrer einfach zu steil", sagte Heike Witsch vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter.

Zudem seien die Wendeflächen für größere Rollstühle zu klein. Für Witsch ein klarer Verstoß gegen die UN-Behindertenkonvention, nach der auch Menschen mit Behinderung ein gleichberechtigter Zugang zu Transportmitteln gewährleistet werden muss.

Züge erfüllen die Norm

Die Krux: Es gibt eine Norm, die die Züge erfüllen und damit ist der Barrierefreiheit auf dem Papier Genüge getan. "Wir wissen aber, dass das für manche Menschen mit Behinderungen nicht ausreicht", sagt Nah.SH-Sprecher Dennis Fiedel. Das Nahverkehrsunternehmen beauftragt die DB Regio damit, die Strecke zu bedienen. DB Regio wiederum bestellt die Züge beim Hersteller Stadler. Mit dem Unternehmen sei man bereits in Gesprächen, so Fiedel. "Aber so wie wir das jetzt absehen können, sind die Möglichkeiten begrenzt."

Soll heißen: Die Aussichten sind schlecht, zumal Waggons nicht nach Kundenwunsch gebaut werden, sondern sich nur die Innenausstattung konfektionieren lässt. "Die Breite und die Höhe der Wagen ist fest vorgegeben, da kann man wenig machen", erklärt Fiedel. "Im Inneren müssen wir auf die Deckenhöhe achten und deswegen wird das Untergeschoss so weit wie möglich abgesenkt, was die Rampen notwendig macht."

Rampen auch für Rollatoren und Kinderwagen zu steil

Laut Fiedel können auf der Strecke zwischen Lübeck und Hamburg eigentlich nur Doppelstock-Wagen eingesetzt werden: "Wir haben 24.000 Fahrgäste pro Tag auf den Strecken im künftigen Elektronetz Ost. Wenn wir das mit herkömmlichen Wagen abbilden wollten, bekämen wir ein Problem mit der Bahnsteiglänge. Und mit einstöckigen Steuerwagen vorn und hinten gehen wieder Sitzplätze verloren." Eine echte Lösung scheint zunächst nicht in Sicht.

Witsch kündigte aber an, dass sich ihr Verband weiter stark machen will. "Das ist ja nicht nur ein Problem für Rollstuhlfahrer, auch für Fußgänger sind das steile Rampen. Jemand mit einem Rollator oder eine Mutter mit Kinderwagen bekommt da sicher auch Probleme", meint sie. "An die Konsequenzen dieser Entscheidung, sich nur an die Norm zu halten, hat offenbar niemand gedacht."

ÖPNV sollte bis 2022 bundesweit barrierefrei sein

Besonders pikant dabei: Wenn die Züge im Dezember 2022 auf die Schiene gehen, will Deutschland eigentlich bundesweit einen barrierefreien Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) erreicht haben. Die Züge sind aber für einen deutlich längeren Zeitraum angeschafft: "Bei neuen Bahnfahrzeugen setzt man 30 Jahre als Lebensdauer an, das ist auch hier die Erwartung", so Fiedel.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 18.11.2019 | 06:00 Uhr

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