Gesucht und gefunden - eine neue Pastorin für Hallig Hooge

Stand: 07.02.2021 06:00 Uhr

Von Potsdam nach Hallig Hooge: Die neue Pastorin Hildegard Rugenstein ist mit ihrem Mann auf die kleine Hallig gezogen und will den Bewohnern geben, was lange fehlte.

von Lukas Knauer

Hildegard Rugenstein kramt in einer Umzugskiste. Vor etwa anderthalb Wochen ist die 62-jährige Pastorin von Potsdam nach Hallig Hooge gezogen und noch steht nicht alles an seinem Platz. "Kannst du mir eben mal mit dem Spiegel hier helfen", ruft Ehemann Björn vom anderen Ende des Flurs und löst derweil schon mal das Paketklebeband. "Es ist echt spannend, ob wir auch wirklich das Richtige eingepackt haben. Vorher wohnten wir auf mehr als 400 Quadratmetern, jetzt auf weniger als 100, das ist eine Umstellung, aber ich freue mich jetzt auch auf's Einrichten", sagt Hildegard schmunzelnd.

NDR-Beitrag machte auf Pastorensuche aufmerksam

Dass die Rugensteins heute in das frisch renovierte Pastorat auf der Hooger Kirchwarft einziehen, ist Folge einer glücklichen Fügung. Denn die vergangenen fünf Jahre war die Pastorenstelle auf der Hallig unbesetzt. Die letzten Kandidaten blieben nie länger als ein paar Monate. Über dieses Problem der kleinen Kirchengemeinde berichtete Anfang 2020 dann auch das Schleswig-Holstein Magazin im Beitrag "Pastor dringend gesucht". Und wie es der Zufall so will, sah Hildegard Rugenstein genau diesen Beitrag: "Es durchfuhr mich wirklich wie ein Blitz", erinnert sich Hildegard, "ich war in Vorpommern in meiner Dorfgemeinde und hab' mit schlechtem Internet NDR geschaut. Und eben diesen Beitrag gesehen. Im Anschluss hab' ich sofort meinem Mann eine SMS geschickt, ob ich mich da melden soll. Und er hat geantwortet: 'Ruf sofort an!'"

Hooger wünschen sich Pastorin, die sich für ihr Leben interessiert

Einen Tag später erreichte sie Gertrude von Holdt auf Hooge. Gertrude hielt in den vergangenen Jahren den Laden am Laufen, vertrat die Pastoren als Prädikantin und hielt Gottesdienste. Doch mit Anfang Siebzig will sich die gebürtige Pellwormerin nun langsam zurückziehen. "Jetzt kommt wirklich jemand, der ganz von außen kommt, der seine Beziehung zur Gemeinde aufbauen muss und ganz anders guckt, als ich in den letzten Jahren geguckt habe." Eine neue Konstante sei für die Gemeinde sehr wichtig, erklärt Gertrude von Holdt weiter. "Die letzten Pastoren waren nur einige Wochen am Stück hier und danach wieder weg. Die Halligbewohner möchten aber jemanden, der sie kennenlernt, der mit ihnen lebt, der versteht, warum sie so leben und das ist in so kurzen Zeiträumen einfach nicht machbar."

Wechsel auf die Hallig schwieriger als gedacht

Bereits anderthalb Wochen nach dem ersten Kontakt stattete Hildegard Rugenstein der Hallig einen Besuch ab. Schnell konnte sie Vertrauen zur Kirchengemeinde aufbauen. In kürzester Zeit waren sich alle einig: Sie passt nach Hooge. So schnell wie möglich möchte sie nun als Pastorin auf die Hallig wechseln. Doch die Corona-Pandemie und bürokratische Hürden verzögern den ganzen Prozess. Hildegard war bis vor kurzem noch bei den Hugenotten, in der Französisch-Reformierten Gemeinde in Potsdam aktiv und musste von dort zur Nordkirche wechseln. "Zwischenzeitlich hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, doch dann kam irgendwann der erlösende Anruf aus Kiel", erinnert sie sich.

"Sie hat sich mit der Materie Hallig auseinandergesetzt"

Fragt man die Hooger nach ihrer Meinung zur neuen Pastorin, hört man durchweg nur Gutes. "Sie wird schon ihre Aufgaben finden", meint etwa Bärbel Hirsch, die den kleinen Laden "Galerie Sturmflut" auf der Hanswarft betreibt, "vielleicht wird sie zu den Alten gehen und auch mit den Kindern etwas auf die Beine stellen, zumindest würde ich mir das wünschen." Auch Halligbewohnerin Hulda Möller, die gerade mit vollen Taschen den Halligkaufmann verlässt, ist von der neuen Pastorin angetan: "Ich denke, das passt wirklich. Weil sie auch ganz klar formuliert hat, dass sie sich mit der Materie Hallig und dem ganzen drumherum auseinandergesetzt hat." Dass Hildegard Rugenstein zusammen mit ihrem Ehemann nach Hooge gezogen ist, ist aus ihrer Sicht nur von Vorteil. "Vorher war immer das Problem, dass der Partner auf dem Festland geblieben ist. Und das ist dann meist nicht von langer Dauer gewesen."

Ein Neustart auf der Hallig

Ehemann Björn Rugenstein scheint sich jedenfalls wohlzufühlen. So gut wie jeden Tag ist er draußen unterwegs und erkundet die Natur. Vom Erscheinungsbild könnte man den 70 Jahre alten Wissenschaftler im Ruhestand glatt mit einem alten Seebären verwechseln. Zudem spricht er Mecklenburger Platt und kann sich so auch gut mit den Hoogern verständigen. Für ihn ist der Umzug auf die Hallig "ein Umzug in etwas Spannendes, in Schönheit, in etwas Interessantes. Und das ist doch genau das richtige in dem Alter in dem wir gerade sind. Bevor wir einschlafen, lassen wir uns nochmal so richtig wachpusten!"

Ähnlich sieht das auch seine Frau. Nach 36 Jahren verlässt Hildegard Rugenstein ihre Gemeinde in Potsdam mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Das war mein Lebenswerk, wir haben die Kirche renoviert, es sogar geschafft, neue Gemeindemitglieder zu gewinnen. Familiär hat es sich nun allerdings einfach so ergeben, dass ich jetzt zum ersten Mal überhaupt die Möglichkeit habe, eine andere Stelle anzunehmen. Und dann hab' ich eben diese NDR-Sendung gesehen und hab' die Chance ergriffen."

Pastorin will sich für Klimaschutz einsetzen

Der Vertrag der neuen Pastorin auf Hooge ist zunächst auf vier Jahre ausgelegt, eine Dreiviertelstelle. Dafür hatte sich der Kirchengemeinderat eingesetzt. In dieser Zeit wird sie ihre drei Kinder und sieben Enkelkinder wohl noch weniger sehen als zuvor auf dem Festland. Die Familie ist in der ganzen Welt verstreut, Hildegard sieht das allerdings pragmatisch: "Wir kriegen das schon hin, Videokonferenzen sind wir bereits gewohnt." Die Anfangszeit auf der Hallig will die frischgebackene Halligpastorin jedenfalls dazu nutzen, die Gemeindemitglieder kennenzulernen und ihre Herzensthemen Klima- und Naturschutz weiter zu verfolgen. "Auf der Hallig sind das Ausmaß der Klimakrise und die Verschmutzung der Meere bereits zu spüren, hier wird mir erst so richtig bewusst, wie bedroht unsere schöne Welt doch ist."

Weitere Informationen
Die Warft auf Hallig Suedfall, Nordfriesland, © picture-alliance / HB-Verlag Foto: Sabine Lubenow

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 07.02.2021 | 19:30 Uhr

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