Stand: 24.02.2018 11:00 Uhr

Gerichtsalltag: Kleine Fälle, große Geschichten

Am Amtsgericht Itzehoe werden jedes Jahr mehr als 1.000 Fälle verhandelt. Diebe, Dealer, Erpresser - die Richter kümmern sich hier um Straftaten aus dem Alltag, um Kleinkriminelle aus der Nachbarschaft. Die ganz großen Fälle - Mord und Totschlag etwa - landen gleich beim Landgericht. Viele der Verfahren des Amtsgerichts schaffen es höchstens als kleine Meldung in die Lokalzeitung. Doch auch hinter den kleineren Straftaten stecken große Geschichten, die es sich zu erzählen lohnt, fanden Reporter Lars Bessel und Gerichtszeichnerin Marion von Oppeln. Sie haben sich für ein Buchprojekt ein halbes Jahr solche Fälle angeguckt und erzählen über 20 davon ausführlich in einem E-Book ("Vom alltäglichen Scheitern", neobooks, 2018).

"Die Fälle sind jedes Mal emotional"

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Reporter Lars Bessel interessiert sich für die Vorgeschichte der Kriminellen.

"Die Fälle, die hier am Amtsgericht Itzehoe verhandelt werden, sind die, die uns allen passieren können", sagt Lars Bessel. Ihn interessiert besonders die Vorgeschichte der Straftäter. Warum wird ein Mensch kriminell? Manche seien rein zufällig in die Kriminalität geschlittert. "Das sind Fälle, mit denen man sich identifizieren kann." Bessel denkt etwa an den Prozess nach einem Verkehrsunfall: "Dabei ist jemand gestorben, weil der Angeklagte 20 km/h zu schnell gefahren ist und es eine Verkettung der üblichen bösen Umstände gab", sagt Bessel. Das habe sein Fahrverhalten geändert.

Vererbte Chancenlosigkeit

Andere Angeklagte seien aber auch Wiederholungstäter gewesen, erzählen die Autoren. "Durch viele Biografien zieht sich ein roter Faden, der mit einer ziemlich katastrophalen Kindheit beginnt, in der es allzu oft Gewalt und Alkohol bei Eltern gab, die es auch nicht anders von ihren Eltern gelernt haben", sagt Bessel. "Hier wird Chancenlosigkeit von Generation zu Generation weitergegeben. "

Eine Diebin klaute - für den Kontakt zur Bewährungshelferin

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"Es geht immer ums menschliche Scheitern", sagt Zeichnerin Marion von Oppeln.

"Emotional sind die Fälle jedes Mal, weil es immer ums menschliche Scheitern geht", sagt Marion von Oppeln. Besonders berührt hat die beiden die Geschichte einer Diebin, die immer wieder geklaut hat. "Die hat absichtlich noch mal gestohlen, weil sie Angst hatte, dass sie ihre Bewährungshelferin verliert. Das war die letzte Frau, zu der sie noch einen Bezug hat".

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 24.02.2018 | 19:30 Uhr

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