Ein Mann packt in einem Lagerraum ein Paket. © NDR

Die friesische Antwort auf Amazon

Stand: 25.12.2020 16:56 Uhr

Mit der Online-Plattform Friesen-Netz wollen mehr als 80 Geschäfte dem Online-Handel von Amazon und Co Konkurrenz machen.

von Lisa Knittel

Im März 2020 ging es los: Die Händler und Dienstleister zwischen Bredstedt und der dänischen Grenze registrierten sich auf der Online-Plattform Friesen-Netz. Vom Bürobedarf über Baustoffe bis hin zu Feinkost, Friseur und Klamotten aus der Region ist alles mit dabei. 15 Geschäfte liefern sogar noch am selben Tag der Bestellung die Ware aus. Damit wollen sie eine Antwort auf Expresssendungen großer Versanddienstleister geben. Außerdem sollen suchende Kunden vorab Infos über die regionalen Angebote bekommen und so zurück in die zunehmend leeren nordfriesischen Innenstädte kommen.

Gemeinsam an einen Online-Tisch - das Friesen-Netz

"Wenn man sich auch mal in Bredstedt umschaut, es wird leerer. Die Menschen kommen einfach nicht mehr direkt in die Stadt", sagt Thore Ziebell, Projektmanager des Handels- und Gewerbevereins Nord (HGV Nord). Das Problem sei, dass viele Menschen nicht wüssten, ob sie das jeweilige Produkt in der Innenstadt überhaupt bekämen. "Dann kaufen sie online und gehen der Region verloren", warnt Ziebell. Vor genau einem Jahr hat er seine Arbeit als Projektmanager der HGV Nord aufgenommen. Es ist ein Zusammenschluss von sechs Handels- und Gewerbevereinen in Nordfriesland. Thore Ziebell freut sich, dass nun an einem Strang gezogen wird: "Vorher haben sich viele als Konkurrenten gesehen, jetzt arbeiten die Händler dank des Netzwerks zusammen." Er musste viel Überzeugungsarbeit leisten, um die anfangs etwas sturen Nordfriesen an einen Online-Tisch zu bekommen. Mit Erfolg: Zum Start im März waren es noch 20, jetzt sind es bereits mehr als 80 Händler und Dienstleiter.

Morgens bestellt - abends geliefert

Von Anfang an auf der Plattform dabei ist Björn Martensen. Er betreibt einen Bürobedarfshandel kurz vor den Toren der Bredstedter Innenstadt. "Viele trauen sich nicht heran an Onlineshops oder haben nicht mal eine eigene Website. So ist es eine günstige Möglichkeit für uns alle, sich rechtssicher online zu präsentieren und auch noch auf weitere Angebote aufmerksam zu machen, dafür ist die Gemeinschaft ja da“, berichtet der Händler. Suchend geht er durch sein Lager. Greift rechts und links in nummerierte Kisten und packt einen Karton. Für einen Kunden im Homeoffice. Vorhin hat der angerufen, nachher liefert Martensen aus - nach Breklum. Er war sofort dabei, als vor zwei Wochen die kostenlose Lieferung am selben Tag im Friesen-Netz startete. "Ich hab auch schon einer Kundin um 22 Uhr eine Druckerpatrone nach Hause geliefert, weil sie in Quarantäne saß und unbedingt drucken musste. Das schafft nicht mal Amazon." Auch wenn er hauptsächlich große Elektromärkte mit Bürobedarf bundesweit beliefert und sich das Ausliefern finanziell nicht für ihn lohnt, Martensen weiß um den Mehrwert des Friesen-Netzes: "Ich bekomme einen Fuß in die Tür meiner Kunden. Habe ein Gespräch und bringe mich und mein Geschäft ins Gespräch vor Ort. Die perfekte Symbiose: online bestellt und trotzdem persönlicher Kontakt. Oft kommen Kunden auch zu einem Wunschtermin zu uns und holen ihre Sachen jetzt ab, weil sie über das Friesen-Netz bestellt haben - natürlich derzeit alles auf Abstand."

Aus der Region - für die Region

Von Mund-zu-Mund-Propaganda leben Ingo und Jana Neumann seit 15 Jahren mit ihrem Bekleidungsgeschäft "Calmwear" in der Haupteinkaufsstraße in der Bredstedter Innenstadt. Es ist leer geworden in den Schaufenstern um sie herum. "Wir machen natürlich längst Auftragsarbeiten für Kunden und nicht nur unser eigenes Surflabel", erzählt der Klamottendesigner und drückt den Hebel der Druckmaschine herunter. Es zischt laut und gibt den Blick auf ein dunkelblaues T-Shirt mit Logo frei. "Nur von unseren eigenen Surfklamotten könnten wir nicht leben." Mit dem Direktverkauf genug Geld verdienen - was bisher durch Weiterempfehlung gut geklappt hat, ist besonders im Corona-Jahr schwieriger geworden. "Es kommt viel weniger Laufkundschaft ins Geschäft. Auch ein Grund, warum wir jetzt dem Friesen-Netz beigetreten sind. Stillstand ist ja Rückschritt", erklärt Jana Neumann und etikettiert die dicken Kapuzenpullover. Seit drei Tagen sind sie erst auf der Plattform zu finden. Auch mit dem Auslieferung-am-selben-Tag-Prinzip. Über den eigenen Online-Shop gehe kaum etwas raus. Durch den gemeinsamen Online-Auftritt im Friesen-Netz erhoffen sie sich neue Aufmerksamkeit. Das macht Jana Neumann optimistisch: "Und dann kommen bestimmt wieder viele direkt in unseren Laden." Denn genau das wollen sie: Ihre Kleidung aus der Region an die Menschen in der Region verkaufen. "Und das neue Netzwerk - ich denke, das ist für die Händler in Nordfriesland die beste Gemeinschaft, die wir je hatten."

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Schleswig-Holstein Magazin | 28.12.2020 | 19:30 Uhr

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