Frauen lösen sich oft erst nach Jahren aus Gewaltspirale

Stand: 11.08.2022 21:11 Uhr

Jede Stunde erlebt eine Frau Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner, jede Woche gibt es vier Mordversuche, alle drei Tage stirbt eine Frau: hier, mitten in Deutschland - auch in Schleswig-Holstein.

von Elin Halvorsen

"Jede dritte Frau erlebt in ihrem Leben mindestens einmal geschlechtsspezifische Gewalt", sagt Kerstin Hansen, Geschäftsführerin vom Kooperations- und Interventionskonzept (KIK) Schleswig-Holstein. Insgesamt gab es in Schleswig-Holstein im vergangen Jahr 3.899 registrierte Gewalttaten gegen Frauen, eine unverändert hohe Zahl und auf ähnlichem Niveau wie die letzten Jahre.

Stark gestiegen sind zudem die Taten im Bereich "Bedrohung, Stalking, Nötigung". Das liege unter anderem daran, dass Stalking mittlerweile überhaupt als Straftat gewertet wird und so vermehrt in der Statistik auftaucht. "Es hat sich in den letzten Jahren zum Glück viel getan, in der Gesetzgebung oder dem Bewusstsein der Polizei, weil auch dort das Thema häusliche Gewalt mittlerweile ein fester Bestandteil der Ausbildung ist", sagt Kerstin Hansen, und ergänzt: "Die Polizei hat Mittel, wie zum Beispiel die sogenannte Wegweisung, um weitere Übergriffe zu verhindern."

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Wegweisung als Hilfe

Eine polizeiliche Wegweisung bedeutet, dass die gewaltausübende Person die Wohnung für eine gewisse Zeit nicht betreten darf. In Schleswig-Holstein liegt die maximale Zeit bei 28 Tagen, wobei das selten ausgeschöpft würde. Die häufigste Form von Gewalt, die Frauen erleben, ist laut Statistik die körperliche Gewalt mit mehr als 3.000 Fällen pro Jahr in Schleswig-Holstein, die in den letzten drei Jahren ähnlich hoch blieb. Wenn man die Zahlen jedoch über einen längeren Zeitraum betrachtet, sind diese kontinuierlich gestiegen: 2004 gab es noch 2.231 Polizeieinsätze zu häuslicher Gewalt, 2021 fast 4.000. Bei Femiziden, also Frauenmorden, liege Schleswig-Holstein außerdem über dem Bundesdurchschnitt, sagt Kerstin Hansen.

Viele suchen erst spät Hilfe

Fälle mit Gewalt in der Partnerschaft sind mittlerweile Alltag in den Beratungsstellen. Stefanie Pfingst aus der Frauenberatungsstelle Pinneberg sagt: "Oft dauert es mehrere Jahre, bis die Frauen sich aus der häuslichen Gewalt befreien können. Für viele ist es eine große Scham sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen und gescheitert sind. Die emotionalen und finanziellen Abhängigkeiten sind oft groß." Die Frauen befänden sich in einer Gewaltspirale, die schwer zu durchbrechen sei. Gewalt beginne selten mit einem Faustschlag ins Gesicht, sondern mit einem Schubser oder Gebrüll. Über die Zeit steigere sich die Gewalt dann. "Wenn der Täter dann Reue zeigt, Blumen und Pralinen zur Versöhnung mitbringt und Versprechungen macht, hoffen die Frauen zunächst auf eine einmalige Sache oder Änderung", sagt Stefanie Pfingst. So blieben die Frauen länger in den Beziehungen, auch weil sie nach und nach von ihrem Umfeld vom Täter isoliert werden.

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Viele Partner wollen alles kontrollieren

"Oft beginnt es mit falsch verstandener Zuneigung, zum Beispiel, dass er immer ganz genau wissen muss, wann sie wo ist und was sie mit wem macht, weil er sie angeblich so sehr liebt", sagt die Beraterin. Laut den Erfahrungen der Beratungsstelle werden am Anfang der Beziehung die Frauen oft auf Händen getragen, dann das Handy gecheckt, nach und nach Kontakte verboten, bis die Frau völlig isoliert ist und unter der Kontrolle des Täters steht. Meist handelt es sich bei häuslicher Gewalt also um einen schleichenden Prozess. Um zu erkennen, ob ein Gewaltpotential in der Partnerschaft vorhanden ist, kann es sehr wichtig sein, Warnsignale wahrzunehmen. Warnsignale können sein, wenn der Partner übertrieben eifersüchtig ist oder beginnt, die sozialen Kontakte zu kontrollieren. Dann sollte man sich Hilfe holen.

Mehr Trennungsberatungen

Sehr gefährlich sei es für Frauen gegenüber einem gewaltbereiten Partner eine Trennung oder Scheidung anzukündigen, erklärt Stefanie Pfingst. Dann eskaliere die Gewalt oft. Das Risiko, Gewalt zu erleben, könne bei einer Trennung bis zu fünf Mal höher sein, was oft aus dem Besitzanspruch des Täters entstehe. In dieser Situation seien die Frauen besonders auf Hilfe angewiesen. "Stellen Sie sich vor, es eskaliert zu Hause. Sie erleben einen Polizeieinsatz, alles geht wild durcheinander und vielleicht schreien auch noch die Kinder im Hintergrund. Da kann sich keine Frau merken, was die Polizei ihr erklärt hat, welche Rechte sie hat", sagt die Geschäftsführerin von KIK, Kerstin Hansen. Dafür sind die Frauenberatungsstellen dann da. Sie bieten ihre Hilfe an, erklären was da überhaupt gerade passiert ist, wenn die Polizei eine Wegweisung ausgesprochen hat. Die Beratungsstellen zeigen auf, welche Möglichkeiten die Frau hat, bieten psychosoziale Hilfe an und beraten finanziell.

Gesellschaft muss sich ändern

Insgesamt trauen sich mehr Frauen, in Beratungsstellen Hilfe zu holen. Das sei erstmal eine sehr gute Entwicklung, so die Beraterin. Trotzdem müsse sich auch die Gesellschaft verändern, fordern Kerstin Hansen und Stefanie Pfingst. "Beziehungsgewalt findet typischerweise im stillen Kämmerlein statt, deswegen wird es leider immer noch viel zu oft als Privatsache angesehen", sagt Pfingst. Betroffen seien Frauen aus allen sozialen Schichten, mit unterschiedlichem Einkommen und Bildungsstand oder Herkunft. "Wenn Sie hören, über ihnen fliegen die Fetzen, müssen Sie einsortieren: Ist das ein doller Streit oder ist das außer Kontrolle? Rufen Sie die Polizei lieber einmal zu viel an als zu wenig", sagt die Beraterin.

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Auf Warnsignale achten

Oft seien die Warnzeichen sehr subtil oder spät erkennbar für Außenstehende. Spätestens wenn Verletzungen wie blaue Flecke sichtbar sind, sei es eine Möglichkeit, die Frau allein anzusprechen, aber im geschützten Rahmen. Also nicht an der Bushaltestelle, sondern in einem ruhigen Moment im Treppenhaus, wenn sie sicher allein ist. Auch wenn man nur einen Verdacht hat, könne man überlegen: Wer spricht die Frau an? Ich oder die Nachbarin? Es sollte in jedem Fall eine Vertrauensperson sein. "Sagen könnte man: Ich höre öfter, dass es da mal laut wird bei Ihnen, brauchen Sie da Hilfe? Oder: Sollen wir ein Zeichen vereinbaren, wenn Sie Hilfe brauchen? Drei Mal stark Aufstampfen könnte ein Sicherheitscode sein beispielsweise", rät Stefanie Pfingst.

Gewaltsituation durchbrechen

"Wenn Sie die Leute kennen oder im Haus öfter gesehen haben, können sie versuchen die Situation zu durchbrechen, indem Sie klingeln und nach Zucker fragen", ergänzt sie. Das solle aber nie im Alleingang geschehen, sondern immer mit Verstärkung, zum Beispiel indem Freunde, Partnerinnen oder Partner eine Etage tiefer mithören, ob alles okay ist. Man sollte sich nie selbst in Gefahr bringen, wenn man helfen möchte. Das Allerwichtigste sei, die Frauen zu respektieren. Die Frauen entschieden selbst, wann und wo sie sich Hilfe holen. "Wenn sie danach wieder zum Täter zurück gehen möchten, ist das ihre Entscheidung, nicht unsere", sagt die Beraterin.

Frau entscheidet selbst, ob sie Hilfe annimmt

Das sieht auch Kerstin Hansen so: "Man sollte sich immer in die Situation der betroffenen Person begeben, vor allem sagen: Ich glaube dir und unterstütze dich in dem Weg, den du willst." Denn oft seien helfende Personen schon gedanklich weiter als die betroffenen Frauen und sollten dann nicht enttäuscht sein, wenn die Hilfe nicht angenommen wird, weil die Frau noch nicht so weit ist. Das Wichtigste sei Solidarität mit den Betroffenen. "Wer damit als außenstehende Person überfordert ist, kann sich auch an die Beratungsstellen wenden, auch dafür sind wir da", sagt Kerstin Hansen.

Augenhöhe zwischen Frauen und Männern

Damit sich jedoch grundsätzlich etwas ändere, brauche es ein Umdenken in der Gesellschaft. Männer und Frauen müssten sich in allen Lebensbereichen auf Augenhöhe begegnen, der Besitzanspruch an Frauen verschwinden. Darauf wollen die Frauenberatungsstellen aber nicht warten, sondern ihre Angebote ausbauen. Der nächste Schritt sei jetzt, die Kinder mehr in den Blick zu nehmen, die ein eigenes Angebot brauchen, landesweit. "Kinder die Gewalt erlebt haben, tragen das häufig in die nächste Generation weiter, diesen Kreislauf wollen wir durchbrechen", sagt Kerstin Hansen.

Soforthilfe bekommen Frauen über das bundesweite Hilfstelefon "Gewalt gegen Frauen" unter der kostenfreien Nummer 08000 116 016. Auf der Seite des Hilfstelefons (https://www.hilfetelefon.de/) gibt es ein umfassendes Onlineangebot für Frauen.

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Schleswig-Holstein Magazin | 11.08.2022 | 19:30 Uhr

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