Erster Gehörloser beginnt Ausbildung zum Feuerwehrmann

Stand: 31.05.2021 05:00 Uhr

Bei der Freiwilligen Feuerwehr Klein Offenseth-Sparrieshoop (Kreis Pinneberg) lässt sich Thomas Hoppe gerade zum Feuerwehrmann ausbilden, auch wenn er weder hören noch sprechen kann.

von Lena Haamann

Thomas Hoppe streift sich die schwere Einsatzjacke über und setzt sich den Helm auf. Dass er einmal seinen eigenen Spind bei der Feuerwehr haben würde, das war für ihn lange unvorstellbar. "Ich habe früher immer meinen älteren Bruder beneidet, der bei der Feuerwehr mitmachen konnte - im Gegensatz zu mir", sagt er, aber er tut das nicht mit Worten, sondern Gesten. Denn Thomas Hoppe ist gehörlos. Seit er drei Jahre alt ist, kann der heute 51-Jährige weder hören noch sprechen. Wie die Welt vor der Ohrenentzündung klang, die er damals erlitt, daran kann sich Thomas Hoppe nicht mehr erinnern, erzählt er in Gebärdensprache. Eine Dolmetscherin übersetzt für ihn, während er mit den Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Klein Offenseth-Sparrieshoop für seinen ersten Ausbildungslehrgang raus in den Hof der Feuerwache geht.

"Nein zu sagen, war niemals eine Option"

Feuerwehrmann Thomas Hoppe steht gemeinsam mit einem Kollegen und einer Gebärdendolmetscherin vorm Feuerwehrfahrzeug  Foto: Lena Haamann
Vermittelnd zwischen Azubi und Wehrführer: Gebärdensprachdolmetscherin Birte Stropahl übersetzt für Thomas Hoppe (l.).

Dort steht Gerd Schlüter vor dem geöffneten Einsatzwagen und erklärt die Geräte. Als der Wehrführer den Gasmelder vorführt, zucken die Kameraden beim grellen Alarmsignal kurz zusammen, nur Thomas Hoppe nicht. Der zweifache Familienvater in seiner beigefarbenen Uniform schaut konzentriert auf Schlüter, dessen Gerät und die Dolmetscherin, die ihm gegenüber vor dem Einsatzwagen steht. Mit seiner Behinderung hat er sich vergangenen Sommer endlich getraut, bei der Freiwilligen Feuerwehr anzufragen, ob er mitmachen kann. "Ich habe gedacht, Training und Übungen werden kein Problem sein, aber wenn es wirklich ernst kommt, dann könnte es schwierig werden", sagt er. "Deshalb habe ich schon gezögert." Im ersten Moment waren Wehrführer und Kameraden von seiner Anfrage überrascht. Doch "nein zu sagen, war niemals eine Option", sagt Schlüter. Einfach "ja" sagen konnte er allerdings auch nicht. Bevor Thomas Hoppe das Okay bekam, dabei sein zu können, hat es lange gedauert.

Wie sagt man "Spreizer" mit den Händen?

Sechs Monate dauerte der Antragskampf. Die Gemeinde, der Kreis, die Feuerwehrversicherung - alle mussten zustimmen. Auch für die Finanzierung einer Dolmetscherin mussten Hoppe und seine neuen Mitstreiter von der Sparrieshooper Feuerwehr kämpfen - erfolgreich. "Das war schon nervenaufreibend", sagte Hoppe. "Aber umso mehr freue ich mich, dass sie dabei ist und es nun endlich losgehen kann." Im März wurde er Mitglied, durch die Pandemie hat sich der Beginn seiner Ausbildung verzögert. Jetzt geht es endlich los, und auch die Gebärdendolmetscherin Birte Stropahl ist bei allen Lehrgängen und Dienstabenden dabei, damit Hoppe zu einem vollwertigen Feuerwehrmann ausgebildet werden kann. Dass es in der Gebärdensprache keine Zeichen für Feuerwehrfachbegriffe gibt, ist dabei für die zwei eine besondere Herausforderung und bindet sie aneinander. Denn was sich die beiden gerade an neuen Gebärden ausdenken, das kennt eben niemand Drittes.

"Eine riesen Bereicherung"

Feuerwehrmann Thomas Hoppe steht gemeinsam mit zwei Kollegen und löscht einen Mülleimerbrand  Foto: Lena Haamann
Einsatz am Mülleimer: Thomas Hoppe bedient den "Spreizer"

Bei Einsätzen wird Birte Stropahl allerdings nicht dabei sein. Für diesen Fall wollen seine Kameraden vorbereitet sein. Von Hoppes Frau Kirsten, die ihren Mann an diesem Tag begleitet, selber gehörlos ist und als Gebärdensprachdozentin arbeitet, lernen sie ein paar Wörter. Während einer Pause stehen alle im Kreis und schauen sie an. Die Stimmung ist heiter. Kirsten Hoppe hält beide Hände hoch und wackelt mit den Fingern. "Feuer" rufen alle, und machen es ihr nach. "Für uns ist das eine Riesen-Bereicherung", sagt später Catina Blume, eine von Hoppes neuen Kameradinnen, begeistert. "Thomas kann uns hier super unterstützen, er kennt sich zum Beispiel sehr gut mit Technik aus." Danach üben die Kameraden in der Feuerwehrhalle den richtigen Einsatz von Schere und Spreizer. Thomas Hoppe hat das Gerät zum ersten Mal in der Hand. Er spreizt mit aller Kraft einen Metallmülleimer auf, bis er mit einem lauten Knall zerspringt, und lächelt zufrieden. "Ich hätte nicht gedacht, dass das so viel Spaß macht."

24 Stunden in Rufbereitschaft

Ein Feuerwehrmann hält einen Meldeempfänger der Feuerwehr in der Hand  Foto: Lena Haamann
Pieper für einen Gehörlosen? Der Meldeempfänger vibriert auch.

Als gelernter Feinmechaniker soll er auch die Geräte- und Fahrzeugwartung übernehmen, so viel steht jetzt schon fest. Bei Einsätzen muss er allerdings in der zweiten Reihe bleiben. "Weil an der Einsatzstelle viele Gefährdungspunkte auf uns zukommen, die wir nicht vorhersagen können", sagt Wehrführer Schlüter. "Thomas wird am Einsatzwagen bleiben und den Kollegen die Geräte rausgeben, die Pumpe oder den Lichtmast bedienen." Hoppe steht daneben, bekommt die Worte des Wehrführers übersetzt und guckt ein wenig nachdenklich. "Natürlich ist das manchmal traurig", sagt er später. "Aber ich weiß ja, worauf ich mich einlasse, und kann deshalb auch gut damit umgehen. Es geht darum, anderen zu helfen. Und dazu muss es auch Leute in der zweiten Reihe geben." Im Herbst wird seine Grundausbildung abgeschlossen sein. Dann geht es mindestens einmal die Woche raus zu Einsätzen bei Großbränden, Autounfällen oder Gefahrgutvorfällen. Und er bekommt seinen eigenen Pieper, der den ersten gehörlosen Feuerwehrmann Schleswig-Holsteins per Vibrationsalarm 24 Stunden in Rufbereitschaft hält.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 31.05.2021 | 19:30 Uhr

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