Stand: 31.07.2020 06:07 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Eine Chronik: Vom Aufstieg und Niedergang der FSG

Die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft hat gute und schlechte Zeiten erlebt.

Wie es zu der größten Krise in der 148-jährigen FSG-Geschichte kommen konnte, hat NDR.de zusammengefasst.

1872 - 2008: Dampfer, Fracht- und Militärschiffe

1872 wird die FSG gegründet. Bis zum Jahr 2000 werden in Flensburg 700 Schiffe gebaut - alle zwei Monate läuft durchschnittlich ein Bau vom Stapel. Höhen und Tiefen gibt es immer wieder. So wird infolge der Wirtschaftskrise 1929 der Betrieb eingestellt. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg meldet die FSG mehrfach Insolvenz an. Dennoch geht es immer wieder weiter.

1872Gründung der FSG
1876 - 1914Dampfschiffe erleben in der Kaiserzeit einen Boom
1914 - 1919Bau des ersten U-Boots und von zwei Minensuchbooten
1920 - 1939Die FSG konzentriert sich auf Frachtschiffe
1941 - 1945Bau von 28 U-Booten in Serie während des Zweiten Weltkriegs
1950 - 2008Fracht-, Containerschiffe und Militärversorger
1990 - 2008Die FSG gehört dem Lübecker Traditionsunternehmen Oldendorff

2008 - 2014: FSG in der Hand von Private Equity

Zu Beginn des neuen Jahrtausends läuft der Betrieb in Flensburg im Vergleich zu anderen Werften relativ gut. Die FSG hat mit den selbst entwickelten RoRo-Fähren für den Lkw-Transport eine erfolgreiche Nische gefunden. Die Werft ist meist mehrere Jahre im Voraus mit Aufträgen ausgelastet. Die Übernahme des Unternehmens durch das Private Equity-Unternehmen Orlando im Jahr 2008 stellt dann aber aus Sicht vieler Mitarbeiter eine Zäsur dar, da Orlando Geld aus dem Unternehmen abgezogen habe. Treibende Kraft ist Geschäftsführer Peter Sierk, der selbst zum Investor wird. Zunächst erlebt die Werft noch mehrere hochproduktive Jahre. Zuletzt reißt die Auftragsserie der RoRo-Fähren aber ab. Als ein Grund gilt die starke, subventionierte Konkurrenz in Fernost.

2008Das Unternehmen Orlando übernimmt die FSG durch einen Management-Buy-Out
2008 - 2014Mehr als 20 weitere RoRo-Fähren sowie ein Einsatzgruppenversorger für die Marine laufen vom Stapel
2013Die FSG sucht neue Nischen: Zwei Schwerlastschiffe und zwei Offshore-Seismik-Schiffe zur Erschließung von Ölquellen auf hoher See gehen in Auftrag

2014 - 2016: Siem übernimmt das Ruder

Plötzlich sind keine RoRo-Aufträge mehr da. Hinter den Kulissen stehen die Zeichen auf "Krise". Durch den Spezialschiffbau gelangt die FSG aber auf das Radar des norwegisch geführten Unternehmens Siem, das international in der Ölförderung tätig ist. Siem übernimmt die FSG und stellt damit auch sicher, dass zwei selbst bestellte Offshore-Schiffe fertig gestellt werden können. Anschließend hält Siem den Betrieb durch die Bestellung von RoRo-Fähren am Laufen.

12.2.2014Siem bestellt zwei Offshore-Schiffe
15.9.2014Siem übernimmt die FSG
2014 - 2016Die FSG liefert vier Offhore-Schiffe und eine mittelgroße Passagierfähre ab
2016 - 2019Siem bestellt insgesamt acht RoRo-Fähren
31.5.2016Die FSG nimmt einen Auftrag für eine riesige Passagierfähre an: die "W.B. Yeats"
1.7.2016Rüdiger Fuchs wird neuer Geschäftsführer
4.11.2016Sanierungsplan für die FSG mit dem Abbau von 98 Arbeitsplätzen
15.11.2016Landesbürgschaften von 63 Millionen Euro sichern den Bau von vier RoRo-Fähren und der "W.B.Yeats"

2016 - 2019: Die FSG verhebt sich am Bau der Großfähren

Die Hoffnungen auf weitere Aufträge im Offshore-Segment haben sich zerschlagen. Stattdessen setzt die FSG nun auf den Bau riesiger Passagierfähren, die nur noch knapp in die 1982 gebaute Halle passen. Zwar zeichnet sich ab, dass die Premiere mit der "W.B.Yeats" ein finanzielles Fiasko wird. Dennoch glaubt Geschäftsführer Rüdiger Fuchs, dass die FSG nach der steilen Lernkurve künftige Aufträge günstiger bauen kann. Dabei fehlen der Werft Ingenieure. Die zweite große Passagierfähre "Honfleur" gilt mit LNG-Flüssiggas-Antrieb als noch komplizierter als die W.B. Yeats.

Juli 2017Vertrag für die zweite Großfähre "Honfleur". Von 143 Millionen Euro werden laut Brittany Ferries knapp 50 Millionen Euro über die Europäische Investitionsbank finanziert. Den Großteil des Risikos trägt Siem
2017-2018Drei weitere Aufträge für den Bau von Großfähren für die Irish Continental Group und die australische TT-Line
2018Die Insolvenz eines polnischen Zulieferers und viele technische Detailprobleme verzögern den Bau der "W.B.Yeats"
12.12.2018Auslieferung der "W.B.Yeats"
14.12.2018Die "Honfleur" läuft vom Stapel

2019 - 2020: Siem steigt aus, Windhorst ein

Siem will die FSG loswerden, nachdem im Jahr 2018 ein Verlust von 111 Millionen Euro im Geschäftsbericht ausgewiesen ist. Der Finanzinvestor Lars Windhorst übernimmt mit seiner Gesellschaft in zwei Schritten sämtliche Unternehmensanteile der FSG. Aus Fachkreisen heißt es, sein Engagement sei die Folge einer größeren geschäftlichen Kooperation mit Siem. Windhorst macht der Belegschaft Hoffnung, indem er sogar den Ausbau der Werft in Aussicht stellt. Immer mehr Mitarbeiter gehen jedoch in Kurzarbeit. Der Bau der "Honfleur" kommt nur langsam voran. Für etwas Betrieb sorgt der Bau der letzten beiden RoRo-Fähren. Als beide fertig sind, meldet die FSG Insolvenz an.

31.1.2019Geschäftsführer Fuchs will Insolvenz anmelden, wird jedoch wenige Minuten vor einer Betriebsversammlung abgesetzt
11.2.2019Lars Windhorst vereinbart, 76 Prozent der FSG zu übernehmen und mehr als 30 Millionen Euro frisches Kapital bereit zu stellen
30.4.2019FSG kündigt befristete Kurzarbeit bis zum Sommer an
30.8.2019Windhorsts Tennor-Holding übernimmt sämtliche FSG-Anteile
27.2.2020Stornierung der zwei Großfähren für die australische TT-Line
18.3.2020Kurzarbeit für die komplette Belegschaft. Offizieller Grund: Corona
26.3.2020Auslieferung des letzten RoRo-Schiffs an Siem

Seit April 2020: Insolvenz angemeldet

Nachdem vier Aufträge für Großfähren storniert sind, steht die FSG ohne Aufträge da. Im Nachhinein stellt sich die Frage, wie konkurrenzfähig die Werft tatsächlich ist. Mit Ausnahme der verlustreichen Großfähre W.B.Yeats ist Ex-Eigentümer Siem seit 2016 der einzige Auftraggeber der FSG. Siem hat inzwischen acht RoRo-Frachtfähren bauen lassen und stellt zunächst vier weitere Aufträge in Aussicht. Zuletzt war nur noch von zwei RoRo-Fähren die Rede.

24.4.2020FSG meldet Insolvenz an
26.4.2020Es stehen Aufträge für vier RoRo-Fähren laut Windhorst in Aussicht
7.5.2020Windhorst gewährt der FSG einen Massekredit über 5 Millionen Euro
11.6.2020Irish Continental Group storniert Auftrag für zweite Großfähre
11.6.2020Die russische Pella Sietas-Gruppe bekundet Interesse an Kauf der FSG
13.6.2020Kurzarbeit beendet für Instandsetzung des Werftgeländes
18.6.2020Brittany Ferries storniert den Auftrag für die "Honfleur"
24.6.2020Die Verhandlungen mit Pella Sietas geraten kurz vor dem Abschluss ins Stocken
24.7.2020Transfergesellschaft für 6 Monate finanziert. Das Geld dafür hat die FSG durch einen Vergleich: Siem übernimmt die "Honfleur"

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 31.07.2020 | 08:00 Uhr

Der Poker um die insolvente Flensburger Werft FSG

Hinter den Kulissen der insolventen Flensburger Werft FSG geht es rund: Es geht um stornierte Aufträge, einen möglichen Rückzug des Investors und Interesse aus Russland. Eine Traditionswerft wird zum Spielball. mehr

FSG: Transfergesellschaft für sechs Monate gesichert

Bei der insolventen Flensburger Schiffbau-Gesellschaft sind die Mitarbeiter bei einer Betriebsversammlung über den künftigen Kurs informiert worden. Es gibt Neuigkeiten für die knapp 700 Mitarbeiter. mehr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:28
Schleswig-Holstein Magazin
02:38
Schleswig-Holstein Magazin
00:59
Schleswig-Holstein Magazin