Stand: 11.03.2020 05:00 Uhr

Mit der JVA-Seelsorgerin hinter Gittern

Mörder, Betrüger, Erpresser, Vergewaltiger, Entführer - viele von ihnen sitzen ihre Strafen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lübeck ab. Es ist ein Leben hinter verschlossenen Türen, hohen Mauern und Stacheldraht. Jeden Tag mit diesen Tätern zu sprechen, ist ein anspruchsvoller Job. Martina Zepke-Lembcke hat sich genau diese Arbeit ausgesucht. Sie ist Gefängnis-Seelsorgerin und kümmert sich um die Probleme der Insassen, hört ihnen zu.

VIDEO: Gefängnisseelsorgerin in der JVA Lübeck (4 Min)

Harte Jungs weinen auch mal

Vor einem halben Jahr trat Martina Zepke-Lembcke ihr neues Amt offiziell an. Schon davor hatte die Pastorin in der Seelsorge gearbeitet, unter anderem im forensischen Bereich einer Psychiatrie. Als sie die Stellenausschreibung der JVA Lübeck las, dachte sie: "Das ist etwas, was ich kann." Inzwischen hat sie unzählige Gespräche mit den Gefängnisinsassen geführt. Dabei lernte die 56-Jährige schnell, dass "in jedem harten Jungen auch ein kleiner Junge steckt, der verletzt worden ist". Sie sei erschüttert, wie viele der sogenannten harten Jungs traumatisierende Erlebnisse in ihrer Lebensgeschichte haben. Es komme nicht selten vor, dass Täter vor ihr in Tränen ausbrechen. Man dürfe nicht vergessen, dass Menschen, selbst wenn sie so schwere Straftaten begangen haben, dennoch Menschen sind.

Gespräche nur auf Antrag

Einfach drauf losplaudern, das geht in der JVA nicht. Gefangene, die mit der Gefängnisseelsorgerin sprechen möchten, müssen einen Antrag stellen. Bis zu drei Wochen kann es dauern, bis Martina Zepke-Lembcke Zeit für sie findet. Wie lange die Straftäter dann bei ihr bleiben, ist sehr unterschiedlich. Auf eines könnten sich die Häftlinge allerdings verlassen: "Vom Gespräch dringt nichts nach außen", sagt sie. Für die Täter sei es die einzige Möglichkeit im Gefängnis, im geschützten Rahmen zu sprechen. Das nutzen sie oft, um auf andere Gedanken zu kommen, wie Martina Zepke-Lembcke betont. Aber auch, um über ihre Taten zu sprechen und wie sie sie bewältigen könnten. Das sei vielen sehr wichtig.

Klare Grenzen - auch in der Gefängnisseelsorge

Mit Martina Zepke-Lembcke können die Gefangenen über alles sprechen. Fast alles. "Wenn mir jemand einen Missbrauch ausführlich schildern möchte, dann würde ich 'Nein' sagen. Das gehört hier nicht her." Glücklicherweise habe sie so eine Situation bislang nicht erlebt. Ärgerlich wird die Pastorin, wenn sich Häftlinge im Gespräch mit ihren Taten brüsten oder sie ihre Taten verharmlosen beziehungsweise mit den Taten anderer Häftlinge vergleichen.

"Ich habe ja nur eine Tankstelle überfallen und bin nicht so schlimm wie der, der jemanden abgemurkst hat. Dieses sich vergleichen wollen, das finde ich ganz furchtbar. Denn für das einzelne betroffene Opfer ist es immer schlimm". Generell ist es der Seelsorgerin wichtig, die Opferseite in den Gesprächen zu thematisieren, auch wenn sie sich in ihrem Job vorrangig um die Gefühle der Täter kümmere.

Konfessionen spielen keine Rolle

Pastorin Zepke-Lembcke arbeitet im Dienst der evangelischen Nordkirche. Ein Kollege kümmert sich um die katholische Konfession. Der Glauben der Insassen, die mit ihr das Gespräch suchen, spielt aber generell keine Rolle. Wer zu ihr kommt, sei ein Mensch, der seine Strafe absitzt. "Aber auch ein Mensch, der ein Gegenüber braucht, Leben braucht und sich mit den spirituellen Seiten seines Lebens beschäftigen möchte."

So komme es auch schon mal vor, dass sie gemeinsam mit dem Hilfe suchenden Straftäter eine Kerze anzündet, ein Lied singt oder einfach nur eine Runde Karten spielt. Ihr Ziel: Den Gefangenen vermitteln, dass sie nicht abgeschrieben sind. Dass jemand da ist, der sie als Menschen wahrnimmt.

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Schleswig-Holstein Magazin | 10.03.2020 | 19:30 Uhr

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