Stand: 04.12.2019 05:00 Uhr

Demenz: Mehr Kranke, zu wenig Pflegeplätze

Von Andrea Schmidt

Bild vergrößern
Zu wenig Fachkräfte kümmern sich um immer mehr Menschen mit Demenz.

Noch vor zehn Jahren waren in Schleswig-Holstein etwa 40.000 Menschen an Demenz erkrankt. "Jetzt liegt die Zahl der Betroffenen schon bei 60.000", sagt der Leiter des Kompetenzzentrums Demenz Schleswig-Holstein, Swen Staack. Die Menschen werden immer älter, und Demenz und Alzheimer sind bis heute nicht heilbar. Viele Angehörige fühlen sich allein gelassen. "Angehörige sind häufig überfordert, ambulante Dienste sind ausgeschöpft, die Kurzzeitpflege ist katastrophal", bilanziert der Diplom-Sozialpädagoge Staack. In Pflegeheimen mit speziellen Demenzabteilungen ist der Andrang groß. Hinzu kommt, dass überall Fachkräfte fehlen.

Schleswig-Holstein ist noch gut aufgestellt

Eine Pflegerin massiert die Hände einer Seniorin. © dpa-Bildfunk Foto: Oliver Berg

Schwierige Situation für Demenzkranke in SH

NDR 1 Welle Nord - Nachrichten für Schleswig-Holstein -

In Schleswig-Holstein gibt es immer mehr Demenzkranke. Viele Angehörige fühlen sich allein gelassen. Das größte Problem ist nach Ansicht des vdek der Fachkräftemangel.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dabei ist Schleswig-Holstein beim Thema Demenz eigentlich noch gut aufgestellt. Bundesweit existieren vier Demenzpläne. Der Demenzplan Schleswig-Holstein ist nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Kiel der einzige, der auf der Grundlage eines Landtagsbeschlusses erarbeitet wurde. Das Kompetenzzentrum ist seit vielen Jahren damit beauftragt, das Angebot für betroffene Schleswig-Holsteiner zu verbessern und alle beteiligten Akteure miteinander zu vernetzen. Ebenfalls positiv: Laut dem Verband der Ersatzkassen (vdek) hat Schleswig-Holstein unter den Bundesländern die höchste Anzahl von vollstationären Pflegeheimplätzen pro 100.000 Einwohner. Zahlen für spezielle Pflegeplätze für Demenzkranke gibt es allerdings nicht.

Kurzzeitpflege ist überhaupt nicht abgedeckt

Die Gesundheitsbranche ist sich einig, dass die Lage ziemlich angespannt ist. Möchten beispielsweise Angehörige von Demenzkranken Urlaub machen, stehen sie häufig auf verlorenem Posten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Heime diese Plätze - beispielsweise für vier oder acht Wochen Verhinderungspflege - nicht gerne anbieten. Es gibt viel mehr Geld, wenn diese Plätze vollstationär belegt werden. "Eine Studie besagt, dass 90 Prozent dieser Anfragen abgelehnt werden", sagt der Leiter des Kompetenzentrums, Staack.

Lange Wartelisten und Fachkräftemangel

Weitere Informationen

Alzheimer und Demenz: Fragen und Antworten

Was bedeutet Demenz? Worin besteht der Unterschied zu Alzheimer? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es zurzeit? Antworten auf Fragen zu Demenz und Alzheimer-Erkrankungen. mehr

Erkranken die Eltern oder Großeltern an Demenz und können nicht mehr zu Hause gepflegt werden, brauchen die Angehörigen oft einen langen Atem, um einen geeigneten Platz zu finden. Zahlen des Bundesverbandes privater Anbieter zeigen, dass 80 Prozent der Anfragen abgelehnt werden. Nach acht Wochen Wartezeit hat zumindest die Hälfte der Antragsteller eine Chance auf einen Heimplatz. Das Problem Fachkräftemangel wird zurzeit mit großer Initiative angegangen. "Die Ausbildungsoffensiven für Fach- und Hilfskräfte sind gut, sie werden aber erst in einigen Jahren Früchte tragen", befürchtet vdek-Sprecher Florian Unger. Viel geeignetes Personal wandere auch ab zu den Krankenhäusern, wo mitunter besser bezahlt wird.

Ambulante Dienste und Demenz-WGs

Auch mit ambulanten Diensten, also Hilfe in den eigenen vier Wänden, sieht es nach Angaben vom Verband der Ersatzkassen und des Kompetenzzentrums nicht gut aus. "Einige ländliche Regionen werden zum Teil nicht mehr angefahren", beobachtet Staack. Auch hier fehlen Fachkräfte. Eine Alternative sind Demenz-WGs. Sie scheinen ein neuer Trend zu sein. Laut Gesundheitsministerium gibt es in Schleswig-Holstein derzeit 82 Wohngemeinschaften mit überwiegend an Demenz erkrankten Menschen. "Diese Angebote sind super, aber da in einer WG zum Beispiel nur zwölf Menschen untergebracht sind ...", setzt Staack an, beendet den Satz aber nicht. Er wirkt resigniert. Es sollte wohl heißen, dass das aber auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

Weitere Informationen

Ratgeber Gesundheit

Aktuelle Informationen aus der Medizin - zu Krankheitsbildern, Therapien und Forschung. Das Themenportal rund um das Thema Gesundheit bei NDR.de. mehr

Gedächtnistraining: Erinnern und klicken!

Einfach nur schusselig oder ernsthaft vergesslich? Mit zunehmenden Alter wird es mit dem Merken und Erinnern nicht besser, aber das Gedächtnis kann man auch spielend trainieren. mehr

Demenz: Wenn Technik das Leben leichter macht

Vom Ortungssystem zum Ein-Knopf-Computer: Auf dem Fachtag "Technik und Demenz" in Norderstedt haben Unternehmen gezeigt, wie digitale Produkte das Leben mit Demenz einfacher machen können. mehr

NDR Info

Pflegekräfte meiden Deutschland

NDR Info

Miese Arbeitsbedingungen: Qualifizierte Pflegekräfte arbeiten lieber in Skandinavien, England oder der Schweiz als in Deutschland. Wie lange kann das noch gut gehen? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.12.2019 | 08:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

04:19
Schleswig-Holstein Magazin
02:37
Schleswig-Holstein Magazin
02:59
Schleswig-Holstein Magazin

Innenminister tagen in Lübeck

Schleswig-Holstein Magazin