Cannabis-Plantage in Neumünster ist gesichert wie ein Gefängnis

Stand: 24.05.2022 05:00 Uhr

Seit Juli 2021 läuft die Produktion auf Deutschlands erster legalen Cannabis-Plantage in Neumünster. 1,1 Tonnen wurde seitdem schon geerntet.

Bundesweit gibt es nirgendwo eine größere Cannabis-Plantage als in Neumünster. Es ist die erste und größte legale im ganzen Bundesgebiet. Gesichert ist sie wie ein Gefängnis für Schwerverbrecher. Seit 2021 wird dort produziert und mehr als eine Tonne wurde bereits geerntet - allerdings nicht für den Privatgebrauch, sondern ausschließlich für medizinische Zwecke. Dementsprechend streng ist auch die Qualitätssicherung vor Ort.

Cannabis hilft bei Epilepsie und chronischen Schmerzen

Eine Cannabis-Pflanze wächst unter speziellen Lichtbedingungen in einem speziellen Gewächshaus. © NDR
Unter speziellen LED-Licht wachsen die Cannabis-Pflanzen in der Plantage.

Sascha Mielcarek, der Geschäftsführer von Tilray Medical Europa, führt uns durch die Hallen, rechts und links Regale mit jungen Pflanzen, in violettes Licht getaucht: "Hier haben wir eine Baby-Cannabis-Pflanze, wir sehen wie sie unten Wurzeln treibt. Nach oben hin ist dann die eigentliche Cannabispflanze mit den Blüten, um die es nachher geht." Denn die helfen als Medizin zum Beispiel gegen Epilepsie und bei chronische Schmerzen. Doch bis zur Ernte brauchen diese Baby-Pflanzen noch mindestens sechs Wochen. So lange prüfen Mielcarek und sein Team ihren Zustand täglich. Etwa ein Drittel der Pflanzen wird aussortiert, weil beispielsweise die Wurzeln nicht ausreichend ausgeprägt sind.

Strenge Vorschriften und geheime Details

Nur die starken Pflanzen landen dann in den sogenannten Pflanzkammern. Spezielles LED-Licht simuliert Sonnenschein. Die Temperatur liegt konstant bei 28 Grad. Ein Team aus Agrarbiologen schneidet Triebe und prüft, ob die Pflanzen ausreichend Nährstoffe haben. Viele Details bleiben aber geheim - zum Beispiel die genaue Lichtfarbe und die Rezeptur der Nährstoffe.

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Zudem gelten strenge Hygienevorschriften. Für jede Kammer muss ein neuer Schutzanzug angezogen werden, damit keine Fremdstoffe an die Pflanzen kommen. Ein echtes Aha-Erlebnis für Besucher, sagt Mielcarek: "Ich sehe einen Erhellungseffekt, wenn wir Leute hier rein führen. Weil man eben sieht, mit wie viel Aufwand und wie hygienisch, pharmazeutisch medizinisches Cannabis angebaut wird. Das ist dann ein Gamechanger und hilft uns auch, dass Stigma ein bisschen zu reduzieren."

Es geht um die Blüte

In zwölf Kammern wachsen je 1.000 Pflanzen. Alle sind ausschließlich für den medizinischen Markt bestimmt. Wenn die Blüte ausgewachsen ist, so erklärt Mielcarek, werden die Blätter abgeschnitten und die Blüten einzeln geerntet. Die Blüte ist das Medizinprodukt, was es am Ende in deutschen Apotheken gibt. Noch ist das die einzige legale Form von Cannabis in Deutschland. Doch die Ampelregierung plant eine allgemeine Legalisierung. Dass das auch schiefgehen kann, zeigt die Niederlande. Dort hat sich über die Jahre ein unkontrollierter Schwarzmarkt entwickelt. Mielcarek hofft für Deutschland deswegen auf strenge Regularien: "Wichtig ist die Qualität. Wir wollen gefährliche Produkte ausmerzen. Also müssen wir sicherstellen, dass das legale Produkt ein hochqualitatives ist."

Ihre Kapazitäten hier in Neumünster könnten sie innerhalb von wenigen Monaten verdreifachen, sagt der Geschäftsführer. Und dann auch den Freizeitmarkt mit schleswig-holsteinischem Cannabis beliefern.

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24.05.2022 12:02 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrages ist uns ein Fehler unterlaufen. Wir hatten geschrieben, dass seit Juli 2021 die Produktion auf Deutschlands erster legalen Cannabis-Plantage in Neumünster läuft und seitdem 1,1 Millionen Tonnen geerntet worden sind. Das stimmt nicht - es muss 1,1 Tonnen heißen. Die Redaktion bittet für diesen Fehler um Entschuldigung.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 24.05.2022 | 19:30 Uhr

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