VIDEO: So belastet PTBS das Familienleben (5 Min)

Bundeswehr-Einsatz mit Folgen: Ein täglicher Kampf im Kopf

Stand: 14.06.2021 10:37 Uhr

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) lautet bei einigen Soldaten die Diagnose nach der Rückkehr vom Auslandseinsatz. Diese Krankheit verändert ihr Leben - und das ihrer Angehörigen. Betroffene erzählen.

von Frauke Hain

Robert Linke fühlt sich schuldig, immer noch. 2014 war er Vertrauensmann bei einem Bundeswehr-Einsatz im Kosovo. Erst fühlte er sich gut vorbereitet auf das, was auf ihn zukommen sollte im Einsatz, sagt er heute. Aber das, was er erlebte, als sich ein Kamerad das Leben nahm, war zu viel für den 35-jährigen Lübecker. "Ich dachte, dass ich meine Leute kenne und weiß, wenn sie Probleme haben. Aber ich wusste gar nichts davon", erzählt er.

"Man fühlt sich, als hätte man etwas ändern können. Als wäre man verantwortlich für irgendwas. Das ist aber nicht so." Robert Linke, Einsatzveteran

Der Soldat Rüdiger Hesse bei einem Bundeswehreinsatz in Afghanistan. © privat
Rüdiger Hesse war zwischen 1999 und 2014 fünf Mal als Soldat im Auslandseinsatz. Sein Leben veränderte sich schleichend.

Rüdiger Hesse aus Brekendorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) war zwischen 1999 und 2014 mehrere Male im Kosovo und in Afghanistan im Einsatz. "Als normaler Mensch - als Zivilist - kann man sich das nicht vorstellen, was wir in den Einsätzen sehen. Dabei ist es unerheblich, ob man auf den Schiffen im Mittelmeer kreuzt, um Flüchtlinge aus dem Wasser zu ziehen, ob man in der Wüste Malis sich den Arsch abschwitzt - oder in Afghanistan rumeiert oder sonst irgendwo auf der Welt - unvorstellbare Geschichten", sagt der 53-Jährige. Rüdiger Hesse spricht viel im Allgemeinen, stellvertretend auch für all die anderen Einsatzveteranen. Als Soldat hat er sich ein emotionales Schutzschild aufgebaut.

"Sonst hätte ich die ganzen unvorstellbaren Dinge, die ich erlebt habe in all den Einsätzen, gar nicht durchstehen können." Rüdiger Hesse, Einsatzveteran

Er erlebte Massengräber, Minenfelder, Raketennächte, Anschläge - und tote Kameraden. Es ist schwer, an ihn heranzukommen.

Schleichende Veränderung

Robert Linke und Rüdiger Hesse waren offene, lustige und kommunikative Männer, die gerne auf Partys gingen und im Mittelpunkt standen. Die Erlebnisse haben sie verändert und zu zurückgezogenen, ängstlichen und misstrauischen Männern gemacht. Beide leiden unter Schlafstörungen und Albträumen. Sie haben immer wieder Flashbacks und werden aggressiv. Das sind typische Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Eine PTBS ist eine psychische Erkrankung, die infolge extrem belastender Ereignisse entsteht.

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Und immer mehr Soldaten sind traumatisiert durch die Ereignisse im Auslandseinsatz, obwohl die Einsatzzahlen sinken. 2020 registrierte die Bundeswehr 213 Neuerkrankte, im Jahr davor waren es 183. Die Bundeswehr rechnet auf Basis einer Studie damit, dass - nur - 2,9 Prozent der Soldaten eine PTBS als Folge des Einsatzes entwickeln. Der Combat Veteranenverband geht allerdings von einer hohen Dunkelziffer von 20 Prozent aus. Wie viele traumatisierte Soldaten es gibt, von denen die Bundeswehr nichts weiß, weil sie längst aus dem Dienst entlassen wurden, ist unklar. Außerdem sind die Veränderungen schleichend. Oft zeigen sich die Symptome erst mehrere Jahre nach dem Einsatz. Und oft merken Familie, Freunde und Arbeitskollegen diese Veränderungen als erstes.

"Ich hatte kein Problem - das habe ich mir zumindest eingeredet"

Der Einsatzveteran Robert Linke. © NDR Foto: Frauke Hain
Robert Linke kommt 2014 aus dem Auslandseinsatz zurück. Erst fünf Jahre später geht er in Behandlung.

Die Bundeswehr führt bei Soldaten, die aus dem Auslandseinsatz zurückkehren, sogenannte Rückkehrer-Untersuchungen durch. Dabei gibt es nicht nur einen körperlichen Check, sondern es muss auch ein Fragebogen zur seelischen Gesundheit beantwortet werden, erzählt Linke. Werden Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung erkannt, folgen weitere Untersuchungen, schreibt die Bundeswehr in ihren Informationsmaterialien. Linke füllte seinen Fragebogen 2014 extra falsch aus. "Ich hatte kein Problem. Das habe ich mir zumindest eingeredet. Das, was mich belastet, habe ich beiseite geschoben", gibt er zu. Viele Soldaten gestehen sich nicht ein, dass sie Hilfe brauchen, wie der Klinische Leiter der Psychiatrie des Bundeswehrkrankenhauses in Hamburg, Dr. Helge Höllmer, erklärt. Und Robert Linke beschreibt: "Ich habe gemerkt, dass sich mein Umfeld verändert - nicht ich."

Probleme in der Partnerschaft

Die Dienstzeitverlängerung lehnt er ab. "Ich fühlte mich ausgebrannt. Ich wollte Distanz. Distanz zum Dienst, zum Schießen, zu allem, was ich damit verbinde." Menschenansammlungen werden zum Stressfaktor. Kinder hält er nicht aus. Er verbringt viel Zeit vor dem Computer, schottet sich ab. Für seine Verlobte Tina dreht sich die Welt weiter. Sie will etwas mit ihm erleben. Er will das aber nicht mehr. "Das war für mich alles nur noch Stress. Aber ich habe es nicht erkannt. Dann kam eine gewisse Aggression, die ich auch gegenüber Tina gezeigt habe. Ich habe sie für Sachen verantwortlich gemacht, die banal sind. Oder wo ich selbst dran Schuld war. Und dann hatten wir irgendwann sehr große Beziehungsprobleme."

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Tina erzählt von einer schleichenden Veränderung: "Er war dann träge, hatte keine Lust mehr, etwas zu machen. Er war mit sich selbst unzufrieden." Das Paar streitet viel, bis Tina die Verlobung löst und sich trennt. Robert Linke fällt in eine Depression, wie er selbst sagt. "Ich habe Probleme mit Alkohol bekommen." 2019 schickt ihn der Vorgesetzte zum Arzt mit den Worten: "Du scheinst nicht mehr derselbe zu sein." Das ist fünf Jahre nach seinem Einsatz im Kosovo. Dr. Helge Höllmer behandelt im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg mittlerweile fast nur noch "Spätkontaktsuchende". Er rät in Bezug auf die Heilungschancen:

"Es wäre wünschenswert, zügig in Behandlung zu gehen, dann sind die Erfolgsaussichten auch höher." Dr. Helge Höllmer, Klinischer Leiter Psychiatrie Bundeswehrkrankenhaus Hamburg

Linke und Hesse erzählen von Vertrauensverlust

2011 erlebt Rüdiger Hesse, wie in seinem Camp drei Kameraden erschossen werden von einem afghanischen Soldaten, der eigentlich zum Schutz der deutschen Truppe abgestellt war. Er beschreibt es als Vertrauensverlust. Und das ist nicht nur ein Mal passiert. "Ich habe viele Vertrauensbrüche erlebt. Und ich behaupte, diese haben zu meiner Traumatisierung geführt." Auch Robert Linke hat zwei Mal einen Beschuss miterlebt. Das Lager der Soldaten, eigentlich ein sicherer Ort, verliert dadurch seinen Schutzcharaker. Linke erinnert sich an seine Angst: "Dadurch war das Vertrauen weg. Ich war jedem skeptisch gegenüber. Dann habe ich meine Waffe mit aufs Zimmer genommen, weil ich Angst hatte, dass in der Nacht so etwas vielleicht nochmal passieren könnte und ich dann nicht bereit bin und ich mich nicht verteidigen kann."

Alkohol und exzessiver Sport

Rüdiger Hesse lächelt selten. Auch sein Leben hat sich schleichend verändert. Die Erlebnisse in Afghanistan führten dann zum Ausbruch der Krankheit. "In meinem letzten Einsatz stand ich in Masar-e Scharif vor dem Spiegel und mein linkes Augenlied fing unkontrolliert an zu zucken." Es wurde nicht wieder gut, sondern verstärkte sich nach seiner Rückkehr. Mittlerweile verkrampft seine ganze linke Gesichtshälfte - vor allem, wenn er nervös ist. Vier Mal im Jahr bekommt er Botox gespritzt. Das Nervengift soll die Krämpfe unterdrücken. "Ich persönlich nenne es Kriegszittern."

Dr. Helge Höllmer erklärt, dass sich Süchte als Kompensationsmechanismus einstellen können. Er nennt Spielsucht, Beziehungssüchte, Essstörungen, Umgang in der Sexualität und Alkohol als Beispiele. Hesse versucht es erst mit Alkohol, dann mit Sport. Er schläft höchstens ein paar Stunden in der Nacht. Für Soldaten sei es schwer, sich einzugestehen, Hilfe zu benötigen, sagt Rüdiger Hesse. Es passe nicht zum Selbstbild.

Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung

Hilfe der Bundeswehr für Betroffene und Angehörige

Über die Trauma-Hotline der Bundeswehr 0800 588 7957 erhalten Betroffene rund um die Uhr Hilfe zum Thema PTBS.

Wichtige Ansprechpersonen und Experten, sowie Links zu Organisationen für Betroffene und Angehörige:
https://www.bundeswehr.de/de/betreuung-fuersorge/ptbs-hilfe/ansprechpartner

2014 gesteht er sich ein, dass er Hilfe braucht. "Ich fand keine Antworten mehr in meinem Kopf. Warum zuckt das so? Warum beruhigst du dich nicht? Warum kannst du nicht schlafen?" Mittlerweile hat er fünf Klinikaufenthalte hinter sich. Die Therapien sind anstrengend. Er beschreibt sie als psychische Marathonläufe. Die Bilder im Kopf aus den Einsätzen wird er nicht los. "Ich persönlich sage, ich werde diese Krankheit mit ins Grab nehmen. Ich hoffe aber, dass ich viel Lebensfreude durch die Therapie mühsam erarbeite."

Dr. Helge Helge Höllmer erklärt, dass ein Drittel ohne Langzeitspuren heilt, aber "ein Drittel immer mit irgendwas zu tun hat und ein Drittel wird unwesentliche Änderungen erfahren. Und das ist die Patientengruppe, die besonders in den Klinken ist und immer wieder Therapien braucht - und auch immer wieder auf der Suche nach neuen Therapieformen ist."

Die menschliche Festplatte ist nicht löschbar

Rüdiger Hesse lernt mühsam, mit der Krankheit zu leben. Aber es ist ein täglicher Kampf: "Ich bin froh und glücklich, wenn ich was zu Essen habe, wenn ich was zu Trinken habe, wenn ich schlafen kann - und nicht nur ein oder zwei Stunden. Auf dem Level lebe - existiere - ich." Seine Therapiehündin gibt ihm ein Tageskorsett vor, er ist gezwungen, mit ihr rauszugehen. Auch eine Pferdetherapie hilft ihm. Zusammen mit der Stute gibt es Momente, wo er loslassen und sich entspannen kann. Diese Momente sind häufiger geworden. Trotzdem geht es nicht ohne Medikamente: Jeden Tag nimmt er einen Mix aus Psychopharmaka, Stimmungsaufheller, Blutdrucksenker und Schmerzmittel, um überhaupt klarzukommen. "Die menschliche Festplatte ist nicht löschbar. All das, was wir erlebt haben, bleibt. 20 Prozent sind im Bewusstsein, 80 Prozent sind irgendwo vergraben und wirken nach. Aufgrund der Therapie lernt man, anders damit umzugehen. Aus einer bedrohlichen Situation versucht man, eine neutrale zu machen." Er resümiert:

"Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Wenn ich mich für irgendwas schuldig fühlen würde, würde ich nicht mehr auf der Welt sein. Ich habe das Glück, ich habe all die mir anvertrauten Soldaten in den Einsätzen heil nach Hause bringen können." Rüdiger Hesse, Einsatzveteran

Rüdiger Hesse steht kurz vor dem Ruhestand. Er wird dann oft mit einem Kaffee in seinem Garten sitzen und einfach nur ins Grüne schauen.

"Man merkt, wenn er lange aus der Therapie raus ist"

Robert Linke ist seit Ende 2019 in Behandlung. Er macht Fortschritte. Und sagt selbst, dass das Leben wieder einen Sinn für ihn hat. Trotzdem ploppen Flashbacks immer wieder auf. Auch er nimmt Medikamente: Morgens sind es Tabletten, um überhaupt in den Tag zu finden und abends zum Einschlafen. Für den Notfall hat er Tropfen.

"Davon schlafe ich einfach ein. Und eineinhalb Stunden später ist alles wieder okay. In einer Welt, in der viele Kinder sind, braucht man das oft." Robert Linke, Einsatzveteran

Kindergeschrei hält er nicht aus. Seit März 2021 ist er halbtags wieder im Dienst. In den Einsatz wird er nicht nochmal gehen. Tina ist zu ihm zurückgekommen. Die beiden sind wieder ein Paar.

Für sie ist die Situation nach wie vor schwierig. "Ich bekomme dann immer nur mit, wenn er seine Tropfen braucht. Er wird dann unruhig." Die 33-Jährige weiß nicht, wie sie sich richtig verhalten soll. "Wenn er aus der Therapie kommt, ist er sehr optimistisch. Er redet dann auch sehr positiv. Je länger er raus ist, desto negativer wird er wieder. Dieser Optimismus ist dann wieder weg", erzählt Linkes Lebensgefährtin Tina. Auf die Frage, ob sie selbst glücklich ist, schweigt sie erst, bevor sie zögerlich antwortet: "Mittlerweile - wieder glücklicher."

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Mann hält sich beide Hände vor sein Gesicht © picture alliance / empics Foto: Dominic Lipinski

Posttraumatische Belastungsstörung bei Soldaten

Schreckliche Erlebnisse, etwa im Krieg, können Menschen krank machen. Eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung verursacht Schäden an der Psyche - und an Körperzellen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 14.06.2021 | 19:30 Uhr

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