Stand: 27.10.2019 08:00 Uhr

Bloggerin initiiert Mitfahrzentrale für Trecker-Fans

von Lina Bande

Regenjacke, Arbeitshose und Gummistiefel hat Theo schon an. Schirmmütze aufsetzen und los. Der Fünfjährige hat kaum Zeit, sich von seiner Mama Kerstin Niebergall zu verabschieden. Immerhin läuft der Trecker schon, Landwirt Ricklef Nissen möchte heute Mist fahren. Und da darf Theo wieder mit. Er ist schon das dritte Mal zu Besuch auf dem Hof bei Stedesand (Kreis Nordfriesland) - und möchte seinem großen Vorbild Ricklef gar nicht von der Seite weichen.

Ein Hofbesuch dank Trecker-Mitfahrzentrale

"Kein Mann, kein Trecker", erzählt eine Mutter lachend

Zu Hause hat Theo unzählige Spielzeugtrecker, das ganze Sortiment. Und in seinem Freundeskreis kommen viele von landwirtschaftlichen Betrieben. "Die können dann immer bei ihren Papas auf dem Trecker mitfahren", erzählt seine Mutter. "Aber das ist bei uns schwierig: kein Mann, kein Trecker", sagt sie lachend.

Die beiden wohnen in Risum-Lindholm, nur ein paar Kilometer vom Hof der Nissens entfernt. Von sich aus wäre Kerstin Niebergall allerdings nie "einfach auf den Hof gebogen", um zu fragen, ob ihr Sohn mal mitfahren dürfe. Da sei die Hemmschwelle viel zu groß. Der Kontakt kam stattdessen über das soziale Netzwerk Instagram zustande.

Anfragen und Angebote zum Mitfahren aus ganz Deutschland

Dort hatte die "Deichdeern" Julia Nissen - übrigens nicht verwandt mit Ricklef - auf ihrem Profil einen Aufruf gestartet. Ihr Mann hatte ihren Sohn und einen seiner Freunde zum Treckerfahren mitgenommen, "und abends hat mein Sohn gefragt, warum eigentlich nicht jedes Kind Trecker fahren könne", erzählt die Bloggerin. Daraus entstand dann so etwas wie eine Trecker-Mitfahrzentrale.

Landwirte, die jemanden mitnehmen würden, konnten sich ebenso melden wie interessierte Familien. Anhand der Postleitzahlen wollte Julia Nissen dann vermitteln. "Ich dachte, da melden sich so drei bis fünf maximal, die das wollen", sagt sie. Jetzt, gut einen Monat später, hat sie schon weit mehr als 200 Anfragen und Angebote aus ganz Deutschland.

Landwirt aus Stedesand nimmt ohne zu zögern teil

Ricklef Nissen war der Erste, der ohne zu zögern mitgemacht hat und direkt einen Termin mit Theo und seiner Mutter vereinbarte. Auf dem Familienbetrieb in dritter Generation gibt es 120 Milchkühe, dazu bewirtschaften die Nissens 100 Hektar Acker- und Weideland. Zu tun gibt's also genug - und wenn es zeitlich passt, darf Theo sich das alles anschauen.

Inzwischen kennt sich der Junge auf dem Hof bestens aus. Während Ricklef den Futterwagen vorbereitet, schaut der Fünfjährige mal eben bei den Kälbern vorbei. Dabei findet er die Kühe gar nicht so interessant. Laute, große Maschinen und Fahrzeuge findet er viel besser.

Ricklef Nissen: "Kinder erzählen das im Kindergarten weiter"

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Bisher hat "Deichdeern" Julia Nissen die Interessenten alle einzeln vermittelt. Jetzt entwickelt sie eine App dafür - und für viele andere Erlebnisse auf dem Land.

Familie Nissen hat dieses Jahr mal keinen Auszubildenden, anders als noch in den Vorjahren. "Wir haben viel Kummer, was den Nachwuchs angeht. Die Betriebe werden immer weniger und die Lehrlinge auch", bedauert Ricklef Nissen. Deswegen mache er bei der Mitfahr-Aktion auch gerne mit. Immerhin könne man so Kindern und auch den Eltern die Landwirtschaft ein bisschen näher bringen. "Das ist ein guter Schritt, und die Kinder werden angefixt und erzählen das im Kindergarten weiter", sagt er.

"Landerlebnisse" sollen bald via Handy-App angeboten werden

Weil die ganze Aktion so ein Erfolg ist, plant Julia Nissen nun den nächsten Schritt - und entwickelt eine App mit dem Titel "App auf's Land". Mit dabei sind nicht nur Landwirte, bei denen man auf dem Trecker mitfahren kann. "Das ist relativ schnell eskaliert, aber im positiven Sinne", erzählt die Bloggerin. Leserinnen und Leser haben sich gewünscht, mal mit einer Landfrau zusammen zu kochen, richtige Hausmannskost. Oder was über die Jagd zu lernen.

All diese "Landerlebnisse" sollen in der App dann angeboten und direkt gebucht werden können. Finanziert werden soll die App an sich über eine Crowdfunding-Aktion. "Wenn alles klappt, dann startet die im November", sagt die "Deichdeern". Im Frühjahr könnte es schließlich richtig losgehen.

Theo ruft vom Beifahrersitz: "Los, wir wollen jetzt Mist fahren"

Theo und seine Mutter Kerstin werden sich da dann wohl nicht mehr anmelden müssen - sie haben mit Ricklef und seiner Familie immerhin schon tolle Partner gefunden. Die Kühe sind alle versorgt, auch beim Melkroboter hat Theo mal eben nach dem Rechten geschaut. Jetzt klettert er endlich auf den großen Trecker. Mit baumelnden Beinen sitzt er auf dem Beifahrersitz neben Ricklef Nissen. "Los geht's, wir wollen jetzt Mist fahren", ruft er aus dem Führerhaus.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 30.10.2019 | 20:05 Uhr

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