Stand: 10.02.2018 14:37 Uhr

Bargteheider fahren "All Inklusiv" ans Nordkap

von Stella Peters

Die Werkstatt ist ein unscheinbarer Schuppen auf einem Anwesen gegenüber des Bargteheider Bahnhofs. Das Gelände gehört der Stadt. Eine Zeit lang haben hier afghanische Geflüchtete gewohnt. Seit einigen Wochen findet ein neues Projekt in dem Gebäude Obdach: die sogenannte All Inklusiv Crew. Das sind Pensionäre, psychisch Kranke, trockene Alkoholiker, Depressive und körperlich Behinderte aus Bargteheide und dem Umland, die an einem alten Bulli herumschrauben. Er soll die Stormarner Crew in diesem Sommer 7.500 Kilometer weit tragen - bei einer Autorallye rund um die Ostsee.

Zwei Streetworker haben die Idee

Fabian Josten und Jörn Brücken haben das Projekt aus der Taufe gehoben. Die beiden Streetworker arbeiten in Bargteheide für die gemeinnützige GmbH tohus. Sie waren auf der Suche nach einem inklusiven Projekt. "Ein Projekt bei dem behinderte und nicht behinderte, privilegiert und strukturell benachteiligte Menschen gemeinsam etwas schaffen", sagt Josten. Er und Brücken werden ebenfalls zu den Mitfahrern gehören, wenn der "Baltic Sea Circle" im Juni startet.

800-Euro-Bus für kühnen Plan

Die All Inklusiv Crew hat einen kühnen Plan: Für 800 Euro haben sie einen alten VW-Bus gekauft, Jahrgang 1992. In der Schuppen-Werkstatt nehmen sie ihn gerade auseinander. Sie restaurieren die Bremsen, das Chassis, den Innenraum. Auf dem weiten Weg während der Rallye muss das alte Gefährt viel aushalten. Von Hamburg durch Dänemark und Norwegen bis zum Nordkap. Weiter durch Schweden, Finnland, Russland, das Baltikum, Polen - und wieder zurück nach Hamburg.

Zehn Jahre "akute Alkoholepisode"

Der Plan steht. Jeden Freitag wird geschraubt. Willkommen ist jeder, der Lust auf das Projekt hat. Krischan Sester-Stehn gehört zum Kern der Crew. Er hat früher Geld mit dem Autoschrauben verdient. Zehn Jahre lang hatte er eine "akute Alkoholepisode", wie er sagt. Nach einer Eskalation hat er aufgehört zu trinken. Seit Mai ist er trocken. Die All Inklusiv Crew kann er mit seinen Erfahrungen unterstützen. Er weiß, wie man einen Stoßdämpfer austauscht, wie man richtig mit dem Schweißgerät und der Flex umgeht.

Zurück gibt es Hilfe bei der Bürokratie

In der Werkstatt wird der 49-Jährige um Hilfe gefragt und wertgeschätzt. "Es ist hier eine angenehme Form von Geben und Nehmen", sagt er über das Projekt. Durch den Kontakt mit den Streetworkern hat er sich freiwillig für eine Betreuung entschieden. Er bekommt Unterstützung bei Behördengängen und anderer Bürokratie. "Mich bringt dieses Projekt in jeder Form weiter, definitiv", sagt Sester-Stehn.

Inklusives Schrauben für den "Baltic Sea Circle"

Krischans Visum? "Spezielle Geschichte"

Ob er mit auf die Rallye fahren kann, weiß er aber noch nicht. Zum einen ist in dem Bulli sowieso nur Platz für sechs Leute. Mindestens die Hälfte der Crew wird also nicht mit um die Ostsee fahren können. Zum anderen hat Krischan Sester-Stehn gelesen, dass es Probleme mit seinen Medikamenten geben könnte: "Die fallen unter das russische Betäubungsmittelgesetz", sagt der bärtige Mann. "Das wird also noch eine spezielle Geschichte mit der Beantragung des Visums."

Über sein Gesicht huscht ein Schatten. Er würde gern mit auf die Reise gehen.

Die Rallye ist die Perspektive

Streetworker Josten ist sich bewusst, dass nicht alle mitkommen können - und ist dennoch überzeugt: "Die Rallye an sich ist eine Perspektive, auf die wir gemeinsam zuarbeiten. Und da ziehen wir alle an einem Strang und jeder bringt seine Kompetenzen ein." So wird den Crewmitgliedern Teilhabe ermöglicht - an etwas Positivem.

Etwa 9.000 Euro benötigen sie

Zu der Arbeit gehört nicht nur das Schrauben am Bus. Auch das Social Media Team ist wichtig. Denn es müssen noch Spenden gesammelt werden. Die Streetworker schätzen, dass sie für die Reparatur des Busses, das Equipement für die Rallye und die Reise an sich etwa 9.000 Euro benötigen. Knapp die Hälfte haben sie schon zusammen. Sollte das Geld nicht zusammenkommen, würde wohl die tohus GmbH einspringen. "Aber wir schaffen das schon mit den Spenden", ist sich Josten sicher.

Ehrenrunde durch Bargteheide

Der Startschuss für den "Baltic Sea Circle" fällt am 16. Juni in Hamburg. Die All Inklusiv Crew will dann auf jeden Fall eine Ehrenrunde durch Bargteheide drehen, bevor sie mit ihrem alten Bulli Kurs auf das Nordkap nimmt.

Weitere Informationen
Link

Das Facebook-Profil der All Inklusiv Crew

Auf der Facebook-Seite des All Inklusiv Crew können Sie sich über das Lübecker Team informieren, das beim nächsten "Baltic Sea Circle" teilnehmen will. extern

"Neue Kraft durch Inklusion" zeigt Potenzial auf

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 10.02.2018 | 19:30 Uhr

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