AKW geht vom Netz: Was das mit Brokdorf macht

Stand: 13.12.2021 19:30 Uhr

Nach der Abschaltung am 31. Dezember bereitet der Betreiber des AKW Brokdorf, Preussen Elektra, den Rückbau des Meilers vor. Ein Einschnitt für die Mitarbeiter, aber auch für das Dorf und seine Bewohner.

von Carsten Rauterberg

Nur noch wenige Tage, dann ist die Stromproduktion im Kernkraftwerk Brokdorf im Kreis Steinburg Geschichte. Am 31. Dezember geht die Anlage für immer vom Netz, so wie es die Bundesregierung schon vor Jahren beschloss. Damit ist auch für AKW-Werksleiter Uwe Jorden bald Schluss. Er geht in einigen Wochen in den Ruhestand.

Ende der Stromproduktion - und Rente für Werksleiter

Er hätte sich bereits eher in die Rente verabschieden können, doch den Übergang von der Stromproduktion hin zur sogenannten Nachbetriebsphase des AKW Brokdorf wollte der 66-Jährige auf jeden Fall noch mitmachen. "Ich habe mit der Geschäftsleitung unseres Betreibers Preussen Elektra in Hannover gesprochen und denen vorgeschlagen, noch etwas länger weiter zu machen. Das haben die dann angenommen, und so ist nun im März mein letzter Tag", sagt Jorden, der insgesamt 16 Jahre lang das Kraftwerk geleitet hat.

Angespannte Stimmung unter den Kollegen

Für den Chef des Kernkraftwerks wird der Abschied kein leichter Schritt, denn ihn verbindet viel mit der Anlage. "Ich habe vor langer Zeit in Brokdorf als Schichtleiter angefangen, war zwischendurch mal in Stade und mal in der Zentrale in Hannover, aber die längste Zeit - insgesamt 28 Jahre - habe ich in Brokdorf gearbeitet. Da entsteht schon eine enge Verbundenheit mit der Anlage und natürlich auch mit den Kolleginnen und Kollegen."

Alle Mitarbeiter hätten schon seit Jahren den Termin mit dem letzten Tag der Stromproduktion im Kopf gehabt, das Datum aber wohl eher verdrängt, so der AKW-Chef. Nun, da der Termin immer näher rücke, merke man schon die angespannte Stimmung unter den Kollegen. In den Gesprächen in der Pause oder auf dem Parkplatz sei eine Menge Wehmut heraus zu hören. Aber: "Wir bringen das hier nun professionell zu Ende, genauso wie wir jahrelang professionell unseren Job gemacht, nämlich Strom produziert haben", sagt Jorden.

Weitere Informationen
Atomkraftgegner fordern am 27. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe am 21.04.2013 vor dem AKW Brokdorf mit Schriftzügen auf der Kleidung die Abschaltung des Kernkraftwerks. © picture alliance / dpa Foto: Carsten Rehder

AKW Brokdorf: Chronik der Bau- und Protestgeschichte

1972 begannen die Planungen, 1986 ging es ans Netz - als erstes in Deutschland nach der Tschernobyl-Katastrophe. mehr

Jeder fünfte Mitarbeiter bald weg

Preussen Elektra beschäftigt derzeit noch 320 Mitarbeiter in Brokdorf. "Für den Rückbau brauchen wir nicht mehr so viele Kollegen, aber bei uns wird keiner entlassen", erklärt Jorden und geht auch ins Detail: "Wir werden im kommenden Jahr schrittweise die Belegschaft reduzieren, durch Altersteilzeit und ähnliche Regelungen. 20 Prozent der Mitarbeiter werden uns bis Ende 2022 verlassen, und das werden überwiegend ältere Kollegen sein."

Gewerbesteuer ermöglichte große Investitionen

Der letzte Tag der Stromproduktion ist auch Thema in Gesprächen mit der Gemeinde Brokdorf, wie Jorden sagt: "Die Gemeinde wusste ja schon lange, dass wir Ende des Jahres vom Netz gehen. Wir haben die Bürgermeisterin und das Amt immer zeitnah informiert." Der Werksleiter schätzt den direkten Draht und den kurzen Dienstweg zur Kommunalpolitik. "Unser Kontakt zu Bürgermeisterin Elke Göttsche und auch zu ihrem Vorgänger Werner Schulze war immer ausgezeichnet. Man tauscht sich aus und hilft sich auch mal gegenseitig", beschreibt Jorden das Verhältnis.

Die Eissporthalle, das Freibad, die Großsporthalle - all diese Investitionen sind nur möglich geworden durch die Gewerbesteuern, die die knapp 1.000 Einwohner zählende Gemeinde Brokdorf durch das Kernkraftwerk eingenommen hat. "Wir haben hier über 35 Jahre Strom erzeugt, und da finde ich es ganz normal, dass die Gemeinde auch vom AKW profitiert hat", sagt Jorden. Genaue Summen bleiben aber im Dunkeln.

AKW-Ende ist bei Dorfbewohnern Thema Nr. 1

Wer von der Eishalle am Ortseingang durchs Dorf fährt, der sieht schicke Einfamilienhäuser mit Carports und kleinen Gärten, auch Straßen und Wege machen einen sehr gepflegten Eindruck. Dafür sorgen mehrere Gemeindearbeiter. Auch sie lässt das bevorstehende Ende des AKW nicht kalt. Ein Gärtner, der namentlich nicht genannt werden möchte, sagt: "Ja, das ist Thema Nummer eins hier, weil da ja auch viele beschäftigt sind hier aus dem Dorf. Da macht man sich schon so seine Gedanken, aber das Dorf, das wird sich dadurch nicht verändern."

Handel, Gewerbe und Gastronomie sind zuversichtlich

Videos
Eine Bild-Collage zum Thema Brockdorf. © IMAGO / Hans Blossey / NDR Foto: IMAGO / Hans Blossey / NDR
5 Min

AKW Brokdorf wird stillgelegt - und dann?

Ende Dezember geht das Atomkraftwerk Brokdorf vom Netz. Wir erklären, was dann passiert, wie es weitergeht und wie ein AKW zurückgebaut wird? 5 Min

An der Dorfstraße gibt es die Großsporthalle, zwei Geldinstitute und auch einen Verbrauchermarkt. Ingo Engelbrecht betreibt den Nahkauf-Markt direkt neben der Sporthalle seit mittlerweile 25 Jahren. Auch er bekommt die Gespräche im Laden und in der Nachbarschaft mit. "Das Thema Abschalten vom AKW, das ist ja schon lange durch, die Entscheidung steht fest und jetzt heißt es: nach vorne schauen. Die meisten Leute werden da ja erstmal weiter arbeiten, und was in ferner Zukunft ist, das kann keiner wissen." Engelbrecht hat neben seinem Hauptgeschäft noch ein zweites Standbein und glaubt an eine gute Zukunft für Brokdorf und seinen Betrieb. "Wir haben uns da ein bisschen breiter aufgestellt, mit einem Partyservice. Wir haben insgesamt 33 Mitarbeiter in Glückstadt und Brokdorf, und ich bin optimistisch, dass es da weiter gut laufen wird."

"Wir haben ein sehr schmuckes Dorf"

Lars Krause betreibt an der Dorfstraße eine Kfz-Werkstatt. Auch er schnackt mit Kunden und Nachbarn über das Abschalten. "Selbstverständlich wird darüber geredet, denn es ist ja ein großer Arbeitgeber hier, aber viele werden da ja weiter arbeiten, und die, die in Rente gehen, werden ja auch hier wohnen bleiben." Krause fühlt sich wohl im Dorf und verweist auf die attraktive Lage. "Wir haben ein sehr schmuckes Dorf direkt an der Elbe. Vor allem im Frühjahr und Sommer ist hier schon was los, wir haben ja hier den Wohnmobil-Stellplatz, die Eishalle, die Großporthalle und auch das Schwimmbad. Also, das ist schon attraktiv hier und wir liegen ja auch im Speckgürtel von Hamburg."

Brokdorf - viel mehr als nur AKW-Standort

Von den Tagesgästen profitiert auch Marlen Hermann. Sie betreibt die "Kaffeestuuv in den Hörn", direkt hinterm Deich und in unmittelbarer Nähe zum Freibad. Sie hat das renovierte Häuschen vor einigen Monaten übernommen. Viele Gäste schauen nach einem Spaziergang an der Elbe mal auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen vorbei, auch viele Einheimische gehören zu ihren Stammkunden. "Das Abschalten vom AKW, da schnacken die Leute schon drüber, aber Brokdorf hat ja auch andere Sachen. Es ist ja nicht so, dass sich hier von heute auf morgen etwas ändern wird, und der Rückbau, der dauert ja auch ein paar Jahre. Also ich glaube, es wird erstmal alles so bleiben."

Studentenprojekt "Brokdorf bleibt"

Die Stimmung im Dorf beschäftigt auch ein wissenschaftliches Projekt der privaten University of Europe for Applied Sciences. "'Brokdorf bleibt' ist ein Statement, und wir wollen herausfinden, was bleibt, wenn das Kernkraftwerk geht", sagt Christian Meyer zu Ermgassen, Professor im Fachbereich "Art und Design". Der Moment der Abschaltung sei vielleicht auch eine Chance für die Gemeinde. Zusammen mit den Studierenden der Fachbereiche Fotografie und Gestaltung hat Ermgassen einzelne Projekte angeschoben. Die Gruppe hat sich mit dem Thema "Brokdorf bleibt" auseinandergesetzt, dazu Bilder, Skulpturen und Plakate angefertigt. Einige Großplakate sind künftig im Dorf zu sehen, im Informationszentrum des Kraftwerks werden Filme gezeigt und Skulpturen ausgestellt, große Porträtfotos von Kraftwerkwerks-Mitarbeitern sollen für einige Wochen auf dem Kraftwerksgelände stehen.

Kleine Feier statt großer Vernissage

Kraftwerksleiter Uwe Jorden hat das Studierendenprojekt von Anfang an unterstützt. "Wir machen ja hier keine große Abschaltfeier oder sowas, aber das Projekt mit der Kunsthochschule aus Hamburg, das finden wir sehr interessant. Wie sehen junge Leute unser Kraftwerk und die Gemeinde? Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse." Eigentlich sollte am Montag (13.12.) die Ausstellungseröffnung von "Brokdorf bleibt" mit einer großen Vernissage im Infozentrum gefeiert werden. Das war nun wegen der Corona-Pandemie nicht möglich und es gab nur eine Feier in kleinem Rahmen, die live per Internet gestreamt wurde.

"Den AKW-Mitarbeiter kennt man irgendwie nicht"

Professor Meyer zu Ermgassen war und ist es vor allem wichtig, die Beschäftigten mehr in den Mittelpunkt zu rücken: "Denn wir finden, der Kohle-Kumpel, der ist in aller Munde, der hat ein positives Image, obwohl auch diese Energieform ja jetzt immer mehr an Bedeutung verliert. Aber den AKW-Mitarbeiter, den kennt man irgendwie nicht, der kam bislang nicht öffentlich vor."

Weitere Informationen
Demonstration gegen das geplante Atomkraftwerk in Brokdorf 1981 © picture-alliance/ dpa Foto: Martin Athenstädt

Rückblick: Großdemo gegen AKW Brokdorf 1981

Trotz Verbots und unter massiver Polizeipräsenz protestieren am 28. Februar 1981 rund 100.000 Menschen gegen das geplante Kernkraftwerk. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.12.2021 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Besuchende gehen am Eingang des Stutthof Museums in Sztutowo (Polen) vorbei. © dpa-Bildfunk Foto: Piotr Wittman/PAP/dpa

Stutthof-Prozess: Zwei Anträge der Verteidigung abgelehnt

Im Prozess gegen eine ehemalige Sekretärin im KZ Stutthof hat das Landgericht Itzehoe heute über zwei Anträge der Verteidigung entschieden. mehr

Videos