Stand: 09.09.2019 18:18 Uhr

AKW-Rückbau: Reaktionen aus den Deponie-Gemeinden

Es sind bis zu 50.000 Tonnen Schutt, die beim Abriss der drei Atomkraftwerke in Schleswig-Holstein in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren anfallen werden. Für die Lagerung des Materials zieht das Land jetzt vier Deponiestandorte in Betracht. Das teilte Energieminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) am Montag in Kiel mit. Beim Rückbau von Atomkraftwerken fällt leicht kontaminiertes Material an. Das sind unter anderem Mineralwolle, Bauschutt und Isolierungen. Ende 2021 geht das letzte Kraftwerk im Land vom Netz. Der Schutt ist kein Atommüll, treibt aber Emotionen und Widerstand an.

von Julian Marxen und Peer-Axel Kroeske

Sorgen im Tourismusgebiet

Am Deponie-Standort Johannistal in der Gemeinde Gremersdorf (Kreis Ostholstein) gibt es fragende Gesichter: Schutt aus Atomkraftwerken? Gerade hier ist das ein sensibles Thema. Denn die Ostsee mit ihren Stränden ist nur einen Katzensprung von der Recyclinganlage entfernt. Nebenan gibt es einen Campingplatz und natürlich Landwirte, die unter anderem Obst verkaufen. Da stört allein schon die Diskussion um AKW-Müll. Bürgermeister Henning Pries ist deshalb durchaus skeptisch: "Selbstverständlich haben wir Bedenken und es gibt auch Ängste in der Bevölkerung. Wir sind hier stark touristisch und landwirtschaftlich geprägt und haben natürlich ein Interesse daran, dass Schaden von der Gemeinde Gremersdorf und der Halbinsel Wagrien ferngehalten wird." Pries wünscht sich von der Landesregierung, dass sie "eine klare Ansage" macht, wer jetzt die Verantwortung trägt. Außerdem müsse das Land allen glaubhaft versichern, dass der Schutt unbedenklich sei.

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Der Recyclinghof in Wiershop liegt nur knapp zehn Kilometer vom AKW Krümmel entfernt.
Wiershop stellt sich Verantwortung

In Wiershop geben sich Politik und Umweltschützer gelassener. Die kleine Gemeinde im Kreis Herzogtum Lauenburg liegt keine zehn Kilometer vom Kraftwerk Krümmel entfernt und kennt sich aus mit der Sorge um Radioaktivität. Politiker hatten sich schon vor Veröffentlichung des Deponie-Gutachtens offen gezeigt, minimal belastete Materialien auf dem Recyclinghof aufzunehmen. Allerdings nur solche aus dem nahegelegenen Krümmel, betont Bürgermeister Hans-Ulrich Jahn. Man sei grundsätzlich bereit, Verantwortung zu übernehmen. "Wenn wir schon die Kernkraftwerke abschalten und abreißen, dann müssen die Materialien ja auch irgendwo verbleiben. Da verschließen wir uns nicht", meint Jahn. Gleichzeitig fordert er, dass sichergestellt werde, dass wirklich nur unbedenkliche Stoffe eingelagert würden. Eine Arbeitsgruppe aus mehreren Gemeinden und Umweltschützern will in Wiershop nun weitere Schritte beraten.

Energiewendeminister Jan Philipp Albrecht (Bündnis 90/Grüne) während einer Pressekonferenz.

Müll aus AKW-Rückbau: Vier Deponien im Gespräch

Schleswig-Holstein Magazin -

Die Deponien Wiershop, Lübeck-Niemark, Johannistal und Harrislee kommen für die Lagerung von kontaminiertem Material beim AKW-Rückbau infrage - das gab Minister Albrecht bekannt.

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Sorge um erlaubte Zusatzdosis

In Harrislee bei Flensburg formierte sich bereits 2016 der Protest, als damals noch Umweltminister Robert Habeck die Überlegungen vor Ort vorgestellt hatte. Eine Bürgerinitiative hält die zusätzliche Strahlenbelastung für Anwohner von zehn Mikrosievert im Jahr, die zulässig wäre, bereits für zu hoch. Diese sei doppelt so hoch, wie die Zusatzbelastung im Umfeld eines Atomkraftwerks, argumentiert die Initiative. Sie verweist gleichzeitig auf Untersuchungen, die im Umfeld von Reaktoren ein erhöhtes Kinderkrebsrisiko festgestellt haben.

Die Initiative fordert deshalb, Alternativen zur Deponielagerung zu untersuchen. Vergleiche mit der hohen Strahlenbelastung durch Flüge oder den Verzehr von Paranüssen bezeichnete der stellvertretende Vorsitzende Jörg Wolff als Verharmlosungsstrategie. Das Umweltministerium führt dagegen Zahlen des Bundesamtes für Strahlenschutz an. Demnach liegt die durchschnittliche Jahresbelastung in Norddeutschland bei 700 Mikrosievert, im Süden sogar vielerorts deutlich über 1.000 Mikrosievert. Die theoretisch erlaubte zusätzliche Dosis falle somit kaum ins Gewicht.

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Für Harrislees Bürgermeister Martin Ellermann steht das Wohl der Bürger im Vordergrund.
Gemeinde Harrislee fürchtet Imageschaden

Auch die Gemeinde Harrislee hatte sich bereits vor drei Jahren positioniert. Fachlich wolle man sich kein Urteil anmaßen, sagte Bürgermeister Martin Ellermann am Montag. Jedoch stehe das Wohl der Bürger im Vordergrund. Sollte der AKW-Bauschutt auf die Deponie kommen, könne das einen Imageschaden zur Folge haben. Dieser würde sich auf die "gefühlte Wohnqualität" auswirken. Außerdem befürchtet er Nachteile für den Tourismus. Auch diese Argumente hatte die Gemeinde bereits 2016 in einer Erklärung genannt. Die Stadt Flensburg, die Nachbargemeinde Handewitt und die dänische Kommune Apenrade hatten sich damals angeschlossen, denn die Deponie liegt direkt an der deutsch-dänischen Grenze.

Sieben Standorte wurden untersucht

Insgesamt hatten Experten sieben Deponien in Schleswig-Holstein untersucht. Grundsätzlich seien alle für die Abfälle geeignet. Doch die Deponien Schönwohld (Kreis Rendsburg-Eckernförde), Damsdorf/Tensfeld und Großenaspe (beide Kreis Segeberg) seien bald voll. Sie könnten perspektivisch die erwarteten Abfallmengen nicht aufnehmen, so das Energiewendeministerium.

 

Weitere Informationen

AKW-Rückbau: Vier Deponien kommen infrage

09.09.2019 12:00 Uhr

Energiewendeminister Albrecht hat vier Deponien vorgestellt, an denen leicht kontaminiertes Material aus dem AKW-Rückbau gelagert werden könnte. Ende 2021 geht das letzte Kraftwerk im Land vom Netz. mehr

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.09.2019 | 19:30 Uhr

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