Stand: 28.11.2019 18:45 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Roboter zerschneidet das Herzstück des AKW Brunsbüttel

von Sven Jachmann

Seit August sind die Mitarbeiter einer Spezialfirma aus Erlangen mit dem Zerkleinern der Einbauten des Reaktors im Kernkraftwerk Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) beschäftigt. Brunsbüttel wird von innen nach außen und von oben nach unten zersägt und zerschnitten. "Vom Gesamtprojekt sind wir am Anfang. Das sind die ersten wesentlichen Schritte des Abbaus. Es ist komplex, da wir unter Wasser arbeiten und ein hohes Maß an Vorsicht geboten ist. Denn die Stahlteile, die wir hier auseinanderschneiden, sind aktiviert - also radioaktiv", erklärt Werksleiter Markus Willicks.

Weltweit einzigartiger Roboter

Im tiefblauen Wasserbecken des Reaktorgebäudes schneidet sich der Wasserstrahl eines Unterwasser-Roboters durch blanken Stahl. Er schneidet langsam, nur 20 Zentimeter pro Minute. Aber Sicherheit geht vor. Deshalb finden die Arbeiten unter Wasser statt und sind computergesteuert. "Wasser ist hervorragend geeignet für Abschirmzwecke. Es schirmt sehr effizient die Strahlung ab", erklärt Ingo Neuhaus, der bei Vattenfall für den Abriss zuständig ist. "Der Roboter ist weltweit einzigartig, er ist gelenkig wie eine menschliche Hand. Er ist deshalb sehr effektiv und wir sparen uns eine Reihe von Spezialwerkzeugen."

Der Roboter heißt "Azuro". Das steht für "automatische Zerlegung unter Wasser Roboter" und wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts entwickelt. Aktuell zerschneidet "Azuro" den Dampftrockner des Reaktors. Er zerschneidet die Stahlkonstruktion mit einem Wasserstrahl, dem Sand beigemischt wird. Der Dampftrockner hatte die Aufgabe, den aufsteigenden Wasserdampf zu trocknen, da sonst die Wassertropfen die Turbine zerstört hätten.

4.000 Tonnen Wasserdampf sind hier pro Stunde aufgestiegen. Jetzt liegt der Dampftrockner im Wasserbecken und wird zerlegt. Das Becken haben die Techniker vorher mit einer Stahlschicht ausgelegt, damit beim Zerschneiden die Beckenwand nicht zerstört werden kann.

Schnittstücke werden nach Tetris-Prinzip verstaut

"Azuro" zerschneidet den fünf Meter hohen und 33 Tonnen schweren Dampftrockner in mehrere große und kleine Teile. Spezialisten haben den Computer so programmiert, dass er die Teile passgenau aus dem Dampftrockner heraus sägt. Anschließend werden sie in Einstellmagazinen verstaut und dann in das Endlager Schacht Konrad gebracht. Da der Platz im Endlager begrenzt ist, muss hier in Brunsbüttel alles genau verstaut werden. Jedes Schnittstück wird also exakt geplant. Die ersten Teile des Dampftrockners sind bereits in entsprechende Behälter nach dem Tetris-Prinzip verstaut worden.

Der Dampftrockner gehört zum Reaktordruckbehälter. Der Druckbehälter ist 25 Meter hoch und sechs Meter breit. Als Erstes hatten die Techniker den Deckel vom Reaktordruckbehälter ausgebaut. Wegen seines großen Abstands von zehn Metern zum Kern ist er nicht radioaktiv. Ein Speziallabor in Erlangen wertet gerade die ersten Proben des 65 Tonnen schweren Deckels aus. Von den Laborergebnissen des Materials hängt es ab, ob er eingeschmolzen oder wiederverwendet werden kann.

Rückbau soll erst 2034 abgeschlossen sein

Hier im Reaktordruckbehälter hat das Herz des Reaktors geschlagen, hier hat die Kettenreaktion stattgefunden und hier wurden die Brennelemente ausgetauscht. Jetzt läuft der Rückbau auf Hochtouren. Die Elemente mit der höchsten Radioaktivität wurden als Erstes entfernt. Vor zwei Jahren bauten die Spezialkräfte die letzten Brennelemente aus. Die leeren Behälter lagern noch unter Wasser im Inneren des Kraftwerks und sind auf dem Grund des Beckens gut zu sehen.

Bis Anfang 2021 sollen die Arbeiten im Reaktorgebäude abgeschlossen sein, wie Werksleiter Willicks am Donnerstag sagte. Der Rest der Technik im AKW Brunsbüttel soll bis voraussichtlich 2024 zerlegt sein. Dann reißen Bagger sämtliche Gebäude ein, und erst 2034 soll das gesamte Atomkraftwerk Brunsbüttel zurückgebaut sein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.11.2019 | 17:00 Uhr

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