Stand: 28.08.2020 06:00 Uhr

"Schulen bieten nur Ausbildung, keine Bildung"

Und wie soll Schule das schaffen?

Hüther: Unter den gegenwärtigen Bedingungen kann sie das nicht schaffen. Weil sie im Grunde genommen, wenn man es ganz hart sagt, die Schüler zum Objekt ihrer Belehrungen, Erwartungen und Bewertungen macht. Und wenn ein Schüler die Erfahrung machen muss, dass er wie ein Objekt behandelt wird und damit seine beiden Grundbedürfnisse - nämlich selbst entdecken, lernen zu wollen und dazugehören zu wollen - so tief verletzt werden, dann verweigert sich das Kind. Dieses System hat im letzten Jahrhundert gut funktioniert. Aber damals brauchte man auch ganz viele Leute, die aus der Schule kamen und das gemacht haben, was ihnen gesagt wurde. Die möglichst genauso gut funktioniert haben wie die Maschinen, die sie bedienten.

Heutzutage dagegen wird sich ein junger Mensch im Leben nur noch zurechtfinden können, wenn er Freude an dem hat, was er tut. Die Schule anders machen, mehr Gestaltung, mehr Freiraum möglich machen: Diejenigen, die das erzwingen könnten, das sind nicht die Lehrer, das sind die Eltern. "#Education For Future" haben wir eigentlich für die Eltern geschrieben, damit sie endlich auf die Politik Druck ausüben und sagen: Es geht nicht darum, ob man zwölf oder 13 Jahre in die Schule geht, sondern ums Ganze: Wozu soll Schule da sein, was verstehen wir unter Bildung?

Weil Sie gerade das Thema Bewertungen angesprochen haben - gerade die sind vielen Eltern ja sehr wichtig. Sie dagegen sehen Zeugnisse, Bewertungen, Noten kritisch, weil sie dazu beitragen, den Kindern die Freude am Lernen zu nehmen. Wenn sie aber wegfielen, was würde dann mit der Vergleichbarkeit passieren? Wie sollen Stärken und Schwächen von Kindern eingeschätzt werden, wenn nicht durch Noten?

Hüther: Ich glaube, wir machen uns da etwas vor. Die Schüler brauchen keine Noten. Sie brauchen eine Rückmeldung über ihre Leistung und Ermutigung und eine gute Begleitung. Wer die Noten braucht, das sind die weiterführenden Einrichtungen, am meisten die Universitäten. Und es ist eine Schande, dass sie nicht in der Lage und offenbar auch nicht willens sind, sich die geeigneten Kandidaten für ihre verschiedenen Studiengänge aus den Bewerbern selbst auszusuchen. Vielleicht haben sie dafür keine Kapazitäten. Aber man kann diese Auswahl doch auch nicht einem Automaten überlassen, der einfach nur durchrechnet, was der Bewerber für einen Notendurchschnitt im Zeugnis hat. Da bekommen junge Menschen einen Studienplatz für Medizin, die eigentlich gar keine Lust auf Medizin haben, aber 1,0 im Abitur. Das geht doch nicht. Wir brauchen diejenigen im Medizinstudium - und auch in allen anderen Studienfächern - die das Fach wirklich mit Begeisterung studieren wollen. Und das kriegt man nicht über den Notendurchschnitt raus. Die Schulen lassen sich hier von weiterführenden Einrichtungen missbrauchen, die zu faul sind, selbst ihre Bewerber auszusuchen.

Wenn man sich tatsächlich dazu durchringt, Noten abzuschaffen und die Schule grundlegend zu reformieren - wie sollte sie Ihrer Meinung nach sein? Wie könnte man Schüler zu denkenden, zufriedenen, kritischen Menschen machen, die imstande sind, ein gutes, ein zufriedenes Leben zu führen?

Hüther: Ich mache mal einen Vorschlag: Man könnte Hannover-Linden oder Hamburg-Eppendorf, also einen ganzen Stadtteil, möglicherweise eine ganze Stadt, zum Bildungscampus machen. Und dort ist jeder Ort, wo Menschen tätig sind, ein Lernort. Und dann bietet man den Heranwachsenden die Möglichkeit, sich dort umzuschauen und für einige Wochen mitzumachen und zu sehen, wie das läuft und was da alles passiert. In Geschäften, in Büros, bei Handwerkern - überall lernen die Kinder und Jugendlichen etwas, was sie für ihr späteres Leben gebrauchen können. Und wenn sie dann merken, dass es bestimmte Dinge gibt, die sie auch wissen müssten, damit sie ihr späteres Berufsleben auch kompetent ausfüllen können, gehen sie an manchen Tagen zu einem Ort, an dem früher Schule dran stand und der jetzt vielleicht Lernhaus heißt - und finden dort Möglichkeiten und kompetente Begleitung, um sich das anzueignen, von dem sie überzeugt sind, dass sie das jetzt unbedingt lernen wollen. Da ist die eigentliche Schule dann - das tatsächliche Leben.

Bis eine solche Vision Wirklichkeit wird, wird es allerdings sicherlich noch dauern. Beziehungsweise: Wer weiß, ob es überhaupt jemals so weit kommt. Gibt es denn auch etwas, das man sofort tun oder ändern kann?

Hüther: Ja, es gibt da etwas ganz Einfaches: Nehmen Sie die Schule nicht mehr so wichtig! Was dort passiert, ist für die Bewältigung des Lebens nicht so entscheidend. Das ist Ausbildung, die den Kindern natürlich auch geboten werden soll, aber auch im hohen Maße Aufbewahrung. Und vor allem, wie gesagt, Selektion. Und Eltern sollten doch eigentlich kein Interesse daran haben, dass ihr Kind in irgendwelche Töpfe gesteckt wird, mit dem Ziel, von nachfolgenden Ausbildungseinrichtungen entweder akzeptiert oder abgelehnt zu werden. Es sollte ihnen doch darum gehen, dass ihr Kind sein Leben meistert und glücklich wird im Leben. Und ob es das mit einem Einser-Abitur und einem tollen Berufsweg erreicht, der über ein Studium führt, oder ob das Kind seine Liebe zum Handwerk entdeckt und dort seine Erfüllung findet, das ist mir egal. Das möchte ich den Kindern auch nicht vorschreiben.

Das Interview führte Andrea Heußinger.

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  • Teil 1:
  • Teil 2: Und wie soll Schule das schaffen?

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 28.08.2020 | 06:00 Uhr

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