VIDEO: Werden Ferienwohnungen zu Ostern trotz Verbot vermietet? (5 Min)

Umgehen Vermieter gezielt das Beherbergungsverbot?

Stand: 01.04.2021 21:32 Uhr

Die Vermietung von Ferienwohnungen für private Zwecke ist in Niedersachsen gemäß der Corona-Verordnung verboten. Wie der Test eines NDR Reporters zeigt, scheint sich daran aber nicht jeder zu halten.

von Sebastian Duden

Die Kfz-Kennzeichen an der Küste haben auch mich stutzig gemacht: Münster, Ulm, Homburg, München. Im Norden sind wieder viele Urlauber unterwegs, die ein paar Stunden Autofahrt hinter sich zu haben scheinen. Klar, es sind Osterferien, viele zieht es bei dem guten Wetter nach draußen. Aber in Dangast bildet sich zum Beispiel schon eine Schlange vorm Bäcker. Ich frage mich: Wo übernachten die auswärtigen Gäste in den Urlaubsregionen in Niedersachsen? Hotels werden streng kontrolliert, müssen dokumentieren, wer absteigt. Auch Ferienwohnungen dürfen im Moment eigentlich nur mit Dienstreisenden belegt sein.

Hohe Strafen für Vermieter und Mieter drohen

"Die Ausnahmen sind so eng auszulegen, dass ein Vermieter einer Ferienwohnung im Prinzip keine Vermietung vornehmen kann" schreibt mir ein Sprecher des Landkreises Wittmund. "Ist die Ferienwohnung belegt, ist erst einmal von einem Verstoß auszugehen." Die Höhe des Bußgeldes beträgt zwischen 1.000 und 3.000 Euro - für Vermieter wie auch Mieter. Im Wiederholungsfall sind sogar 25.000 Euro möglich. Trotzdem: Ich habe klare Hinweise darauf, dass es relativ leicht ist, das Belegungsverbot zu umgehen und eine Ferienwohnung anzumieten. Viele Autos mit auswärtigen Kennzeichen stehen auch auf den Parkplätzen davor, und anders kann ich mir die Anzahl an auswärtigen Touristen nicht erklären.

Beherbergungsverbot gilt bis 18. April

Eine Stichprobe soll Klarheit bringen: Ich gehe der Frage nach der Unterbringung der Touristen nach und konzentriere mich auf die Ferienwohnungen. Auch für sie gilt noch mindestens bis zum 18. April das Beherbergungsverbot, unter dem auch die gesamte Hotel- und Gaststättenbranche derzeit leidet. Viele Ferienhausanbieter vermieten im Nebenerwerb, nur etwa sechs Prozent von ihnen bekommen deswegen Ausgleichszahlungen vom Staat, schreibt mir der Deutsche Ferienhausverband. Da fehlt das Geld der Feriengäste in der ein oder anderen Haushaltskasse.

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Kommentare deuten auf Urlaubsreisen hin

In einer mehrere Tage dauernde Recherche schreibe ich Dutzende Ferienhausanbieter an, gebe mich als Kunde aus und mache klar: Ich möchte jetzt noch ein paar Tage verreisen, bin mir aber bei den Corona-Vorschriften nicht sicher, ob das möglich sei. Der Blick in die Bewertungen mehrerer Ferienwohnungen zeigt mir schon vorweg: Hier ging es in den vergangenen Wochen nicht nur um Dienstreisen, viel zu oft ist in den Kundenbewertungen schlicht und ergreifend von Urlaubserlebnissen die Rede. "Tolle Unterkunft für ein verlängertes Wochenende mit ausgedehnten Spaziergängen in der Natur", lese ich zum Beispiel in einer Bewertung aus dem März.

Behörden und Hotelbetreiber sehen Verstöße nicht als "Kavaliersdelikt"

"Die Vermieter müssen Urlaubsanfragen eigentlich ablehnen, sie anzunehmen ist blanke Ignoranz", ärgert sich Volker Blohm. Ich habe den Leiter des Kreisgesundheitsamtes der Wesermarsch in Brake getroffen. Der Landkreis hat gerade einen Inzidenzwert von 193, was Ausgangssperren und zum Teil gesperrte Strände zur Folge hat. "Wir würden gerne unsere Schulen irgendwann mal wieder öffnen, unsere Krankenhäuser sind ebenfalls am Limit", sagt er. Was die Mieter vielleicht als "Kavaliersdelikt" betrachten, beurteilt Blohm vollkommen anders: "Wir wollen Menschenaufläufe verhindern. Und es macht einen Unterschied, weil die nicht in der Wohnung bleiben wollen. Das Wetter ist schön, die wollen raus, auch mal einkaufen. Es besteht die große Gefahr, dass man sich dann ansteckt."

Dehoga: Keine Verstöße von Hotels bekannt

Der Präsident des niedersächsischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Detlef Schröder, ärgert sich aus anderen Gründen: Im Interview sagt er, die Hotelbetriebe würden streng kontrolliert und deswegen prinzipiell nur beruflich Reisende aufnehmen. Die Betriebe, die auf das Übernachtungsgeschäft zu 100 Prozent angewiesen seien, könnten sich Unregelmäßigkeiten auch gar nicht leisten, sagt er. "Es sind bisher aus den Hotelbetrieben im Land auch keine Verstöße gegen das Beherbergungsverbot bekannt", betont Schröder. Auch wenn er den in der Dehoga organisierten Betrieben gönnen würde, bald wieder Gäste begrüßen zu dürfen. "Was einige Ferienhausanbieter da machen, ist in dem Zusammenhang einfach nicht fair."

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Stichprobe überraschend eindeutig

"Da ich privat vermiete, ist das kein Problem. Du bist also herzlich eingeladen", "Wir sind da ehrlich gesagt ganz locker, du kannst die Wohnung über den Zeitraum buchen" und "Bei uns in Ostfriesland ist es bemerkenswert ruhig, es gibt keinen Grund, nicht vorbeizuschauen": So lauten nur einige der Antworten, die ich auf meine Anfragen von Anbietern von Ferienwohnungen bekam. Mehrere Dutzend in ganz Niedersachsen habe ich angeschrieben, wahllos auf drei verschiedenen Internetseiten. Knapp ein Viertel von ihnen hätte mir eine Wohnung vermietet, für einen Urlaub. Einige Anbieter gaben mir sogar noch den Tipp, meine Anfrage aus "beruflichen Gründen" zu stellen, also falsche Angaben zu machen. Ich solle doch einfach ein Laptop mitbringen und so tun, als mache ich Homeoffice, schlug eine Vermieterin vor. Die Beweislast auf die Mieter abzuwälzen, schützt die Vermieter allerdings nicht. Die Verantwortung liegt nämlich in erster Linie beim Vermieter, heißt es in einer E-Mail vom Sprecher des Landkreises Wittmund.

Kontrollen sollen verstärkt werden

Etwa 60.000 Ferienwohnungen gibt es in Niedersachsen. Sie alle zu kontrollieren, ist für Ordnungsämter und Polizei unmöglich. Dennoch gehen die Behörden Hinweisen nach, wollen die Kontrollen in den kommenden Wochen hochfahren. Erste Anzeigen gingen bereits ein, im Landkreis Ammerland zum Beispiel. Allerdings ist die Zahl der Ermittlungen hier noch einstellig. Der Graubereich, das zeigt mir die Stichprobe, scheint aber riesig zu sein.

 

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 01.04.2021 | 19:30 Uhr

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