Stand: 16.10.2021 14:26 Uhr

Semesterbeginn: Studierende mit Sorgen ernst nehmen

Eine Bildcollage zeigt Kris-Stephen Besa, Akademischer Rat an der Uni Münster, und Anna Katharina Lips , Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Hildesheim ©  Kris-Stephen Besa/Anna Katharina Lips Foto:  Kris-Stephen Besa/Anna Katharina Lips
Kris-Stephen Besa von der Uni Münster und Anna Katharina Lips von der Uni Hildesheim haben bei Studierenden genau hingehört.

Lockere Erstsemester-Woche, gemeinsames Essen in der Kantine, Lerngruppen in der Bibliothek: Dieser Alltag ist Studierenden während der Corona-Pandemie fremd. In diesen Tagen kommen viele erstmals an die Hochschulen oder Universitäten und treffen ihre Mitstudierenden, die sie sonst nur vom Bildschirm kennen. Was das mit ihnen macht und wie sie die Zeit fernab des Campus erlebt haben, darüber hat NDR.de mit Forschern der Universitäten Hildesheim und Münster gesprochen. Im Team mit anderen haben sich Dr. Kris-Stephen Besa, Akademischer Rat an der Uni Münster, und Anna Katharina Lips, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Hildesheim, in zwei Befragungen "Stu.diCo - Studieren in der Pandemie" mit den Sorgen, Nöten und Wünschen der jungen Menschen beschäftigt.

Nun lernen viele Studierende erstmals ihre Mitstudierenden und die Unis von innen kennen. Welche Ängste treiben sie um?

Besa: Bei denen, die noch nie eine Universität im Präsenzmodus erlebt haben, dominiert hoffentlich die Vorfreude darauf, dass es jetzt endlich mit dem Studium "richtig losgeht". Das geht im Einzelfall sicherlich auch mit Sorgen vor der ungewohnten Situation einher. Jedoch nicht nur bei den "Neuen". Sondern es ist ja auch für die "alten Hasen" unter den Studierenden und ebenso für das Lehrpersonal eine Herausforderung, in den Regelbetrieb zurückzukehren.

Mit Blick auf die Ergebnisse unserer zweiten Stu.diCo-Erhebung aus diesem Sommer, scheint der Wunsch nach einer Rückkehr zur universitären Normalität einer Präsenzlehre, insbesondere aufgrund des mangelnden sozialen Austauschs, mögliche Sorgen und Ängste jedoch deutlich zu überwiegen.

Lips: Ja, der Wunsch wieder oder erstmalig in persönlichen Kontakt mit Mitstudierenden und Lehrenden zu kommen, ist immens. Sicherlich gibt es aber auch die Studierenden, die Sorge vor einer Infektion mit Corona haben und vor dem Zusammensein in größeren Gruppen. Der Anteil derer, die große Sorgen vor einer eigenen Infektion haben, war in den Befragungen der JuCo-Reihe ("Jugend und Corona") unter jungen Menschen zwischen 15 und 30 Jahren zwar recht niedrig, aber natürlich dürfen auch diese nicht aus dem Blick geraten. Ebenso wenig wie jene, die sich vielleicht keine oder wenig Sorgen um ihre eigene Gesundheit machen, wohl aber um die von nahen Angehörigen. In den JuCo- als auch in den Stu.diCo-Studien geben junge Menschen an, Angst davor zu haben, Personen aus ihrem privaten Umfeld mit Corona zu infizieren.

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Daneben berichten Studierende von einer Reihe anderer Gründe dafür, dass ihnen das "umswitchen" auf Lehre in Präsenz Bauchschmerzen bereitet: Sie haben sich anders eingestellt in den vergangenen Monaten und nun muss alles wieder neu organisiert werden. Außerdem ist noch nicht klar, wie genau die Veranstaltungen ablaufen und die Hygienemaßnahmen umgesetzt werden beziehungsweise können. Oder weil vielleicht keine passende Wohnung gefunden werden konnte - um nur einige Beispiele zu nennen.

Welche Folgen hat das digitale Studieren auf das Miteinander der Studierenden? Oder sogar im eigenen familiären Umfeld?

Besa: Das ist eine spannende Frage! Abseits der gesteigerten wahrgenommenen psychischen Belastung, die aus den Befragungen deutlich wurde, sind für die Studierenden ja Möglichkeiten des sozialen Austauschs in einer großen Bandbreite weggefallen. Neben der Lehre seien hier auch der Gang in die Mensa, Partys oder Dinge wie der Hochschulsport genannt, die kaum adäquat ersetzt werden konnten. Ob dieses zumindest teilweise durch eine stärkere Zuwendung zur eigenen Familie kompensiert werden konnte, werden wir uns sicher bei vertieften Analysen der Stu.diCo-Daten anschauen.

Lips: Digitales Studieren, so unser deutlicher Eindruck, kann persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Auch, wenn digitale Lösungen gefunden wurden, miteinander in Kontakt zu treten und sich - auch über die jeweilige Lehrveranstaltung hinaus - auszutauschen, fehlte den Studierenden doch deutlich der persönliche Kontakt.

Hinsichtlich des familiären Umfeldes lässt sich zunächst einmal feststellen, dass ein nicht geringer Anteil Studierender - immerhin fast 18 Prozent - im Verlauf der Corona-Pandemie vorübergehend zurück zu ihren Familien gezogen ist. Der Großteil davon wiederum gibt an, das freiwillig getan zu haben und nicht etwa aus einer finanziellen Zwangslage heraus. Familie scheint für viele Studierende ein wichtiger Ankerpunkt in der Pandemie gewesen zu sein und auch ein Ort, um Einsamkeit zu entkommen.

Mit 3G und Bändchen am Arm stellt sich nun erst einmal keine studentische Leichtigkeit ein. Wie kann den Studierenden der Weg in diese "neue Normalität" gelingen?

Besa: Die Erfordernisse eines verantwortungsvollen Umgangs mit der Pandemie-Situation dürfen nicht vom Tisch gewischt werden, mit Blick auf vulnerable Gruppen innerhalb der Studierendenschaft, aber möglicherweise auch beim Universitätspersonal. Ob Bändchen oder - wie bei uns in Münster - etwas dezentere Sticker auf dem Studierendenausweis zur Anzeige des Impfstatus hier die bessere Wahl sind, kann sicher diskutiert werden. Klar sollte jedoch sein, dass den Studierenden keine gesamtgesellschaftlichen Lasten aufgebürdet werden dürfen, sondern diese Gruppe verstärkt mit ihren Sorgen und Nöten ernst genommen werden muss.

Lips: Und dabei auch in ihrer Diversität wahrgenommen werden muss. So leben die Studierenden in unterschiedlichsten Konstellationen, verfügen über unterschiedliche Ressourcen und haben die letzten eineinhalb Jahre auch sehr unterschiedlich erlebt und bewertet. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Stu.diCo-Erhebungen zeigen, dass das Belastungserleben zwar insgesamt hoch ist, die Belastungen aber nicht alle Studierenden gleichermaßen betreffen. Dementsprechend ist auch anzunehmen, dass einigen die "neue Normalität" leichter fallen wird als anderen und geeignete Strukturen zur Unterstützung ein wichtiger Baustein für diesen Weg sein könnten.

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Welche Rolle spielen Bildungseinrichtungen und auch die Politik dabei?

Lips: Ein wichtiger Schritt ist es, zunächst einmal die Bildungsinstitutionen des jungen Erwachsenenalters, wie hochschulische Bildungseinrichtungen oder Ausbildungseinrichtungen, stärker in den politischen Fokus zu rücken. Es mangelt aus unserer Sicht an übergreifenden Gesamtstrategien, an Sicherheiten, ob angedachte Konzepte realisiert werden können und an einer überzeugenden Haltung und Aufbruchstimmung an den Hochschulen und bei den politisch Verantwortlichen. Wir würden uns wünschen, dass Studierende und Hochschulen stärker in den Blick der Politik kommen und Entscheidungen möglichst frühzeitig und unter Einbezug der Studierenden und Lehrenden getroffen werden, die allen Beteiligten die notwendigen Sicherheiten geben. Zudem würden wir uns wünschen, dass an den Hochschulen selbst sensibel mit der Wiederaufnahme des Präsenzbetriebs umgegangen wird und Unterstützungs- und Beratungsangebote insbesondere auch für diejenigen vorgehalten werden, denen dieser Umstellungsprozess möglicherweise nicht so leichtfällt.

Nun muss diese Pandemie auch irgendetwas Gutes haben. Welche Fähigkeiten haben die Studierenden entwickelt, von denen sie nun auch profitieren können?

Besa: Alle am universitären Betrieb beteiligten Personen mussten sich in den zurückliegenden Semestern sehr flexibel auf die neue Situation einstellen. Dabei gab es für uns Lehrende sicherlich auch die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die sonst nicht stattgefunden hätten. Beispielsweise das Bespielen neuer Präsentationskanäle oder auch stärkere Projektorientierung und Auflösung von Lehre in Großgruppen, um dem auf Dauer ermüdenden Video-Chat zumindest etwas entgegenzusetzen. Das hat von den Studierenden jedoch auch ein deutlich höheres Maß an Eigenorganisation erfordert, was dem weiteren Studium sicherlich zu Gute kommt.

Was kann das digitale Lernen für die Zukunft im Hörsaal bedeuten?

Besa: Mit den technischen Herausforderungen sind die Studierenden - das zeigen auch ihre Selbstauskünfte - sehr rasch erstaunlich gut klargekommen, was für mich als Lehrkräftebildner natürlich besonders erfreulich ist. In der Lehrer*innen-Bildung bestand für uns eine gute Möglichkeit, Chancen aber auch Grenzen digitaler Lehre mit Blick auf die spätere Unterrichtsperspektive der Lehramtsstudierenden gemeinsam zu erkunden. Grundsätzlich gilt es, in den kommenden Semestern im Austausch mit den Studierenden zu evaluieren, welche neuen Formate sich in welcher Form bewährt haben und worauf man lieber verzichten sollte. Für solche hochschuldidaktischen Überlegungen haben wir aus unserer Studie eine hervorragende Datenbasis und es scheint, dass trotz des verbreiteten Wunsches nach Präsenz vor allem für Vorlesungen über hybride Formate und/oder Aufzeichnungen nachgedacht werden sollte.

Das Interview führte Felix Klabe / NDR.de.

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