Stand: 22.10.2018 13:17 Uhr

"ProBeweis": Netzwerk dokumentiert häusliche Gewalt

von Sophie Mühlmann
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Häusliche Gewalt ist ein Problem - vor allem, weil ihre Spuren irgendwann verschwinden. Die Anlaufstelle "ProBeweis" will Abhilfe schaffen.

Die Zahlen sind erschreckend: Jede dritte Frau in Deutschland hat seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens eine Form von körperlicher oder sexueller Gewalt erfahren - in der Partnerschaft oder durch eine andere Person - so eine Studie der Europäischen Union. Die Kriminalstatistik erfasste für das Jahr 2015 allein in Niedersachsen rund 16.500 Fälle häuslicher Gewalt. Doch was können die Opfer tun? An wen können sie sich wenden in ihrer Angst und Ohnmacht? Das Netzwerk "ProBeweis" an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) möchte diese Lücke füllen. Die Mediziner helfen den Betroffenen dabei, Verletzungen zu dokumentieren, bis diese sich trauen, Anzeige zu erstatten.

Ein Untersuchungszimmer wird für eine Patientin vorbereitet.

ProBeweis: Hilfe für Opfer von häuslicher Gewalt

Hallo Niedersachsen -

Viele Opfer häuslicher Gewalt trauen sich nicht, sofort zur Polizei zu gehen. Das Netzwerk ProBeweis bietet die Möglichkeit, Beweise für eine spätere Anzeige zu dokumentieren.

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Erster Schritt aus der Gewaltspirale

Ein häufiges Problem: Gewalt lässt sich nach einer Weile nicht mehr beweisen, denn blaue Flecken verblassen und DNA-Spuren verschwinden. Diese Spuren fachgerecht zu sichern, damit sie auch nach Jahren noch prozessrelevant eingesetzt werden können, hat sich "ProBeweis" zur Aufgabe gemacht. "Oft sind die Betroffenen noch unentschlossen, ob sie Anzeige erstatten wollen", sagt Rechtsmedizinerin Anette Debertin, die das Projekt 2012 aufgebaut hat und leitet. Wer herkommt, habe bereits den ersten Schritt aus der Gewaltspirale getan. Die Spuren werden für mindestens drei Jahre gesichert, die Fotos und Dokumentationsbögen sogar 30 Jahre. Diese Bögen sollen auch eine Art Leitfaden für Ärzte sein: In ihnen wird alles, was jemals relevant werden könnte, Schritt für Schritt abgefragt und schriftlich festgehalten.

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Partnerkliniken von "ProBeweis" in Niedersachsen

Das Netzwerk "ProBeweis" ist Anlaufstelle für Opfer häuslicher Gewalt. In Niedersachsen gibt es 37 Untersuchungsstellen in 33 Städten - hier eine Karte der Kliniken zum Download. Download (209 KB)

Ministerin: "ProBeweis" eine "Erfolgsstory"

Das Netzwerk sei eine "niedersächsische Erfolgsstory", sagte Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD). Bisher unterstützt ihr Ministerium das Projekt mit 270.000 Euro pro Jahr. Bevor es "ProBeweis" gab, war es für die Opfer oft ein Spießrutenlauf: Es gab keine standardisierte Untersuchung in Niedersachsen. Dass Betroffene Ärzte fanden, die sich in der sogenannten Gewaltmedizin auskannten, war Glücksache. Inzwischen hat "ProBeweis" 37 Standorte im Land, an denen Betroffene rund um die Uhr Hilfe bekommen können. Und das Netz soll noch weiter ausgebaut werden.

Notausstieg für Internetseite

Wer sich über die Webseite informieren will, für den gibt es einen "Notausstieg" - ein Klick, der sofort die Seite schließt. Das kann lebenswichtig sein, denn die Opfer werden häufig genau von ihren Peinigern kontrolliert. Aus demselben Grund sind die Flyer von "ProBeweis" klein und auf Visitenkartengröße faltbar - damit man sie in der Hosentasche verstecken kann.

Manche Verletzungen lebensbedrohlich

Stefanie Hoyer ist als Rechtsmedizinerin ebenfalls an dem Projekt beteiligt und untersucht zweimal in der Woche Betroffene, die sich bei ihr vorstellen. Rund 82 Prozent der Hilfesuchenden sind demnach Frauen, so Hoyer gegenüber dem NDR Fernsehmagazin Hallo Niedersachsen. Am häufigsten finde sie Blutergüsse, aber auch Bisswunden und Spuren von Schlägen oder Fausthieben: Das gehe manchmal so weit, dass die Mediziner teilweise eine zumindest potenzielle Lebensbedrohlichkeit bescheinigen müssten. Manchmal gilt es allerdings auch, Entlastendes herauszufinden: Manche Patienten haben sich die Verletzungen laut Hoyer selbst zugefügt. Die Ärztinnen müssen wachsam sein, damit nicht doch jemand fälschlich beschuldigt wird. Die Untersuchungen sind streng vertraulich. Nur Betroffene selbst können die Unterlagen wieder abrufen - oder ein Anwalt mit einer Schweigepflichtsentbindung.

EU-Studie zu häuslicher Gewalt

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) hat im März 2014 eine Studie zu Gewalt gegen Frauen veröffentlicht. Auch in Deutschland wurden dazu rund 1.500 Frauen zwischen 18 und 74 Jahren befragt - und zwar nach ihren Erfahrungen zu Gewalt, sexueller Belästigung und Stalking. Demnach liegt die Gewaltbetroffenheit von in Deutschland lebenden Frauen im europäischen Vergleich leicht über dem Durchschnitt:

  • 35 Prozent der deutschen Frauen haben körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch einen Partner oder einer anderen Person seit ihrem 15. Lebensjahr erfahren - im europäischen Durchschnitt sind es 33 Prozent
  • 24 Prozent der Frauen aus Deutschland haben Stalking seit ihrem 15. Lebensjahr erfahren
  • 60 Prozent haben mindestens eine Form der sexuellen Belästigung erfahren

Gewaltspuren diskret behandelt

"Die Anonymität ist extrem wichtig", so Rechtsmedizinerin Hoyer, "weil wir mitbekommen, dass Opfer, die sich hier vorstellen, sehr, sehr verängstigt sind." Entsprechend behutsam müsse man mit ihnen umgehen. "Wir lassen zum Beispiel nie jemanden sich komplett entkleiden und schauen den dann einmal ringsum an. Wir machen alles immer schrittweise. Da muss man einfach so ein bisschen gucken, da ist jeder anders."

Opfer müssen nicht zurück ins Leiden

Viele der Opfer, die hier ihre Spuren sichern lassen, gehen dennoch zurück in ihre Leidenssituation. Die Gründe dafür: Kinder, gemeinsame Firmen oder Häuser, die sie daran hindern, ihre Notlage zu beenden. Hoyer hört es immer wieder: "Was sagt die Familie? Oder: das glaubt mir doch keiner, wenn ich das erzähle, dass mir das zu Hause passiert, dass mein Mann so was macht." "ProBeweis" vermittelt die Frauen auch an Opferschutzeinrichtungen, Frauenhäuser oder auch Anwälte weiter. Die Betroffenen sollen nach der Beweissicherung nicht allein gelassen werden.

Fast 800 Frauen suchten bereits Hilfe

Seit das Netzwerk vor sechs Jahren gestartet wurde, kamen schon 810 Frauen und auch Männer her, 168 allein in diesem Jahr. Je mehr Opfer von diesem Ausweg wissen, desto besser: dass es hier jemanden gibt, der mit ihnen kämpft für ihr Grundrecht auf ein gewaltfreies Leben.

Weitere Informationen gibt es unter www.probeweis.de.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 21.10.2018 | 19:30 Uhr

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