Stand: 19.09.2016 09:11 Uhr

Platooning: Die Zukunft des Lkw-Verkehrs?

von Timo Robben

Stellen Sie sich Folgendes vor: Unzählige Lkw donnern hintereinander die Autobahn entlang. Die Fahrerkabinen sind inzwischen zum mobilen Büro geworden. Die Fahrer lenken ihre Lkw nicht. Stattdessen haben sie ihre Tische ausgeklappt und erledigen Büro-Arbeit. Alle Lkw sind untereinander vernetzt. Wenn einer bremst, bremsen auch die anderen. Automatisch. Durch die schnelle Reaktionszeit können die Lkw sehr dicht hintereinander herfahren. So ist nicht nur mehr Platz auf den Autobahnen, sondern die Lkw sparen auch noch Sprit. Elefantenrennen gibt es nicht mehr. Das sogenannte Platooning ist einer der Schwerpunkte der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) für Nutzfahrzeuge ab diesem Donnerstag in Hannover.

"Wir brauchen weniger Fachkräfte"

Willy Schnieders ist der Vorsitzende der Kraftfahrergewerkschaft. Die Vision der Auto-Lobby teilt er nicht.

"Das System hat drei große Vorteile", sagt der Hamburger Verkehrswissenschaftler Wolfgang Maennig. "Es wird Staus reduzieren und den Verkehrsfluss optimieren." Darüber hinaus werde durch den geringen Abstand Treibstoff gespart. "Und zusätzlich steigert es die Effizienz. Wir brauchen dann weniger Fachkräfte. Es treibt also die Rationalisierung voran." Lkw-Fahrer würden nicht mehr nur die Kraftfahrzeuge steuern, sondern auch gleich den Beruf des Disponenten mit übernehmen. "Da bleibt natürlich die Frage, ob das den Lkw-Fahrern gefällt", gibt Maennig zu Bedenken.

"Der Disponent schaukelt sich die Eier"

Willy Schnieders ist 30 Jahre seines Lebens Lkw gefahren. Jetzt ist er der Vorstand der Kraftfahrergewerkschaft (KFG). Die Lkw-Fahrer selbst werden in die Debatte um Platooning nicht wirklich mit einbezogen. Schnieders kennt die Diskussion in erster Linie aus Zeitschriften und aus den Bundesausschüssen. "Ich sage das jetzt mal auf Lkw-Fahrer-Deutsch", beginnt der 59-Jährige seinen Satz. "Der Disponent schaukelt sich die Eier und wir müssen während der Fahrt auch noch Büro-Arbeit leisten." Er teilt die Vision der Hersteller nicht. "Sie glauben ja wohl nicht, dass ein Lkw-Fahrer während der Fahrt seine Augen von der Straße lässt", so Schnieders. "Wer trägt denn die Verantwortung, wenn mal etwas schief geht? Einen Computer kann man nicht bestrafen. Dann kommt doch wieder der Fahrer ins Spiel."

"Die Ära des Truckers geht zu Ende"

Eckehart Rotter, der Pressesprecher des Verbands der Automobilindustrie (VDA), sieht die Entwicklung als Chance. "Die Aufgaben des Lkw-Fahrers werden immer komplexer und der Arbeitsplatz sicherer", sagt Rotter. Entsprechend müsse der Fahrer dann auch mehr Geld verdienen. "Die Ära des reinen Truckers geht zu Ende. Diese Entwicklung ist unumkehrbar." Der Lobbyist sieht woanders Handlungsbedarf. "Im Moment geht es vor allem darum, dass die Hersteller ein markenübergreifendes System schaffen. Das alles funktioniert ja nur dann, wenn alle Lkw sich in so eine Kolonne einordnen können. Egal von welchem Hersteller."

"Geld würde ich nicht darauf wetten"

Für den Verkehrswissenschaftler Wolfgang Maennig ist das noch alles Zukunftsmusik. "Das kann ja sein, dass es bis 2020 technisch möglich ist, diese Technik einzusetzen", sagt Maennig. "Aber Geld würde ich nicht darauf wetten, dass es bis dahin auch soweit ist." Erst mal muss die Straßenverkehrsordnung geändert werden. Noch sind im Verkehr keine Lkw oder Pkw erlaubt, die autonom fahren. "Und außerdem dürfen wir die Bürger nicht vergessen. Es gibt ja zum Beispiel auch schon die fahrerlose U-Bahn", so Maennig. "Damit sind wir schon so weit. Aber die Bürger wollen das nicht, weil sie sich davor fürchten, wenn keiner am Steuer sitzt."

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Dieses Thema im Programm:

25.09.2016 | 12:45 Uhr

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