Stand: 20.09.2018 10:00 Uhr

Neue Proben: Resistente Keime breiten sich aus

In der bundesweit ersten großen staatlichen Untersuchung sind in Gewässern in Niedersachsen multiresistente Keime gefunden worden. Das Umweltministerium in Hannover hatte die Proben als Reaktion auf eine NDR Recherche in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse bestätigen nun weitgehend die Funde. Sie zeigen, dass multiresistente Keime in der Umwelt vorkommen und sich ausbreiten.

Die Politiker nehmen Wasserproben.

Multiresistente Keime in Gewässern entdeckt

Hallo Niedersachsen -

Eine Gewässeruntersuchung hat ergeben, dass es multiresistente Keime in vielen Gewässern in Niedersachsen gibt - darunter auch die Leine und die Innerste.

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Proben an 80 Orten genommen

Im Sommer haben Wissenschaftler der Universitätsklinik Bonn an 80 Orten in Niedersachsen Wasserproben genommen und auf Antibiotika-Rückstände und resistente Keime untersucht. Fast überall wurden sie fündig. An einigen Stellen wiesen sie auch Keime nach, bei denen fast alle zur Verfügung stehenden Antibiotika, auch Reservemittel, nicht mehr wirken. Bei einer Stichprobe, die der NDR durchgeführt hatte, waren zuvor ähnliche Ergebnisse herausgekommen.

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Niedersachsens Umweltminister Lies hatte eine der Wasserproben selbst genommen.

Aus Sicht des niedersächsischen Umweltministeriums bestätigen die Untersuchungen die bereits vorliegenden Erkenntnisse. Resistente Keime entstehen durch den Einsatz von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin und gelangen in die Umwelt. Die Untersuchungen zeigen zudem, dass es offensichtlich in einigen Gewässern besonders viele resistente Keime gibt - etwa hinter Kläranlagen, insbesondere wenn dort Klinikabwässer aufbereitet werden.

An den beiden Badestellen am Zwischenahner Meer und an der Thülsfelder Talsperre, wo bei den NDR Untersuchungen resistente Keime nachgewiesen worden waren, fanden sich diesmal laut Ministerium keine problematischen Erreger. Dies könne an dem unterschiedlichen Mess-Zeitpunkt liegen, erklärten die Wissenschaftler. Beispielsweise sei die Keimbelastung nach Stark-Regenfällen für einige Tage deutlich erhöht.

Funde in der Innnerste und in der Leine

Extrem resistente Keime fanden sich bei den aktuellen Untersuchungen in den Flüssen Innerste und Leine im Großraum Hannover. Zu möglichen Ursachen konnten die Forscher jedoch noch nichts sagen. Weitere konkrete Daten dazu, welche Keime in welcher Menge wo genau gefunden wurden, hat das Ministerium nicht veröffentlicht. Es handele sich derzeit um einen Zwischenbericht. Die endgültigen Ergebnisse sollen voraussichtlich in einigen Monaten vorliegen.

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Gefahr für Menschen noch nicht abzuschätzen

Niedersachsens Umweltminister Lies (SPD) betonte, Resistenzen seien ein Problem. "Das kann man überhaupt nicht ignorieren." Wissenschaftler und Ärzte befürchten, dass sich Erreger an einigen Stellen anreichern können und etwa von Insekten, Vögeln oder Menschen weiter verbreitet werden. Bei vorerkrankten oder geschwächten Patienten können sie zu lebensgefährlichen Erkrankungen führen. Eine akute Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung sieht die niedersächsische Regierung jedoch derzeit nicht und damit auch keinen dringenden Handlungsbedarf. Es müsse zunächst weiter geforscht werden. "Wir werden dann überlegen, wo gibt es Handlungsoptionen", sagte Lies (SPD).

Die Ergebnisse aus Niedersachsen fließen nun in ein bundesweites Forschungsprojekt ein. Die Wissenschaftler wollen im kommenden Jahr Vorschläge für konkrete Maßnahmen vorstellen, um das Risiko einzudämmen. Im Gespräch sind unter anderem Nachrüstungen von Kläranlagen mit neuen extrem feinen Filtern, die die Keime zurückhalten können. Die Abwässer seien ein Bereich, "den wir lange übersehen haben", sagte Prof. Martin Exner vom Universitätsklinikum Bonn, der die Untersuchungen geleitet hat. Lies sagte, aus seiner Sicht müsse man an die Quellen ran. Schon jetzt sollte - bei Menschen wie Tieren - der Einsatz von Antibiotika auf das notwendige Minimum reduziert werden, sagte Lies. Denn generell gilt: Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto mehr multiresistente Erreger gelangen in die Umwelt - und desto größer ist das Risiko von Infektionen. Eine Erkrankung aufgrund von multiresistenten Keimen ist nur schwer oder gar nicht mehr zu behandeln.

Grüne fordern schnellere Maßnahmen

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Kläranlagen sind nicht dafür ausgerüstet, alle Keime herauszufiltern.

Viele Ärzte, Wissenschaftler und auch die Vereinten Nationen sind jedoch der Auffassung, es müsse schnell gehandelt werden - und nicht erst, bis alles bis ins letzte Detail erforscht sei. Auch die Grünen fordern schnellere und weitergehende Maßnahmen. Die Partei-Vorsitzende, Annalena Baerbock, sagte dem NDR, das Problem sei zu lange ignoriert worden. "Wir müssen an die Ursachen ran", so Baerbock. Vor allem der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung müsse zurückgedreht werden. Im Bundestag hatten sie nach der NDR Veröffentlichung unter anderem beantragt, den Einsatz sogenannter Reserveantibiotika in der Tierhaltung zu beenden. Das Land Niedersachsen und das Bundeslandwirtschaftsministerium lehnen jedoch ein solches Verbot bislang ab. Über den Bundestags-Antrag soll in der kommenden Woche endgültig abgestimmt werden.

Das Umweltbundesamt hatte zuvor bereits gefordert, Kläranlagen nachzurüsten. Andere Bundesländer haben ebenfalls auf die NDR Recherchen reagiert und teils eigene Untersuchungen in Auftrag gegeben.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 20.09.2018 | 19:30 Uhr

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