Stand: 15.11.2018 14:18 Uhr

Gift im Futter: Dutzende Geflügelhöfe betroffen

Zur Sperrung von 27 Geflügelmastbetrieben in Niedersachsen hat sich Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) im Landtag geäußert. Neun der Betriebe waren von einem Hersteller aus Nordrhein-Westfalen (NRW) mit Futter beliefert worden, in dem krebserregende Stoffe gefunden worden waren. Einer dieser Betriebe belieferte 18 Legehennen-Höfe mit Zuchttieren. Insgesamt seien nach derzeitigem Stand rund 290 Tonnen des möglicherweise verunreinigten Futters nach Niedersachsen geliefert worden, so die Ministerin. Überprüfungen hätten ergeben, dass die betroffenen Betriebe die verdächtigen Chargen bereits vollständig verfüttert hätten. Unklar ist, ob vor den Sperren belastete Tiere oder Eier in den Handel gelangt sind.

Höchstwerte teilweise um das Zehnfache überschritten

In ihrer Rede beschränkte sich die Ministerin auf die Informationen, die ihr Haus bereits am Mittwochabend herausgegeben hatte. Demnach handelt es sich bei der giftigen Substanz um die krebserregende Chlorverbindung nicht dioxin-ähnlicher polychlorierter Biphenyle (ndl-PCB). Nach Informationen aus NRW könnten die betroffenen Chargen dem Landwirtschaftsministerium zufolge teilweise zehnmal mehr ndl-PCB enthalten als es der seit 2012 gültige Höchstgehalt erlaube. Ndl-PCB sei sehr schwer abzubauen, eine akute Gefahr für die Gesundheit bestehe aber nicht, heißt es aus dem Ministerium. Die Ursache für die Verunreinigung seien "punktuelle Lackabsplitterungen aus zwei Verladezellen eines Futtermittelherstellers in Nordrhein-Westfalen".

FDP stellt Ursache für Kontamination infrage

Weil Otte-Kinast den Landtag lediglich über bereits bekannte Details informierte, reagierte der FDP-Abgeordnete Hermann Grupe mit Spott. "Danke, dass Sie die Pressemitteilung von gestern vorgelesen haben", sagte er. Die Erklärung für die Ursache der Kontamination nannte Grupe abenteuerlich. Dass umgerechnet zwölf Lkw-Ladungen Futtermittel derart stark durch "punktuelle Lackabsplitterungen" kontaminiert seien, sei nicht besonders plausibel. Grupe forderte deshalb eine "schonungslose Aufklärung".

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Uralter Anstrich von Silos abgesplittert

Nach Angaben des Landeskontrollzentrums in Nordrhein-Westfalen sind die Anstriche in den Futterlagern, aus denen das kontaminierte Futter kommt, uralt. Die Farbe sei abgeblättert wie an einem alten Gartenzaun, sagte eine Sprecherin NDR 1 Niedersachsen. PCB dürfe seit den 80er-Jahren nicht mehr hergestellt und verwendet werden. Bereits in kleinsten Mengen sei der Stoff hochgiftig, heißt es vom Landeskontrollzentrum in NRW.

Grüne: "Einer der größten Futtermittelskandale der letzten Jahre"

Der Grünen-Abgeordnete Christian Meyer bezeichnete den Vorfall als "einen der größten, überregionalen Futtermittelskandale der letzten Jahre". SPD, CDU und AfD verteidigten unterdessen die Landwirtschaftsministerin. Sie habe zeitnah und umfassend unterrichtet und gehandelt, so der Tenor in den drei Fraktionen.

Vier Betriebe nach Kontrollen wieder freigegeben

Inzwischen sind die ersten vier Betriebe laut Otte-Kinast wieder freigegeben worden. Untersuchungen hätten ergeben, dass in zwei Masthänchenbetrieben aus dem Landkreis Osnabrück und zwei Betrieben aus der Grafschaft-Bentheim die Werte unterhalb des festgelegten ndl-PCB-Höchstgehaltes lagen. Bei 4.000 Puten aus einem Stall im Landkreis Nienburg war der erlaubte Höchstwert dagegen überschritten worden, sie dürfen deshalb nicht mehr als Lebensmittel verkauft werden. Für die weiteren Betriebe liegen noch keine Untersuchungsergebnisse vor. Einer der Betriebe züchtet Junghennen, die an Legehennenbetriebe in den Landkreisen Ammerland, Aurich, Diepholz, Emsland, Leer, Nienburg, Oldenburg, Rotenburg und Wolfenbüttel sowie in die Region Hannover geliefert wurden. Diese Höfe sind ebenfalls gesperrt.

Landkreise, in denen Geflügelbetriebe gesperrt wurden

  • Ammerland
  • Aurich
  • Diepholz
  • Emsland
  • Grafschaft Bentheim
  • Leer
  • Nienburg (Weser)
  • Oldenburg
  • Osnabrück
  • Region Hannover
  • Rotenburg (Wümme)
  • Wolfenbüttel
  • Zweckverband Jade-Weser

Geflügelwirtschaft: "Das Kontrollsystem hat funktioniert"

Bis die Ergebnisse der übrigen Höfe vorliegen, dauert es nach Angaben von Friedrich-Otto Ripke, Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft, in der Regel drei Tage. Er sei dankbar, dass die betroffenen Betriebe schnell gefunden und benannt werden konnten, wozu auch Eigenkontrollen der Unternehmen beigetragen hätten. "Das Kontrollsystem hat funktioniert", so Ripke. Neben Höfen in Niedersachsen sind auch Betrieb in Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen betroffen. In Niedersachsen wusste das Landwirtschaftsministerium bereits seit Anfang November von dem belasteten Futtermittel. Man habe aber erste Untersuchungsergebnisse abwarten wollen, bevor man die Öffentlichkeit unterrichte, sagte eine Sprecherin NDR 1 Niedersachsen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 15.11.2018 | 14:00 Uhr

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