Stand: 20.03.2018 14:52 Uhr

Frauenhäuser fordern mehr Geld für Kinderbetreuung

von Marie-Caroline Chlebosch

Zehn Monate lang lebt Anna Weber im Frauenhaus in Peine, gemeinsam mit ihrem Sohn Lukas. Die beiden heißen in Wirklichkeit anders. Aber ihre richtigen Namen sollen nicht genannt werden. Aus Angst und Scham. Anna Weber hat die Hölle hinter sich, sagt sie. Eine Hölle aus Gewalt und Demütigung. "Lukas' Vater hat mich ständig kontrolliert, er hat mich beschimpft und geschlagen." Der kleine Sohn erlebt die Gewalt unmittelbar mit. "Wenn ich geweint habe, war er mit mir traurig. Gleichzeitig war er manchmal aggressiv, er hat mich gebissen, er hat mich geschlagen", sagt Anna Weber. Der Sohn kopiert das Verhalten des Vaters, obwohl er gerade erst zwei Jahre alt ist.

Buntes Kinderspielzeug

Frauenhäusern fehlt Geld für Kinderbetreuung

Hallo Niedersachsen -

Oft bringen Mütter ihre Kinder mit ins Frauenhaus. Auch sie leiden häufig unter der erlebten Gewalt. Doch um auch ihnen therapeutisch helfen zu können, fehlt Geld und Zeit.

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Acht Kinder im Peiner Frauenhaus

Zwei Monate lang sucht Anna Weber heimlich einen Platz im Frauenhaus. Oft wird sie abgelehnt - aus Platzmangel. In Peine wird sie schließlich fündig. Nachdem Anna und ihr Sohn dort angekommen sind, braucht Lukas viel Zuwendung, um Vertrauen aufzubauen. "Er war leise und unsicher. Ich konnte nicht einmal allein auf die Toilette gehen. Er wollte immer bei mir sein", erzählt Anna Weber. "Nach drei Monaten hier war er dann ganz anders. Er hat sich geöffnet. Er konnte wieder Kind sein." Derzeit leben acht Kinder im Frauenhaus in Peine. Sozialpädagogin Bianca Töpperwien betreut sie mehrere Stunden die Woche, unterstützt von einer Berufs-Praktikantin. Das Verhalten von Lukas sehe sie auch oft bei anderen Kindern: "Manche sind sehr in sich gekehrt, andere spiegeln wider, was sie erlebt haben und zeigen auch hier die Gewalt."

"Kinder werden als Mitbringsel gesehen"

Die Kinder in Peine sind zwischen zwei und zwölf Jahren alt. Ihre Probleme seien oft immens, sagt Töpperwien, die Zeit für die Betreuung dagegen viel zu knapp. Ein Grund dafür ist nach Angaben der Leiterin des Frauenhauses Peine, Nicole Reinert, die unzureichende Finanzierung durch das Land Niedersachsen: "Das Signal ist im Grunde, dass Kinder nur ein Mitbringsel der Frauen sind. Und es wird immer noch nicht dem Rechnung getragen, dass Kinder direkt betroffen sind." Denn die Kinder seien selbst Opfer der Gewalt, sagt Reinert.

4.000 Euro Förderung pro Jahr und Frau

Die Finanzierung der Frauenhäuser ist kompliziert. Die jeweilige Kommune und das Land teilen sich die Kosten dieser freiwilligen Leistung. Das Land zahlt pro Frau eine Platzpauschale in Höhe von 4.000 Euro im Jahr für Personal- und Sachkosten. In diesen Betrag ist die Kinderbetreuung mit eingerechnet. Mehr Geld bekommt ein Frauenhaus nur, wenn die Anzahl der aufgenommenen Kinder die der Frauen übersteigt. Peine liegt knapp darunter. So wie viele Frauenhäuser in Niedersachsen. Das zeigt auch die Statistik: Im Landesdurchschnitt beträgt das Verhältnis aktuell 1 zu 0,9.

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Manche Häuser haben keine zusätzlichen Plätze für Kinder

Ein Kinderanteil von 0,9 bedeutet allerdings keine zusätzliche Förderung. "Die Kinder sind ja da. Deshalb fände ich es sinnvoll zu gucken: Wie viele Plätze gibt es? Und die dann allgemein mit Pauschalen zu fördern - egal, ob es ein Frauenplatz oder ein Kinderplatz ist", sagt Frauenhaus-Leiterin Reinert. In Peine werden aktuell elf Plätze vom Land gefördert. Dazu gibt es acht weitere Plätze für Kinder, mitfinanziert vom Landkreis. Manche Frauenhäuser in Niedersachsen weisen dagegen keine zusätzlichen Plätze für Kinder aus. Wenn sie eine Frau mit einem oder mehreren Kindern aufnehmen, fallen dort dann allerdings Plätze für andere Frauen weg.

Sozialministerium: "Frauenhäuser sollen primär Frauen schützen"

Das niedersächsische Sozialministerium bewertet die Finanzierung der Frauenhäuser dagegen als ausreichend. "Natürlich sind Kinder keine Anhängsel, aber Frauenhäuser sind nun einmal primär da, um Frauen zu schützen, die von Gewalt betroffen sind", sagt Sprecherin Naila Eid dem NDR. In der aktuellen Pauschale des Landes sei ein Anteil für Kinderbetreuung einkalkuliert. Wenn ein Frauenhaus mehr Kinder als Frauen aufnehme, gebe es zusätzlich Geld. Unzureichend, meint auch Gabriele Horn-Wulfke, Leiterin des Frauenhauses in Emden: "Was sagt das aus? Dass die Kinder nicht so wertgeschätzt sind." Durch die Zuwanderung hätten sich zudem die Herausforderungen verändert. Mittlerweile kämen immer öfter auch Frauen mit drei oder mehr Kindern. "Die brauchen unmittelbar Hilfe und dieser Bedarf muss auch entsprechend honoriert werden", sagt Horn-Wulfke. 

AWO Emden fordert therapeutisches Zentrum

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Friedhelm Merkentrup, Vorsitzender der AWO Emden, fordert ein Zentrum, in dem traumatisierte Kinder gezielt betreut werden können.

Außerdem fehlt laut Horn-Wulfke auch therapeutische Unterstützung. "Kinder, die aus gewaltsamen Verhältnissen kommen, haben häufig Beeinträchtigungen, sie sind vernachlässigt und psychisch auffällig." Im Emder Frauenhaus kümmert sich derzeit eine Erzieherin 31 Stunden pro Woche um die Kinder. Weil das nicht reicht, finanziert der Träger des Hauses, die Arbeiterwohlfahrt (AWO), nun eine weitere Betreuungskraft. Die Arbeit eines Psychotherapeuten, der die erlebte Gewalt mit den Kindern aufarbeitet, könne im Frauenhaus aber nicht geleistet werden, sagt Horn-Wulfke. Der Vorsitzende der AWO Emden, Friedhelm Merkentrup, möchte deshalb, dass Land und Kommunen hier nachsteuern: "Wir fordern ein psychologisches Zentrum für Ostfriesland." Dort könnten traumatisierte Kinder aus Frauenhäusern in der gesamten Region gezielt betreut werden.

Landkreis Peine ist gesprächsbereit                                 

Das Land Niedersachsen sieht dafür keine Notwendigkeit. Sozialministeriums-Sprecherin Eid begründet das so: "Frauen und Kinder halten sich in der Regel etwa für einen Monat im Frauenhaus auf. Eine Krisenintervention kann also allenfalls kurzfristig angelegt werden." Stattdessen müssten reguläre Therapieplätze genutzt werden, um eine langfristige Begleitung zu ermöglichen. Aber solche Plätze für Kinder sind rar. Das Sozialministerium betont außerdem, dass die aktuelle Förderung der Frauenhäuser eine freiwillige Zahlung des Landes ist. Die Verantwortung für finanzielle Stabilität und ausreichende Betreuung liege bei den Kommunen. Die Stadt Emden betont, sie habe die Förderung für Kinder bereits erhöht. Den Vorschlag der AWO zum psychotherapeutischen Zentrum wolle man mit den Frauenhäusern erörtern. Der Landkreis Peine hingegen zeigt sich gesprächsbereit. "Das Frauenhaus muss mit einem Konzept kommen und sagen, wie eine weitere Förderung für die Kinderbetreuung aussehen müsste", sagt Sozialdezernent Detlef Buhmann. Dann könne man prüfen, ob im Haushalts- und Finanzplan weitere Mittel bereitgestellt werden könnten.      

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 19.03.2018 | 08:00 Uhr

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