Stand: 21.11.2019 16:25 Uhr  - NDR Info

Fotojournalist am Pranger von Rechtsextremen

Von Stefan Schölermann, NDR Info

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"Eine enorme Drucksituation": André Aden wird von Rechtsextremisten bedroht.

Er wurde von der rechtsextremen Szene bespitzelt, ausgekundschaftet und bedroht. Am Ende wechselte er sogar den Wohnort und lebt trotzdem in Angst: Der Fotojournalist André Aden betreibt mit dem Netzwerk "Recherche Nord" eines der größten Dokumentationsprojekte über die rechtsextreme Szene. Auch große Medienhäuser rufen bei ihm an, wenn es darum geht, das Geschehen zu dokumentieren.

André Aden ist einer der prominentesten Journalisten, die die NPD in ihrem Demonstrationsaufruf zu "Feindpersonen" erklärt hat. Der 39-Jährige hat lange über das geschwiegen, was ihm widerfahren ist. Bei einer Pressekonferenz des DGB zur in Hannover geplanten NPD-Demonstration hat Aden am Donnerstag erstmals über seine Erlebnisse  berichtet.

"Du Judensau. Hier wohnst Du also"

Die entscheidende Wende kam an jenem Tag, als er vor ein paar Monaten ein Schreiben in seinem Hausbriefkasten fand - Post von der rechtsextremen Szene. "Ich habe den Brief an meine Privatadresse bekommen. Mit meinem Namen. Mit Sätzen wie diesen: 'André Aden, Du Judensau. Hier wohnst Du also. Komm raus, es ist Wolfszeit.' Unterschrieben dann mit dem Kürzel von C 18."

"Combat 18": Extrem konspirativ und gewaltbereit

C 18 - das steht für "Combat 18"  eine als extrem konspirativ und gewaltbereit geltende Gruppierung des rechtsextremen Lagers. Die Ziffern 1 und 8  stehen für den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets, "A" und "H" - und das meint Adolf Hitler.

Extremisten fanden Adens Privatadresse heraus

Nicht nur der Inhalt des Briefes macht Aden von diesem Moment an Sorgen, denn klar ist damit auch: Die Szene kennt von nun an seine Wohnadresse. Obwohl, wie bei vielen anderen Journalisten, die in diesem Feld arbeiten, alle Adressangaben von Aden in öffentlichen Registern gesperrt sind - aus Sicherheitsgründen.

André Aden hatte gute Gründe, seine Anschrift zu schützen. Seit mehr als 20 Jahren beobachtet mit dem Fotoapparat rechtsextreme Veranstaltungen und Demonstrationen. Er hat nicht nur die Bilder, er kennt auch die dazu gehörigen Namen. Seit vielen Jahren wird er deshalb immer wieder beschimpft und angerempelt. Doch sein Privatleben konnte er stets schützen.

Mit dem Eingang des Briefes ist das vorbei und Adens Leben ist plötzlich ganz anders: "Man lebt in einer beständigen Angst. Man kann nicht mehr einfach rausgehen. Man meidet Menschen." Seine Sorge gilt aber nicht nur sich selbst, sondern auch seiner Familie, seinen Freunden, sagt er: "Wir gefährden ja nicht nur uns selbst. Und das ist eine Situation, die das Ganze noch viel unerträglicher macht."

"Wir sind Ziele, wo immer wir sind"

Sein Alltag hat sich dramatisch verändert: "Wir wissen, sie wollen uns angreifen, sie wollen uns in unserem privaten Bereich attackieren. Man muss ständig  damit rechnen, angegriffen zu werden, egal wo wir sind, in der Fußgängerzone oder im Urlaub. Wir sind Ziele, wo immer wir sind. Das schafft eine enorme Drucksituation."

Die Polizei habe ihm bestätigt, dass die in dem Brief ausgesprochenen Drohungen ernst genommen werden müssen, sagt Aden. Inhalt und Form des Schreibens seien eindeutige Indizien dafür.

Es betrifft viele, die zum Rechtsextremismus recherchieren

Am Ende wechselt der Mann aus dem Westen Niedersachsens sogar den Wohnort. Doch er weiß, dass die Szene weiter Jagd auf ihn machen wird. Das betreffe nicht nur ihn, sondern viele Journalisten, die zum Thema Rechtsextremismus recherchieren: "Wir werden nach Veranstaltungen verfolgt, man versucht, an unsere Wohnanschriften zu kommen. Man versucht, über Kennzeichendaten unsere Adressen herauszubekommen und vieles mehr."

Sein aktueller Wohnort ist zwar im Moment noch sicher - aber das ist offenbar nur eine Zeitfrage. Dennoch will er sich in seiner Arbeit nicht einschränken lassen: "Natürlich arbeite ich weiter. Das ist mein Themengebiet. Ich sehe es als demokratischen Auftrag, daran weiterzuarbeiten."

Der Autor, Stefan Schölermann, ist Rechtsextremismusexperte bei NDR Info. Sein Name ist ebenfalls auf der Liste des NPD-Demonstrationsaufrufs zu finden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 21.11.2019 | 15:38 Uhr

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