Stand: 19.07.2018 06:00 Uhr

Forscher täuschen über Jahre bei Veröffentlichungen

von Christina Harland

Tausende deutsche Wissenschaftler sind in einen weltweiten Skandal um pseudo-wissenschaftliche Zeitschriften verwickelt. Das haben Recherchen von NDR, WDR, dem "Süddeutsche Zeitung Magazin" und weiteren nationalen und internationalen Medien ergeben. Eine der Schwindelplattformen heißt WASET: Bundesweiter Spitzenreiter dort ist mit 29 Veröffentlichungen das Institut für Fabrikanlagen und Logistik (IFA) der Leibniz Universität Hannover. Zwischen 2006 und 2016 veröffentlichten die dortigen Forscher demnach dutzendfach Texte bei unseriösen Pseudoverlagen und besuchten - auf Kosten des Steuerzahlers - scheinwissenschaftliche Konferenzen.

IFA-Leiter: "Wissenschaftler selbst sind Geschädigte"

Das IFA gehört zum Produktionstechnischen Zentrum Hannover (PZH), das als Aushängeschild der Leibniz Uni gilt: Auf dem Campus vor den Toren der Landeshauptstadt in Garbsen-Berenbostel arbeiten Wissenschaftler an Lösungen für komplizierte Produktionsprozesse. IFA-Leiter Peter Nyhuis räumte in einem NDR Interview ein, dass verschiedene seiner Mitarbeiter bei WASET publiziert und Scheinkonferenzen besucht haben. Allerdings sieht er sich und die betroffenen Kollegen selbst als Geschädigte. Man sei einem System aufgesessen, das die gutachterliche Überprüfung von Experten nur vorgaukele. Nyhuis gab an, die fragwürdige Praxis bereits im Jahr 2015 unterbunden zu haben. Einen späteren Fall im Jahr 2016 muss er demnach zunächst übersehen haben. "Als wir es erkannt haben, haben wir es abgestellt. Wir wollen das nicht. Aber der Druck kann dazu geführt haben, dass dann - vielleicht weil ein Kollege dem anderen gesagt hat, wie unproblematisch das ging - der nächste auch eingereicht hat."

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Skandal trifft die Universität unvorbereitet

Die Leibniz Universität reagierte überrascht auf die Vorwürfe: Ihm sei das Problem mit den Pseudo-Verlagen und Fake-Konferenzen bislang nicht präsent gewesen, sagte Präsident Volker Epping. Die sorgfältige Auswahl von Publikationsverlagen und Konferenzen an deutschen Hochschulen sollte im Grunde selbstverständlich sein, so der Uni-Präsident. Zudem werde jede Dienstreise nicht nur vom Institutsleiter abgezeichnet, sondern könne auch von der internen Revision überprüft werden. Warum das - laut Epping eigentlich gut funktionierende - System der Selbstkontrolle hier versagt habe, könne er nicht erklären. Er habe wenig Verständnis dafür, dass Wissenschaftler seiner Hochschule den eigenen Ruf und den der Universität aufs Spiel setzten, so Epping. Andererseits sehe er jedoch auch die große Konkurrenz in der Wissenschaftsgemeinde: "Der Druck zu publizieren ist da, das ist wettbewerblich, das muss man ganz klar sehen. Und von daher ist eine Gefahr, dass was schiefläuft, im System immanent." Epping kündigte an, das Thema in Senats- und Dekanatsrunden anzusprechen und seine Kollegen zu sensibilisieren.

Was ist ein Peer-Review-Verfahren?

Das Peer-Review-Verfahren dient in der Wissenschaft der Qualitätssicherung. Andere Wissenschaftler desselben Feldes prüfen die bei einer Zeitschrift eingereichte Studie auf Validität und Publikationswürdigkeit. Sie kontrollieren: Sind die Erkenntnisse neu? Ist die Forschungsfrage verständlich und die Methodik passend? Sind die Ergebnisse reproduzierbar? Ist der Aufbau logisch? Passt das Thema zur Zeitschrift? Wird ein Manuskript abgelehnt, heißt dies also nicht zwangsläufig, dass die Studie fehlerhaft ist. Manchmal kennt der Autor den Reviewer nicht; manchmal kennt auch der Reviewer den Autoren nicht.

IFA-Leiter verspricht Aufklärung im Wissenschaftsrat

IFA-Leiter Nyhuis selbst will das Thema übrigens nun auch beim Wissenschaftsrat aufs Tapet bringen. Immerhin ist er seit Anfang Februar 2015 Mitglied des Gremiums, das die Bundesregierung berät: "Beim Wissenschaftsrat ist das bis dato noch nicht ein einziges Mal diskutiert worden, weil es noch nicht thematisiert, noch nicht kritisiert wurde, an keiner Stelle." Nyhuis will dafür sorgen, dass sich das ändert - und Aufklärungsarbeit leisten: "Das mit aufzunehmen, wäre für mich im Moment ein bisschen unangenehm, aber spannend wäre es definitiv. Und es wäre sicherlich etwas, was hilfreich sein könnte."

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Hallo Niedersachsen | 19.07.2018 | 19:30 Uhr

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