Ein Mann bedroht eine auf dem Sofa zusammengekauert sitzende Frau mit seiner Faust. (Themenbild) © picture-alliance / dpa Foto: Jan-Philipp Strobel

Erzieher lernen in Ausbildung Strategien gegen häusliche Gewalt

Stand: 09.04.2021 09:09 Uhr

Während der Corona-Zeit hat die häusliche Gewalt in ganz Norddeutschland zugenommen. An der Berufsschule in Nordhorn wird schon in der Erzieher*innen-Ausbildung vermittelt, sensibel damit umzugehen.

von Susanne Schäfer

Es fängt meist mit Worten an und endet im schlimmsten Fall mit dem Tod – die Gewalt zwischen Männern und Frauen in den eigenen vier Wänden. Dort, wo Familien im Corona-Jahr viel mehr Zeit gemeinsam verbracht haben als gewöhnlich. Expertinnen und Experten vermuteten schon seit Beginn der Pandemie, dass die Fallzahlen häuslicher Gewalt in der Corona-Zeit steigen – und sie haben Recht behalten. Inzwischen haben alle norddeutschen Länder ihre polizeiliche Kriminalstatistik für 2020 veröffentlicht: Im ganzen Norden hat häusliche Gewalt zugenommen.

Frauen besonders betroffen

Hamburg meldet gar den höchsten Wert der vergangenen zehn Jahre. Die Zahl der Opfer von Partnerschaftsgewalt ist in der Hansestadt im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent gestiegen – die meisten Opfer sind Frauen. Den geringsten Anstieg meldet Schleswig-Holstein mit 3,7 Prozent. Es sind also 180 Betroffene mehr als noch 2019, die von ihrer Partnerin oder ihrem Partner bedroht, geschlagen, genötigt, eingesperrt oder missbraucht wurden. Auch hier sind die meisten Opfer Frauen.

Lernmaterial der Berufsschule Nordhorn zum Thema häusliche Gewalt. © Berufsschule Nordhorn
AUDIO: Erzieher-Ausbildung: Sensibilisierung für häusliche Gewalt (3 Min)

Dunkelziffer vermutlich höher

In Mecklenburg-Vorpommern und auch in Niedersachsen zeigt die Kurve kontinuierlich nach oben. In beiden Bundesländern gab es im Corona-Jahr rund 7 Prozent mehr Fälle häuslicher Gewalt. Allerdings sind das nur die Taten, die der Polizei gemeldet werden. Aber genau das passiert oft nicht – aus Angst, Scham oder weil in Zeiten von Corona Opfer wenig Kontakt zu anderen Menschen haben. In Niedersachsen läuft deshalb aktuell die Dunkelfeldstudie. Mit einer anonymen Umfrage wollen die Kriminalstatistiker mehr herausfinden über die Fälle häuslicher Gewalt, die noch im Verborgenen liegen.

Schon in der Ausbildung als Schwerpunkt-Thema

Auch wenn Kinder in der Statistik oft nicht als Opfer auftauchen, leiden sie sehr darunter, wenn es Gewalt zwischen ihren Eltern gibt. Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten haben oft eine besondere Nähe zu den Kindern. Dass sie solche Fälle erkennen und dann helfen, ist wichtig. Die Berufsbildende Schule Gesundheit und Soziales in Nordhorn, in der Grafschaft Bentheim hat deshalb zusammen mit der Polizei ein Projekt gestartet, um den angehenden Erzieher*innen die Angst zu nehmen.

Lernpappen zum Thema häusliche Gewalt an der Berufsschule Nordhorn © Berufsschule Nordhorn
Das umfassende Lehrmaterial wurde in ein digitales, Corona-konformes Konzept gebracht.

Sicher geht es auch in den Schulbüchern für die Auszubildenden um häusliche Gewalt und wie sie entsteht. Aber Lehrer Jörg Siefker fand es besser, seine Azubis auch mit den Fachleuten von Beratungsstellen in Kontakt zu bringen: "Auf der einen Seite ist es mehr Zeit, in der unsere Auszubildenden sich mit der Thematik beschäftigen können. Besonders wertvoll ist aber, dass die Schülerinnen und Schüler eine andere Perspektive kennenlernen."

Bildungs-Angebot trotz Corona erhalten

2019 gab es den ersten erfolgreichen Workshop mit Sozialarbeiter*innen und der Polizei. Aber dann kam Corona und das Ganze drohte zu scheitern. Polizist Uwe van der Heiden, Mitbegründer des Projekts, fand sich damit nicht ab: "Ich wollte nicht, dass uns ein kompletter Jahrgang verloren geht. Denn die angehenden Erzieherinnen und Erzieher sind für uns wahnsinnig wichtige Multiplikatoren in den Kindergärten." Van der Heiden stellte ein pandemiekonformes Alternativprogramm auf die Beine. In Kleingruppen konnten die Schülerinnen und Schüler ihn anderthalb Stunden lang alles fragen.

Denise Burkhard, Auszubildende an der Berufsschule Nordhorn. © NDR Foto: Susanne Schäfer
Auszubildende Denise Burkhard wünscht sich auf dem Lehrplan eine höhere Priorität für das Thema häusliche Gewalt.

Mit dabei war Denise Burkhard, die bald ihren Abschluss macht und ab Sommer als Erzieherin arbeiten wird: "Wir haben Herrn van der Heiden mit sehr vielen Fragen gelöchert und lange mit ihm gesprochen. Das war sehr aufschlussreich und hilft, im Ernstfall auch wirklich zu handeln. Denn im ersten Moment ist man ja ohnmächtig, weil man gar nicht weiß, wie man reagieren soll. Mir wurde unglaublich viel Angst genommen, bei der Polizei anzurufen und so etwas zu äußern."

Suggestivfragen vermeiden

Nicht alleine bleiben, sondern mit Kollegen und Experten sprechen, wenn man den Verdacht hat, in einer Familie läuft etwas schief. Das ist der erste wichtige Tipp an die Erzieher*innen: "Je früher man interveniert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit so eine Situation wieder in vernünftige Bahnen zu lenken, es müssen ja auch Hilfsangebote in vernünftige Bahnen gelenkt werden." Dabei ist wichtig, sich gut ums Kind zu kümmern – allerdings ohne es auszufragen. Denn ganz am Ende eines Falls von häuslicher Gewalt steht möglicherweise ein Strafverfahren vor Gericht.

Polizeioberkommissar in Nordhorn, Uwe van der Heiden © NDR Foto: Susanne Schäfer
Polizeioberkommissar Uwe van der Heiden organisiert auch einen Info-Talk zum Thema häusliche Gewalt.

Damit das nicht ohne böse Absicht vereitelt wird, ist das richtige Verhalten der Erzieherinnen und Erzieher am Beginn wichtig, sagt Uwe van der Heiden: "Seid nicht selber die Detektive, versucht nicht selber die Kinder zu befragen, weil das möglicherweise schädlich ist für ein späteres Verfahren. Häufig werden da unbewusst Suggestivfragen gestellt. Und das sind dann Erkenntnisse, die im späteren Strafverfahren möglicherweise verworfen werden müssen."

Kinder sind die Leidtragenden

Auch wenn ein Kind die Gewalt zu Hause nur beobachtet, leidet es sehr, sagt auch Christof Radewagen. Als Sozialarbeiter war er früher viel in Familien. Inzwischen lehrt er als Professor an der Hochschule Osnabrück: "Kinder, die Auswirkungen häuslicher Gewalt miterleben, die erleben Schock, Panik und Lähmung. Sie sind verwirrt, sie haben Angst und geben sich die Schuld. Sie sind in ständiger Anpassung oder haben eine extreme Schreckhaftigkeit. Das ist eine extreme Auswirkung sowohl auf die psychische als auch auf die physische Gesundheit eines Kindes."

Telefonnumern für Hilfesuchende

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen:
0800-011 60 16
Sofortaufnahmestelle Frauenhaus24:
0800-770 80 77
Frauennotruf Hannover e.V.:
0511-33 21 12

Verpflichtendes Angebot wäre denkbar

Radewagen hat in der niedersächsischen Lügde-Kommission mitgewirkt. Von Fortbildungen für Erzieher*innen hält er viel: "Für uns ist es in der Lügde-Kommission sehr wichtig gewesen, dass in der Jugendhilfe, und dazu zählen die Kindertagesstätten, eine Ausbildungs- und Weiterbildungsinitiative benötigt wird. Die Fachkräfte müssen sensibilisiert werden." Schülerin Denise Burkhard in Nordhorn startet nun bald in ihren Beruf. Durch das Projekt an ihrer Schule fühlt sie sich gestärkt, wünscht sich so etwas aber auch später regelmäßig: "Ich finde, die Sensibilisierung für häusliche Gewalt sollte verpflichtend sein, wie ein Erste-Hilfe-Kurs. Damit man weiß, was in dem Moment zu tun ist."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 09.04.2021 | 08:50 Uhr

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