Eine Krankenpflegerin arbeitet in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer auf der Intensivstation. © picture alliance/dpa Foto: Marcel Kusch

Corona: Reichen die Kapazitäten auf den Intensivstationen?

Stand: 01.11.2020 14:03 Uhr

Angesichts der schnell steigenden Anzahl von Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist eine Debatte um die Kapazitäten der Intensivstationen in Deutschland entbrannt.

Derzeit sind in Niedersachsen nach Angaben der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) 1.659 Betten auf den Intensivstationen belegt. 119 Menschen werden dort aktuell mit einer Covid-19-Infektion behandelt. 66 Menschen müssen derzeit beatmet werden. Insgesamt gibt es landesweit 2.482 Intensivbetten.

Warnung vor Klinik-Kollaps

Zuvor hatte der Ministerpräsident des Saarlandes, Tobias Hans, in einem Interview mit der "Bild am Sonntag" vor einem drohenden Kollaps in vielen Kliniken gewarnt. "Die Situation ist erschreckend und alarmierend: Schon bald kann es zu einem Kollaps in vielen der 1.900 Krankenhäuser in Deutschland kommen", sagte der CDU-Politiker. Gerade jetzt, wo in der zweiten Corona-Welle jeder Intensiv- und Beatmungsplatz dringend benötigt werde, fielen Kliniken aus der Versorgung, schließen Stationen und Notaufnahmen melden sich ab. "Grund ist fehlendes oder erkranktes Pflegepersonal", so Hans gegenüber der Zeitung.

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Intensivmediziner: Lage dramatischer als im Frühjahr

Auch der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, sagte der "Bild am Sonntag": "Es ist in einigen Bundesländern nicht mehr viel Spielraum. Berlin hat nur noch 14 Prozent freie Intensivbetten, Bremen 17 Prozent." Dies liege auch daran, "dass viele Kliniken immer noch ihr Routineprogramm durchführen". Als Beispiele nannte er Magen-Bypässe und Gelenk-Operationen. Mit Blick auf die Lage zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr sagte Janssens: "Damals war die Situation übrigens viel weniger dramatisch als das, was jetzt auf uns zukommt." Problematisch könne sich der Mangel an Pflegekräften auswirken. Janssens zufolge fehlen bis zu 4.000 Fachkräfte in der Intensivpflege.

Patientenschützer fordern Nachbesserungen bei Register

Unterdessen forderte die Deutsche Stiftung Patientenschutz für den Kampf gegen die Pandemie eine Nachbesserung des DIVI-Registers, welches die bundesweite Auslastung der Intensivbetten angibt. "Es zeigt sich, dass das Intensivbetten-Register wenig bringt", sagte der Vorstand der Patientenschützer, Eugen Brysch, der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. Es sei zweifelhaft, inwieweit die im Register als verfügbar angezeigten Betten auch tatsächlich belegt werden könnten. Im neunten Monat der Pandemie fehle schlichtweg qualifiziertes Personal, das die professionelle Hilfe am Schwerstkranken leisten kann, so Brysch. Die Krankenhäuser sollten künftig auch melden, "ob für die Plätze genügend Fachpersonal bereitsteht, sagte Brysch. Wenn bei gemeldeter Kapazität Patienten abgewiesen werden, müsse das Konsequenzen für diese Krankenhäuser haben. "Sonst wird das Intensivbetten-Register zu einem Taschenspielertrick. Für die Schwerstkranken wäre das lebensgefährlich."

 

"Kleeblattprinzip": Corona-Patienten würden verteilt werden

Um einen drohenden Kollaps zu verhindern, plant die Bundesregierung offenbar eine bundesweite Verteilung von Covid-19-Patienten. "Entwickelt sich eine Lage, die eine Verlegung über die Nachbarländer beziehungsweise angrenzende Regionen hinaus erforderlich macht, findet ein sogenanntes Kleeblattprinzip Anwendung", heißt es im Konzept des Bundesinnenministeriums, aus dem die Zeitungen der Funke Mediengruppe (Sonnabend) zitierten.

Norddeutschlandweite Kooperation möglich

Dem Konzept zufolge werden in Norddeutschland Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zusammenarbeiten. Im Osten seien es Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Im Südwesten sollen sich Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland gegenseitig unterstützen. Die bevölkerungsreichsten Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Bayern bildeten demnach eigene Großregionen. Bund und Länder seien in der Lage, das Konzept jederzeit zu starten, zitieren die Zeitungen einen Sprecher des Bundesinnenministeriums.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 01.11.2020 | 15:00 Uhr

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