Stand: 06.07.2020 07:20 Uhr

Werkverträge - nicht nur in Fleischindustrie ein Problem

von Michael Latz
Schweine hängen kopfüber in einem Schlachthof. Daneben ein Mitarbeiter mit Messer. © picture-alliance/dpa Foto: Ingo Wagner
Auf Schlachthöfen arbeiten oft Beschäftigte von Subunternehmen.

Der massenhafte Corona-Ausbruch in Schlachtbetrieben wie in Nordrhein-Westfalen oder auch in Niedersachsen hat eine Diskussion über die dortigen Arbeitsbedingungen losgetreten. Harte körperliche Arbeit, lange Schichten und die Unterbringung in Sammelunterkünften sind oft die Regel. Helfen soll nun ein Verbot von Werkverträgen - also die Betriebe sollen nicht einfach Subunternehmen anheuern dürfen, sondern selbst Verantwortung übernehmen. Aber nicht nur in der Fleischindustrie sind Werkverträge ein Problem.

Bezahlung weit unter dem Mindestlohn

Ein Zimmermädchen macht ein Bett © picture-alliance/dpa Foto: Oliver Berg
Viele Hotels haben den Zimmerservice an Fremdfirmen ausgelagert.

Alexandra ist 29 Jahre alt, stammt aus Rumänien und ist seit fünf Jahren in Deutschland. Ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen. Die Aussicht auf Arbeit hat sie nach Hannover geführt, erinnert sie sich: "Früher hatten wir hier Bekannte, Freunde aus Rumänien. Und wir sind hierhergekommen, weil wir dachten, dass wir hier eine gute Zukunft haben." Doch die Zukunft sah anders aus als erhofft.

Angestellt war Alexandra bei einer deutschen Reinigungsfirma, die den Zimmerservice für eine große Hotelkette erledigt. Ständig hatten sie und ihre Kollegen mit zu wenig Personal und Zeitdruck zu kämpfen. "Normalerweise muss eine Person in acht Stunden 16 Zimmer machen. Aber wir haben 25 Zimmer pro Person gemacht." Statt der im Arbeitsvertrag vereinbarten sechs Stunden, arbeitete Alexandra oft zehn oder zwölf Stunden - oft gab es nur einen freien Tag pro Monat. Rechnet man die Überstunden ein, lag ihr Stundenlohn weit unter dem branchenüblichen Mindestlohn.

Der frühere Prälat in Vechta, Peter Kossen, lächelt in die Kamera. © NDR

AUDIO: "Verbot von Werkverträgen ist wichtiges Zeichen" (4 Min)

Fristlose Kündigung nach freiem Sonntag

Schlechte Erfahrungen hat auch Denes-Robert Demeny aus Sögel im Emsland gemacht. Der Rumäne arbeitete für ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter an den Schlachthof Weidemark ausleiht. Der Schlachthof gehört zur Tönnies-Gruppe. Als das Hauptwerk in Rheda-Wiedenbrück vor kurzem wegen der Corona-Fälle schließen geschlossen wurde, musste der Betrieb in Sögel mehr Tiere verarbeiten. Überstunden für die Belegschaft standen an - angeblich freiwillig, so heiß es. Daniela Reim von der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte in Oldenburg übersetzt für den Rumänen: "Also die Vorarbeiter haben gesagt: 'Wir machen eine Liste. Und das ist freiwillig, wer am Sonntag arbeiten möchte.' Und er ist davon ausgegangen, wenn das freiwillig ist - ich habe ein kleines Kind, ich habe Familie - dann verbringe ich die Zeit mit meiner Familie." Als Denes-Robert Demeny sonntags tatsächlich nicht zur Arbeit ging, verlor er den Job. Erst als er die Beratungsstelle für mobile Beschäftigte einschaltete, zog der Subunternehmer die fristlose Kündigung zurück.

Firmen geben Verantwortung an Subunternehmen ab

Seit ihrer Gründung 2013 hat sich die Beratungsstelle für mobile Beschäftigte in Niedersachsen um 15.000 solcher Fälle gekümmert. Geschäftsführer Maximilian Schmidt spricht vom immer gleichen Muster, egal ob in der Fleischindustrie, der Baubranche, der Pflege oder der Landwirtschaft. Grundlegende Arbeitnehmerrechte würden systematisch unterlaufen, besonders wenn Arbeitskräfte über Werkverträge ausgeliehen werden: "Das Problem ist allerdings - und das sieht man am Beispiel der Fleischindustrie - wenn der Werkvertrag zum Standard wird und es gar keine reguläre Beschäftigung gibt. Wenn der Werkvertrag genutzt wird, um sich aller Obliegenheiten, die man als ordentlicher Arbeitgeber hat, zu entledigen und das alles an Subunternehmer abzugeben." Und diese Subunternehmer nutzen aus, dass ihre meist osteuropäischen Angestellten nicht wissen, welche Rechte sie in Deutschland haben, kritisiert Schmidt. "Da wird Arbeitnehmern eben kein Vertrag in ihrer Muttersprache ausgehändigt, sondern es gibt ein pauschales Dokument auf Deutsch. Das wird unterschrieben und nicht verstanden. Das das geht soweit, dass Arbeitnehmer bei der Einstellung schon pauschal die noch nicht datierte Kündigung unterschreiben."

Undurchsichtige Strukturen bei Subunternehmen

Alexandra hat sich inzwischen an Paul Idu von der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte in Hannover gewandt. Denn die Reinigungsfirma hat Anfang des Jahres Alexandras Arbeitsvertag an eine Tochterfirma übertragen. Das fiel erst auf, als die neue Firma mehrere Monate lang kein Gehalt zahlte, übersetzt Paul Idu. "Sie meint, das ist sehr problematisch. Man kann die Miete nicht zahlen und nicht einkaufen, um zu überleben." Hilflos und wie in einer Depression, so beschreibt Alexandra die zurückliegenden Monate. Inzwischen hat sie das ausstehende Gehalt einklagen können. Trotz der schlechten Erfahrungen will sie weiter in Deutschland arbeiten - auch damit sich etwas ändert.

Serie
Auf mehreren Münzstapeln stehen Buchstaben, die das Wort "Gehalt" bilden. © picture-alliance/Panther Media Foto: Boris Zerwann

Für ein paar Euro: Wenn Arbeit nichts mehr wert ist

Was bringt das Verbot von Werkverträgen? Wem droht die Minijob-Falle? Und wer profitiert von Leiharbeit? NDR Info schaut in einer Serie auf prekäre Arbeitsverhältnisse. mehr

 

Weitere Informationen
Ein kleiner Küchenbereich mit einem Tisch und zwei Stühlen. Im Vordergrund: ein kleiner Schrank mit Abstellfläche, Spiegel, einer Blume in einer Flasche, daran angelehnt eine kleine Ikone.  Foto: Peer-Axel Kroeske

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 06.07.2020 | 07:20 Uhr

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