Stand: 29.12.2019 18:00 Uhr

Norddeutsche Unis verstecken Studienergebnisse

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Die Medizinische Hochschule Hannover hat Ergebnisse mehrerer Studien nicht veröffentlicht.

Im Dezember 2011 beendete die Medizinische Hochschule Hannover eine Studie, die untersuchte, ob Botox gegen Depressionen hilft. Und im März 2018 schloss die Hochschule eine Studie mit einem neuen Medikament bei Krebspatienten ab, die nicht mehr operiert werden können.

Beiden Studien ist eines gemeinsam: Ihr Ergebnisse wurden auch mehr als ein Jahr nach Abschluss der Tests nicht in der EU-Datenbank über Medizinstudien veröffentlicht. Das heißt, Ärzte weltweit, die nach solchen Informationen suchen, können sie nicht finden und können deshalb ihre Patienten nicht nach dem neuesten medizinischen Wissen behandeln.

Bei 445 Studien fehlen Ergebnisse

Die oben genannten Studien sind nur zwei von insgesamt 445 Studien, deren Ergebnisse auch mehr als ein Jahr nach Studienende nicht in der EU-Datenbank veröffentlicht wurden. Das hat die britische Organisation Transparimed gemeinsam mit der deutschen BUKO Pharmakampagne herausgefunden. Sie haben dafür alle Studien ausgewertet, die seit 2004 von deutschen Universitäten bei der EU angemeldet wurden. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung wollen die beiden Organisationen am Montag veröffentlichen. NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" konnten den Bericht vorab einsehen und haben betroffene Unis, Behörden und Wissenschaftler mit den Ergebnissen konfrontiert.

Nur sieben Prozent veröffentlicht

Demnach haben die 35 deutschen medizinischen Hochschulen nur sieben Prozent der Studienergebnisse in der EU-Datenbank EudraCT veröffentlicht. Das ist weit weniger als in anderen Ländern. Universitäten in Europa haben im Schnitt 63 Prozent der Studienergebnisse in der EU-Datenbank veröffentlicht, in den USA 69 Prozent.

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IQWiG-Chef Jürgen Windeler kritisiert das Verhalten der Uni-Kliniken.

Das Ausmaß der Nicht-Veröffentlichung deutscher Unis hat auch IQWiG-Chef Jürgen Windeler überrascht, der mit seinem Institut in staatlichem Auftrag neue Medikamente bewertet. "Das ist keine lässliche Sünde", kritisiert Windeler. Denn damit würden nicht nur der Fachöffentlichkeit Erkenntnisse vorenthalten, sondern auch Patienten. Das habe "unmittelbar eine praktische Relevanz", kritisiert der IQWiG-Chef. Manchmal komme in diesen Studien zum Beispiel heraus, dass ein Medikament nicht so gut wirkt, wie man zuvor gedacht habe, oder es habe mehr Nebenwirkungen, als man angenommen habe. "Alle diese Informationen sind für die Fachwelt von großer Bedeutung."

Kritik an deutschen Unis

Jörg Schaaber von der Buko Pharmakampagne weist darauf hin, dass klinische Studien dazu dienen, die bestmöglichen Therapien zu finden. "Umso enttäuschender ist es, dass die meisten deutschen Universitäten es nicht schaffen, ihre Forschungsergebnisse in das EU-Register einzutragen", sagt er. Jede Studie, deren Ergebnisse unveröffentlicht bliebe, verzerre das Wissen über Medikamente.

Viele Hochschulen teilen gar keine Ergebnisse

Eine positive Ausnahme bildet das Universitätsklinikum Münster - in der EU-Datenbank finden sich die Ergebnisse von 61 Prozent seiner Studien. Regensburg, Würzburg, Leipzig und Düsseldorf kommen immerhin auf 20 bis 30 Prozent. Doch 17 deutsche Universitäten teilen gar keine Ergebnisse ihrer Studien im europäischen Register, darunter die norddeutschen Hochschulen in Rostock, Lübeck und Hannover. Das Klinikum der Medizinischen Hochschule Hannover schuldet der Öffentlichkeit Daten zu 26 Studien, die Uni in Lübeck zu acht und Uni Rostock zu einer Studie.

Die meisten nicht-veröffentlichten Studienergebnisse in Deutschland leistet sich die Berliner Charité. Hier haben Schaaber und die Co-Autoren 68 Studien entdeckt, deren Ergebnisse auch ein Jahr nach Abschluss nicht in der EU-Datenbank veröffentlicht wurden. Auf Anfrage verweist die Charité zwar auf das "berechtigte Interesse an einer zeitnahen Veröffentlichung der Resultate". Warum die Charité aber ihrer Verpflichtung nicht nachkomme, beantwortet die Sprecherin nicht konkret. Man strukturiere derzeit "alle Aktivitäten zu klinischen Studien" um, außerdem seien die angemahnten Studien "bereits auf internationalen Kongressen vorgestellt worden".

Sind Unis dazu verpflichtet?

Die Universität Freiburg, die der Untersuchung zufolge die Ergebnisse von 14 Studien nicht veröffentlicht hat, teilt auf Anfrage mit, dass die Veröffentlichung in der EU-Datenbank "sehr aufwendig" sei, weil "die Einzelergebnisse eingegeben werden müssen", außerdem gebe es "keine gesetzliche Verpflichtung" zur Veröffentlichung in der EU-Datenbank.

Das sieht das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) jedoch anders. Es betont auf Anfrage, dass "alle relevanten ergebnisbezogenen Informationen … in der EU-Datenbank … öffentlich zugänglich sein müssen". Erst im Juni habe das BfArM gemeinsam mit den Behörden anderer Länder, der Europäischen Zulassungsbehörde (EMA) und der EU-Kommission die Leiter von klinischen Studien auf die nötige Veröffentlichung in der EU-Datenbank hingewiesen. Bereits im Jahr 2014 hat die EMA betont, dass es verpflichtend sei, die Ergebnisse von klinischen Studien in der EU-Datenbank zu veröffentlichen.

Kliniken stellen teils Ergebnisse in andere Datenbank

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Wenn Unikliniken Studien-Ergebnisse nicht veröffentlichen, fehlt Ärzten aktuelles medizinisches Wissen.

Trotzdem reden sich auf Anfrage zahlreiche deutsche Universitäten damit heraus, die Veröffentlichung sei nicht verbindlich. Außerdem sagen viele Unis, sie würden die Ergebnisse in der deutschen Datenbank pharmnet.bund hochladen - doch diese Datenbank nimmt international kaum ein Forscher zur Kenntnis, die Studienergebnisse bleiben so der Fachwelt verborgen.

Auf Nachfrage zu drei nicht veröffentlichten Studien teilt die Medizinische Hochschule Hannover mit, dass zwei davon in pharmnet.bund veröffentlicht wurden und die im Jahr 2011 beendete Botox-Studie "gerade" in der EU-Datenbank hochgeladen werde.

Kritik: Missbrauch von öffentlichen Geldern

"Das Ausmaß, in dem deutsche Universitäten ihre Ergebnisse nicht berichten, ist schockierend", sagt Till Bruckner von Transparimed. Unveröffentlichte Studien schadeten nicht nur den Patienten, zugleich würden öffentliche Gelder verschwendet und das Vertrauen von Studienteilnehmern missbraucht.

In Großbritannien veröffentlichen die Unis mittlerweile 72 Prozent der Studienergebnisse binnen eines Jahres in der EU-Datenbank. Allerdings, sagt Bruckner, habe sich auch in Großbritannien ein erheblicher Veröffentlichungswandel erst durchgesetzt, nachdem Medien kritisch über die schlampige Veröffentlichungspraxis berichtet hatten. "Das Problem ist zu teuer und zu wichtig, um es zu ignorieren."

Forderung nach Konsequenzen

Arznei-Prüfer und IQWiG-Chef Jürgen Windeler erlebt in seinem Alltag immer wieder, dass Studienergebnisse der Fachwelt vorenthalten werden. Er fordert deshalb, dass das Nicht-Veröffentlichen von Studien auch Konsequenzen haben müsse. "Ich bin dafür, dass die öffentliche Förderung durch Institutionen wie die DFG, die Deutsche Krebshilfe oder das Forschungsministerium davon abhängig gemacht werden sollte, ob vorher durchgeführte Projekte in der vorgeschriebenen Weise veröffentlicht worden sind", sagt Windeler. "Und wenn sie das nicht sind, dann muss eben die Förderung solange ausgesetzt werden, bis die Ergebnisse da stehen, wo sie stehen sollten."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 30.12.2019 | 06:00 Uhr

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