Stand: 07.11.2019 16:49 Uhr

Macht in den Medien immer noch männlich

von Daniel Bouhs

In den meisten deutschen Medienhäusern haben immer noch Männer das Sagen. Allerdings zeigen sich unter den Mediengattungen auch deutliche Unterschiede. Das zeigt eine neue Studie, die die Initiative ProQuote heute in Hamburg vorgestellt hat.

Entscheidend für ProQuote ist nicht, wie viele Frauen ganz oben an der Spitze eines Mediums stehen. Die Initiative hat einen eigenen Indikator entwickelt: den Frauenmachtanteil. Er bezieht mehrere Stufen der Hierarchie mit ein, unterschiedlich gewichtet. "Eine Chefredakteurin hat natürlich mehr Macht als eine Abteilungsleiterin und kann noch besser Themen in das Blatt oder auf die Onlineplattformen bringen, als jemand, der nur stellvertretende Abteilungsleiterin ist", erklärt Edith Heitkämper aus dem Vorstand des Vereins. So bekommt eine Chefredakteurin - je nach Redaktion - zwei oder drei Mal so viele Punkte wie eine Redaktionsleiterin.

Regionalzeitungen sind besonders "männlich"

Die Studie, sagt Heitkämper, lege deutliche Unterschiede unter den Medientypen offen. "Uns hat erschüttert, dass es bei den Regionalzeitungen so schlecht aussieht. Da gibt es sehr, sehr wenige Chefredakteurinnen." Bei den Regionalzeitungen kamen zuletzt auf 100 Chefredakteure nur acht Chefredakteurinnen. Auch wenn die unterschiedlichen Hierarchien dazukommen, steigt der Frauenmachtanteil bei den regionalen Zeitungen der Studie zufolge auf gerade mal zehn Prozent - wobei entscheidende Zulieferer wie die Nachrichtenagentur dpa oder auch das Redaktionsnetzwerk Deutschland von Madsack deutlich bessere Werte erreichen.

Zeitschriften vor Onlineangeboten

Reine Onlineredaktionen kommen auf ein Frauenmachtanteil von etwa 30 Prozent. Nahezu ausgeglichen ist demnach die Macht der Geschlechter mit beinahe 50 Prozent bei den Zeitschriften. Und als sich ProQuote acht Leitmedien - Zeitungen wie Zeitschriften - ansah, stand der "Stern" an der Spitze: 45,8 Prozent.

Jäkel: Belegschaft muss sich an Frauen gewöhnen

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Julia Jäkel steht seit sechs Jahren dem Hamburger Verlag Gruner + Jahr vor.

Julia Jäkel leitet das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr, das den "Stern" herausgibt, seit sechs Jahren. Angesichts der ProQuote-Zahlen erinnert sie sich an ihre erste Betriebsversammlung als Chefin: "Mein Vorgänger war ein 'Mann-Mann'. Und die Belegschaft musste sich erst mal an eine Frau gewöhnen. An eine andere Stimme. An eine andere Sprache. Es ist einfach anders. Und das war am Anfang so ein bisschen komisch. Das dauert alles seine Zeit."

Das entscheidende Rezept habe auch sie nicht zur Hand. Gefragt sei ein Mix aus vielem - von flexiblen Arbeitsmodellen über gemischte Projektgruppen bis zu Macho-freien Weihnachtsfeiern. Rollenbeispiele wie sie seien natürlich mitentscheidend. Frauen müssten Frauen ermutigen.

Horn: Änderung dauert sehr lang

Ebenfalls seit fünf Jahren steht Marion Horn an der Spitze - bei Axel Springer als Chefredakteurin der "Bild am Sonntag". Sie sagt: Um Frauen mit in Führung zu bringen, brauche es auch Konsequenz. "Du kannst noch nicht mal jede freie Stelle mit einer Frau besetzen. Sondern, wenn du fair bist, hast du einen Mann und eine Frau und sagst: 'Wer ist der Bessere?' Ich gebe zu, dass ich an der Stelle gegen das Gesetz handle und dann Frauen nehme. Aber: Es dauert ja trotzdem sehr, sehr lange."

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk im Mittelfeld

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Im NDR besetzen Männer die höchsten Posten: Intendant Lutz Marmor, Fernsehdirektor Frank Beckmann und Hörfunkdirektor Joachim Knuth.

2018 hatte ProQuote bereits Zahlen zum Rundfunk vorgelegt, vor allem dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dort lag der Frauenmachtanteil bei 38 Prozent - also deutlich hinter den Zeitschriften, aber auch deutlich vor den Zeitungen. In der Gesamtschau hebt ProQuote nun zwei Medien als leuchtende Beispiele hervor: Die Deutsche Welle und die taz. Beide haben die 50-Prozent-Marke geknackt. Alle anderen müssten noch an der Gleichstellung von Journalistinnen und Journalisten arbeiten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 07.11.2019 | 19:08 Uhr

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