Stand: 20.12.2019 18:27 Uhr

"Waren-Vernichtung ist ein Irrsinn des Kapitalismus"

Recherchen des NDR belegen, dass der Versandhändler Amazon in Winsen an der Luhe im großen Stil Neuwaren auf den Müll wirft. Die Bundesregierung will es dem Handel erschweren, noch brauchbare Produkte zu zerstören.

Ein Kommentar von Sebastian Friedrich, NDR Info

Sebastian Friedrich © Sebastian Friedrich
Sebastian Friedrich weist darauf hin, dass im Kapitalismus Unternehmen in erster Linie auf den Profit ausgerichtet sind.

Neuwaren, die nicht ihren Weg unter den Weihnachtsbaum finden, sondern in der Schrottpresse landen. Gerade vor den Feiertagen ist die Meldung, dass Amazon ganze Lkw-Ladungen neuwertiger Waren vernichtet, ein Aufreger. Und vielen ist schnell klar, wer hier die Schuld trägt: Amazon, der Versandhaus-Gigant, der ohnehin immer wieder wegen der Arbeitsbedingungen und seiner Datensammelwut in der Kritik steht.

Lagerungskosten drücken Gewinn

Dabei ist die Vernichtung von Neu- oder Retourwaren kein Amazon-spezifisches Problem. Es ist auch keines, das nur die Logistik-Branche betrifft. Waren zu vernichten, kann für Unternehmen betriebswirtschaftlich durchaus sinnvoll sein.

VIDEO: Kritik an Amazon: Massenhaft Neuware vernichtet (5 Min)

Ein Beispiel: Bei einem teuren Sportschuh zahlt eine Kundin nicht nur für Material, Arbeitskosten oder Unternehmensprofit. Sie zahlt auch für den Namen. Ein Marken-Sportschuhhersteller hat ein Interesse daran, dass sein Schuh nicht zum Schrottpreis auf der Reste-Rampe erworben werden kann. Eine gewisse Warenknappheit ist notwendig, damit der Preis gehalten wird. Doch ewig kann der Sportschuhhersteller seine Produkte nicht beim Händler liegen lassen, denn die Lagerungskosten drücken den Unternehmensgewinn.

Markt-Entfernung oder Waren-Vernichtung

Ein nicht verkauftes Schuh-Modell muss deshalb kurz über lang weg. Da gibt es vor allem zwei Möglichkeiten. Die erste verbirgt sich hinter dem betriebswirtschaftlichen Fachbegriff Markt-Entfernung. Das bedeutet, dass der hierzulande unbeliebte Schuh auf einem anderen Markt angeboten wird, zum Beispiel in Asien.

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Greenpeace-Aktivisten hängen an einem Amazon Logistik Gebäude Transparente mit der Aufschrift :"#amazoncrime" auf. © dpa-Bildfunk Foto: Georg Wend

Winsen: Amazon verschrottet containerweise Neuware

Im Amazon-Logistikzentrum in Winsen wird containerweise Neuware verschrottet. Das geht aus Greenpeace-Recherchen hervor. Die Bundesregierung will gegen die Vernichtung vorgehen. mehr

Lohnt sich die Markt-Entfernung aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht, dann kommt die zweite Möglichkeit ins Spiel - die Vernichtung, nicht mehr Nützliches loswerden. Nicht mehr nützlich für die Bilanzen der Unternehmen, versteht sich, denn für die Schuhe selbst hätten bestimmt viele Menschen eine praktische Verwendung.

Profitstreben steht an erster Stelle

In dem Skandal um vernichtete Neuwaren bei Amazon spiegelt sich also der grundsätzliche Irrsinn des Kapitalismus. Denn unsere Wirtschaftsform ist nicht auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet, sondern orientiert sich in erster Linie am Profit. Amazon und Drittanbieter, die mit Amazon zusammenarbeiten, handeln hier nicht anders als alle gewinnorientierten Unternehmen: Sie blicken allein auf die Zahlen. Amazon ist so gesehen nicht Ursache, sondern lediglich Ausdruck eines im Kern an betriebswirtschaftlichen Grundsätzen ausgerichteten Wirtschaftssystems.

Regierungsvorhaben läuft ins Leere

Entsprechend ist auch fraglich, ob die geplanten Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Vernichtung von Neuwaren wirklich greifen können. Nach allem, was bisher von dem Vorhaben bekannt ist, werden Händler auch weiterhin Waren vernichten dürfen. So soll ein Produkt als Abfall verwertet werden können, wenn es für den Händler wirtschaftlich nicht mehr zumutbar ist. Die soziale Zumutbarkeit wird sich also wohl auch weiterhin hinten anstellen müssen.

Nicht Amazon ist das Problem. Das Problem ist das Wirtschaftssystem selbst, das das Profitstreben an erste Stelle setzt. Auf Kosten vieler Menschen.

 

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NDR Info | Kommentar | 20.12.2019 | 18:27 Uhr

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