Passanten in der Hamburger Mönckebergstraße © dpa-Bildfunk Foto: Georg Wendt/dpa

Corona: Nächste Wochen entscheiden über Pandemie-Verlauf

Stand: 21.10.2020 12:01 Uhr

Fast täglich meldet das Robert Koch-Institut neue Rekorde bei den Corona-Infektionen. Die Entwicklung der Pandemie befindet sich gerade auf der Kippe. Und die Weichen stelle die Bevölkerung, sagen Experten.

von Daniela Remus

Trotz steigender Corona-Infektionen scheinen viele Menschen sorglos - schließlich gebe es ja genug Intensivbetten. Ob das so bleiben wird? Jüngste wissenschaftliche Studien zeigen nämlich, dass die aktuelle Situation einen entscheidenden Wendepunkt markiert: Entweder hin zum unkontrollierbaren Anstieg der Infektionszahlen oder zurück zu einer Infektionsrate auf vergleichsweise niedrigem Niveau.

Wissenschaftler betonen Eigenverantwortung der Bevölkerung

Deswegen appelliert die Göttinger Forscherin Dr. Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation.

"Wenn wir uns jetzt sehr stark zurücknehmen, dann ist es wahrscheinlich eine Sache von einer Woche oder allerhöchstens zwei, dann sind die Fallzahlen wieder so weit unten, dass die Gesundheitsämter hinterherkommen."

So würden letztendlich auch mehr Freiheiten im Alltag möglich, meint die Wissenschaftlerin. Unabhängig davon, ob die Politik nächtliche Sperrstunden, Maskenpflicht im Freien oder Kontaktverbote verhänge, jede und jeder Einzelne hätte den Schlüssel in der Hand, die Ausbreitung des Virus zu stoppen, ergänzt Prof. Sandra Ciesek, Leiterin des Instituts für Virologie an der Uniklinik Frankfurt. Wir seien Covid-19 nicht hoffnungslos ausgeliefert, weil der Virus den menschlichen Wirt zur Verbreitung brauche.

"Wir gehören halt untrennbar dazu, zu dieser Pandemie. Wir sind ein Teil davon, und der Verlauf der Pandemie ist auch ein Ausdruck des menschlichen Verhaltens."

Verhalten der Bevölkerung ist halbe Miete im Kampf gegen Corona

Denn zwei Aspekte sind entscheidend, um die Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu kontrollieren: Die Nachverfolgung der Kontakte durch die Gesundheitsämter und das Verhalten der Bevölkerung, und zwar zu gleichen Teilen, so das Ergebnis wissenschaftlicher Modellrechnungen, die Viola Priesemann und ihr Team jetzt vorgelegt haben.

Viola Priesemann | Bild: Joao Pinheiro Neto © Joao Pinheiro Neto Foto: Joao Pinheiro Neto
Dr. Viola Priesemann untersucht am Max-Planck-Institut in Göttingen den Verlauf der Corona-Pandemie.

Deswegen läge die Eindämmung des Virus bei der Bevölkerung, wenn die Gesundheitsämter zusammenbrechen. Dann müsste sich die Bevölkerung doppelt so sehr einschränken, wie es im Sommer notwendig war.

Über die Belegung der Intensivbetten zu diskutieren sei im Moment nicht geeignet, um zu beurteilen, ob oder wie wir die Pandemie im Griff haben. Viel wichtiger sei die Kontaktverfolgung durch die Gesundheitsämter. Nur mit diesem Mittel sei die Ausbreitung des Virus zu kontrollieren und ein harter Lockdown vermeidbar. Geraten die Infektionen außer Kontrolle und ist die Kontaktverfolgung nicht mehr möglich, werden auch die Sterbefälle zwangsläufig zunehmen, sagt Viola Priesemann:

"In dem Moment, wo das Virus sich unkontrolliert ausbreitet, wenn es also viele Träger gibt, die gar nicht wissen, dass sie Träger sind, dann lassen sich die älteren Bevölkerungsgruppen und die Vulnerablen nicht effizient schützen. Und genau an diesem Kipppunkt stehen wir gerade."

Immer mehr Ältere infizieren sich mit Corona

Nachdem sich im Sommer vor allem jüngere Menschen infiziert haben, breitet sich das Virus jetzt in den älteren Bevölkerungsgruppen aus. Lag der Anteil der über 60-Jährigen bei den Infizierten Anfang September noch bei 6-8 Prozent, so hat er sich verdoppelt und liegt jetzt bereits bei 16 Prozent. Die Folge: Auch die Krankenhäuser melden mehr Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden müssen. Noch ist zwar fast ein Drittel der bundesweiten Intensivbetten leer, aber das sei kein Grund, entspannt zu sein, betont Prof. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am UKE in HH.

"Der Pflegemangel ist in der Intensivmedizin unser Hauptproblem, auch schon vor Corona gewesen, wir haben Umfragen dazu gemacht und wir wissen auch, dass 20-30% der deutschen Intensivbetten nicht bepflegbar sind. Die sind zwar physisch vorhanden, mit Beatmungsgeräten und Monitoren, aber sie sind nicht bepflegbar gewesen schon vor der Pandemie. "

Noch sei eine Entwicklung wie im Frühjahr in Italien oder Frankreich vermeidbar, zeigen die Berechnungen von Viola Priesemann. Aber nur, wenn alle mitmachen, ohne Wenn und Aber.

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NDR Info | Aktuell | 21.10.2020 | 06:17 Uhr

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