Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek: "Sobald wir unaufmerksam werden, schlägt das Virus zu"

Stand: 15.12.2020 17:31 Uhr

Die Menschen sollten gerade im Hinblick auf Weihnachten nicht all das ausreizen, was der Lockdown noch erlaubt. Davor warnt die Virologin Sandra Ciesek im NDR Info Podcast Coronavirus-Update. Außerdem spricht sie sich für Schnelltests in Schulen aus.

von Sonja Puhl

Ciesek gehört zu den Wissenschaftlern, die in der Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina kürzlich formuliert hatten, dass ein harter Lockdown mit möglichst wenig Ausnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie am besten schon am 14. Dezember hätte greifen sollen: Je schneller und konsequenter man handele, desto schneller könne man die Einschränkungen auch wieder aufheben. "Es wäre fatal, wenn Weihnachten - bei der hohen Inzidenz, die wir momentan haben - relativ normal ablaufen würde: Wenn man keine Regeln einhält oder die Regeln ausreizt oder überschreitet."

500 neue Todesfälle, Situation auf Intensivstationen wird kritischer

Die deutschen Gesundheitsämter haben dem Robert Koch-Institut am Dienstag 500 Todesfälle binnen eines Tages übermittelt. Das ist der dritthöchste Wert seit Beginn der Pandemie. Und auch die Situation auf den Intensivstationen wird mit der wachsenden Anzahl der dort zu behandelnden Covid-19-Patienten zunehmend kritischer und für das dort arbeitende Klinikpersonal immer belastender. Deshalb fordert Ciesek Solidarität.

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"SAFE School Studie": Antigen-Schnelltests für Lehrer

Um Infektionsketten zu durchbrechen, sind mehrere Maßnahmen wichtig, die einander ergänzen. Die Virologin spricht in diesem Zusammenhang vom Modell Schweizer Käse. Ein Element, das derzeit vermehrt in der Diskussion ist, sind die Antigen-Tests. Seit Anfang Dezember können auch Lehrer und Erzieher solche Tests laut Gesetz selbst durchführen. Das Institut für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main, dessen Direktorin Ciesek ist, hat gemeinsam mit dem Hessischen Sozialministerium und dem Kultusministerium die "SAFE School Studie" durchgeführt. Dafür wurden über 700 Lehrkräfte aus der Stadt und dem Landkreis Offenbach, einer Region mit hoher Inzidenz, über sieben Wochen angeleitet, sich selbst zu testen. Zeigte ein Antigen-Test ein positives Ergebnis, sollte sich die Testperson isolieren und das Ergebnis mit einem PCR-Test im Labor überprüfen lassen. Bei fünf Lehrkräften wurde so festgestellt, dass sie tatsächlich infiziert waren. Davon hätten vier meist milde Symptome wie Kopf- oder Gliederschmerzen oder Müdigkeit gehabt. "Die wären nicht auf die Idee gekommen, sich testen zu lassen und wären mit diesen hohen Viruslasten arbeiten gegangen", berichtet Ciesek. "Jeder Lehrer, den wir gefunden haben, der nicht in die Schule geht mit einem Ct-Wert unter 20, kann eine Infektionskette unterbrechen." Der Ct-Wert gibt an, wie viele Vermehrungszyklen nötig waren, ehe ein Test angeschlagen hat. Je niedriger der Ct-Wert also ist, desto größer ist die Viruslast. 

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Hygiene- und Abstandsregeln einhalten - selbst bei negativem Testergebnis

Auch in Alten- und Pflegeheimen sollen solche Schnelltests für mehr Sicherheit sorgen - gerade für die Angehörigen der Risikogruppen. Derzeit fehlt es aber oft an geschultem Personal, das diese Tests durchführen könnte. Die korrekte Anwendung der Tests ist aber enorm wichtig, erklärt die Virologin: "Sie können hochinfektiös sein, aber einen sehr schlechten Abstrich gemacht haben." Dann wiege ein vermeintlich negatives Testergebnis womöglich in falscher Sicherheit. Dass die Hygieneregeln wie Masken und Abstand eingehalten werden, sei deshalb unersetzlich - selbst bei einem negativen Testergebnis.

Verlust des Geruchssinns: Test in der Erprobung

Der Naso-Pharyngeal-Abstrich wird oft als unangenehm und schmerzhaft empfunden. Denn dafür muss ein Abstrichbürstchen recht weit in den Nasen-Rachen-Bereich geschoben werden, um belastbares Virusmaterial zu gewinnen. Um Infizierte zu identifizieren, gibt es inzwischen auch eine Vielzahl anderer Möglichkeiten. In der Erprobung ist nun auch ein Geruchs-Test. Denn bei circa 80 Prozent der Infizierten tritt nach jetzigem Stand der Wissenschaft ein Verlust des Geruchssinns auf. Das Test-Kit erinnere etwas an Parfum-Proben in Zeitschriften, erklärt Ciesek. Man muss sich eine App herunterladen und dann unterschiedliche Duftflächen beschnuppern und richtig benennen, etwa ob man Trauben- oder Popcorn-Geruch wahrnimmt. Das Verfahren beschreibt die Virologin als einfach, schmerzfrei und es habe sogar einen gewissen Unterhaltungswert, doch müsse noch weiter daran geforscht werden. Denn noch weiß man nicht, in welcher Phase der Infektion der Verlust des Geruchssinns eintritt, möglicherweise erst später, sodass Infektionen im Frühstadium mit diesem Test nicht entdeckt werden können. Außerdem kann man nur Personen testen, die keinen Schnupfen haben, weil eine verstopfte Nase auch ohne Corona-Infektion den Geruchssinn beeinträchtigt. Die weiteren Ergebnisse von Studien müssen erst noch zeigen, wie viele Übertragungen man damit unterbinden kann.

Forschung an neuen Medikamenten

Geforscht wird auch an Medikamenten, mit denen man das neuartige Coronavirus in seiner Vermehrung hemmen könnte. So laufen zwei Studien zum Virenhemmer MK 4482, berichtet Ciesek. Es gebe die Hoffnung, dass ein solches Medikament, für das es aber noch keine Zulassung gibt und zu dem bislang nur Tier- und Zellkulturstudien laufen, die Übertragung des Virus blocke. Vielversprechende Zwischenergebnisse gibt es außerdem bei der Erforschung von Interferon beta.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash

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