Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek: Die Pandemie muss auf der ganzen Welt beendet werden

Stand: 18.05.2021 17:30 Uhr

In der neuen Folge des NDR Info Podcasts Coronavirus-Update spricht sich die Virologin Sandra Ciesek für mehr Solidarität bei der Impfstoff-Verteilung in der Welt aus. Zudem stellt sie eine Studie zum Impfstoff-Wechsel bei der Zweitimpfung vor.

von Marc-Oliver Rehrmann

Die Corona-Pandemie werde erst beendet sein, wenn sie weltweit beendet ist. "Man kann sie nicht in einem Land beenden", sagt Ciesek. "Auch wenn viele in Deutschland das Gefühl haben, dass die Pandemie für uns bald vorbei sein könnte. Weltweit ist das nicht der Fall." Die Politiker in den reichen Ländern sollten nicht nur darauf schauen, wie sie die Impfkampagne in ihrer Stadt oder in ihrem Land vorantreiben. "Man hat auch eine Verantwortung für andere Länder, die den Impfstoff nicht selbst herstellen können", meint die Virologin aus Frankfurt am Main.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Gemeinsam gegen die Pandemie (81 Min)

Sie verweist dabei auf "erschreckende Zahlen" eines kürzlich veröffentlichten Berichts im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Demnach haben sich weltweit bis Ende April knapp 150 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Rund 3,3 Millionen Menschen in 223 Ländern sind nach einer Infektion gestorben. Und mehr als 100 Millionen Menschen sind in Folge der Pandemie in extreme Armut abgerutscht. "Die Corona-Pandemie ist eine Pandemie der Ungleichheit und der Ungerechtigkeit", findet Ciesek.

Coronavirus: Ähnliches Muster bei Schlüssel-Mutationen

Indien ist eines jener Länder, in denen die Pandemie noch nicht unter Kontrolle ist. Dort breitet sich seit einigen Wochen eine Virus-Variante aus, die wahrscheinlich eine höhere Übertragbarkeit hat und inzwischen in mehr als 40 Staaten nachgewiesen ist, auch in Deutschland. Bei solch "besorgniserregenden Virus-Varianten" (englisch: Variants of Concern) sind an bestimmten Stellen im Genom sogenannte Schlüssel-Mutationen zu beobachten, also Austausche im Erbmaterial. "Und interessanterweise sind das bei den Variants of Concern, obwohl sie auf unterschiedlichen Kontinenten entstanden sind, zum Teil die gleichen Schlüssel-Mutationen", sagt Ciesek. Es gebe Mutationen an bestimmten Stellen in der Oberfläche des Virus, die wichtiger seien als andere Mutationen. "Wenn es zu Mutationen in diesen Bereichen kommt, kann das ein Überlebensvorteil für das Virus sein."

Aus dieser Beobachtung lasse sich allerdings auch eine gute Nachricht ableiten: "Es kann nur eine begrenzte Anzahl an besorgniserregenden Varianten geben", sagt Ciesek. "Ich erwarte nicht, dass noch Hunderte Variants of Concern entstehen - weil eben nur wenige Schlüssel-Mutationen die Eigenschaft des Virus derart bedenklich verändern können."

Erst AstraZeneca, dann Biontech: Wie verträglich ist die Zweitimpfung?

Auch die Impfungen sind ein Thema in der jüngsten Podcast-Folge. In Deutschland sollen viele Menschen, die unter 60 Jahre alt sind, nach der Erstimpfung mit dem AstraZeneca-Vakzin beim zweiten Termin einen mRNA-Impfstoff wie den von Biontech/Pfizer erhalten. Wie verträglich solch eine Zweitimpfung mit einem anderen Vakzin ist, zeigt eine neue Studie aus Großbritannien. "In den Daten sieht man, dass die Leute insgesamt mehr systemische Beschwerden wie Fieber hatten als diejenigen, die zweimal den gleichen Impfstoff bekommen haben", fasst Ciesek zusammen. "Die Symptome wurden vor allem 48 Stunden nach der Impfung beobachtet - und sie klangen nach 48 Stunden ab." Die Impfreaktionen nach einem Impfstoff-Wechsel seien zwar mitunter unangenehm. "Aber im Rahmen der Studie ist nichts Dramatisches beobachtet worden", so Ciesek.

AstraZeneca: Längerer Impfabstand in Deutschland

Die Virologin weist darauf hin, dass die Erkenntnisse aus Großbritannien nicht zwingend eins zu eins auf Deutschland zu übertragen sind. Denn in Großbritannien - wo in erster Linie das Mittel von AstraZeneca verwendet wird - beträgt der Abstand zwischen den beiden Impfterminen in der Regel nur vier Wochen. In Deutschland hingegen empfiehlt die Ständige Impfkommission einen Abstand von neun bis zwölf Wochen, sofern die Erstimpfung mit AstraZeneca erfolgte. "Es ist gut möglich, dass die Beschwerden nach der Zweitimpfung geringer sind, wenn der Impfabstand länger ist", sagt Ciesek.

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Wie gut der Immunschutz bei einem Wechsel des Impfstoffs von AstraZeneca auf Biontech ausfällt, ist in der vorliegenden Studie aus Großbritannien noch kein Thema. Die Ergebnisse zu dieser Frage sollen im Juni veröffentlicht werden. "Alleine aufgrund der stärkeren Impfreaktion bei einem Impfstoff-Wechsel darf man nicht zu 100 Prozent davon ausgehen, dass diese Personen auch einen stärkeren Immunschutz haben", stellt die Virologin klar.

Corona-Infektion: Wie lange mit einer Operation warten?

Auch in Zeiten der Corona-Pandemie steht für viele Menschen in Deutschland eine - nicht dringliche - Operation an - wie zum Beispiel bei einem Leistenbruch oder bei einem Knie-Schaden. Für Corona-Infizierte unter ihnen stellt sich die Frage, ob sie einen unmittelbar bevorstehenden OP-Termin verschieben sollten. Die Chirurgen-Verbände in Deutschland haben sich jetzt in einer Stellungnahme dafür ausgesprochen. Denn es liegen Daten vor, wonach in den ersten sechs Wochen nach einer Corona-Infektion ein erhöhtes Risiko besteht, nach einer Operation schwere Komplikationen zu bekommen - vor allem im Bereich der Lunge. Dies zeigten Erfahrungen aus den Kliniken. Erst ab der siebten Woche nach Infektionsbeginn - und ohne fortbestehende Symptome - ist das Risiko wieder vergleichbar mit Nicht-Infizierten.

Die Empfehlung der Chirurgen lautet deshalb: Wenn jemand eine Corona-Infektion hat, sollte eine planbare Operation erst nach sieben Wochen stattfinden.

Spricht eine frische Impfung gegen einen OP-Termin?

Anders sieht es aus, wenn der Termin für eine planbare Operation nach einer Corona-Impfung liegt. "Operationen können auch kurz nach der Impfung durchgeführt werden", sagt Ciesek mit Verweis auf die Chirurgen-Empfehlungen. "Aber man sollte mindestens eine Woche abwarten, damit mögliche Impfreaktionen wie Fieber nicht das klinische Bild nach einem Eingriff verfälschen." Idealerweise seien Patienten und Patientinnen vor einer planbaren Operation vollständig gegen Sars-CoV-2 geimpft. Demnach liegt ein idealer OP-Termin zwei Wochen nach der zweiten Impfdosis.

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NDR Info | 18.05.2021 | 18:05 Uhr

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