Stand: 12.09.2019 14:13 Uhr  - NDR Info

Seenotrettung im Mittelmeer: Rückhalt im Norden?

von Lena Petersen, NDR Info

Für Flüchtlinge gilt der Weg über das Mittelmeer als die tödlichste Seeroute der Welt. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerkes ertrinken auf der Flucht Richtung Europa jeden Tag vier Menschen. Private Hilfsorganisationen retten so viele Geflüchtete aus der Seenot wie möglich. Ihre Schiffe müssen aber oft wochenlang vor den Häfen Europas ausharren oder werden von Behörden beschlagnahmt. Wie wird der Einsatz der Organisationen aus Norddeutschland unterstützt? 

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Till Rummenhohl war an der Bord des Rettungsschiffes "Aquarius". Er fordert eine europäische Rettungsmission.

"Wir sind wirklich jeden Tag auf dem Mittelmeer gewesen oder eben für kurze Zeit in einem europäischen Hafen, um Menschen in Sicherheit zu bringen. Das war mit entsprechend vielen Rettungen verbunden." - Bei einem Treffen am Harburger Hafen berichtet Till Rummenhohl von seiner Zeit auf dem Rettungsschiff "Aquarius" vor rund zwei Jahren. Inzwischen hat Europa die Koordinierung der Seenotrettung an Libyen abgegeben. Das habe schwerwiegende Folgen.

Im Vergleich zu den Jahren 2016 und 2017, als der humanitären Rettungsmission viel staatliche Hilfe zuteil wurde, gebe es jetzt diese neue große Herausforderung: "Dass wir irgendwo dazu gezwungen sind, Verhandlungen mit europäischen Mitgliedstaaten zu führen, um überhaupt eine Lösung für die Menschen zu kriegen, die wir gerettet haben - das ist der große Wandel, den wir dort haben."

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Die Evangelische Kirche will mit anderen Organisationen ein Schiff für die Seenotrettung im Mittelmeer kaufen. Das Sterben könne nicht hingenommen werden. Mehr bei tagesschau.de. extern

Stadt Oldenburg bietet ihre Hilfe an

Der 27-Jährige ist mittlerweile auf dem Festland aktiv - im Vorstand der Hilfsorganisation SOS Mediterranee Deutschland - und fordert eine europäische Rettungsmission.

Welches EU-Land nimmt wie viele der Geflüchteten auf? Darüber wird momentan bei jedem Rettungseinsatz neu verhandelt. Auch für viele Städte und Kommunen im Norden ein unwürdiges Schauspiel. Deshalb bietet die niedersächsische Stadt Oldenburg ihre Hilfe an, wie Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) erklärt: "Wir sind einfach der Meinung - auch wenn es schwierig ist, die rechtlichen Fragen zwischen den EU-Mitgliedsstaaten zu klären -, dass es letztlich nicht sein kann, dass man Menschen, die aus Seenot gerettet werden, auf gut Deutsch gesagt absaufen lässt."

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Stadt Kiel bekommt viel positives Feedback

Genau wie Rostock, Greifswald und Flensburg hat Oldenburg die Potsdamer Erklärung unterzeichnet. Insgesamt 24 deutsche Städte fordern darin einen europäischen Verteilungsschlüssel. Sie bieten auch an, zusätzliche aus Seenot gerettete Geflüchtete aufzunehmen.

Besonders aktiv ist hier die Stadt Kiel. Der Rückhalt in der Bevölkerung sei groß, sagt Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD): "Die Reaktionen aus der Öffentlichkeit waren - von ein ganz paar kritischen E-Mails und Facebook-Einträgen aus der erwartbaren Ecke - sehr, sehr positiv." Es wäre ja auch komisch, so Kämpfer, wenn eine Stadt mit 250.000 Menschen nicht 40 Geflüchtete zusätzlich aufnehmen könne. "Das ist, glaube ich, das Mindeste, was wir hier tun können."

40 zusätzliche Plätze hat Kiel bereitgestellt. Lediglich acht Geflüchtete aus Rettungsmissionen sind bisher dort angekommen.

"Hamburg schmückt sich mit dem Titel 'Sicherer Hafen'"

Hamburg hat die Potsdamer Erklärung nicht unterzeichnet. Die Hansestadt hat sich aber wie insgesamt 90 Städte in Deutschland zu einem "Sicheren Hafen" erklärt. Christoph Kleine von der Bewegung Seebrücke Hamburg reicht das jedoch nicht. Er habe den Eindruck, die Stadt schmücke sich mit dem Titel "Sicherer Hafen", wolle aber nicht wirklich handeln: "Man denkt, damit kann man Proteste beschwichtigen und alle, die sich Sorgen über die Lage im Mittelmeer machen", so Kleine. Aber dann sei da möglicherweise doch die Angst vor Rassisten, die die eigene Partei nicht mehr wählen.

Forderung nach einem europäischen Rettungssystem

Die Stadt widerspricht. Ein Sprecher der Innenbehörde teilt mit, dass Hamburg seit Ende 2018 sieben aus Seenot gerettete Flüchtlinge aufgenommen hat - im Rahmen bisheriger Vereinbarungen.

Noch im September wollen die europäischen Innenminister über die Seenotrettung im Mittelmeer beraten. Für Till Rummenhohl von SOS Mediterranee Deutschland ist erst eine Lösung gefunden, wenn es ein europäisches Rettungssystem gibt - und wenn niemand mehr ertrinkt: "Solange das eben nicht der Fall ist - und es ist seit Jahren nicht der Fall -, müssen wir unsere Arbeit weiter machen. Und wir machen sie auch weiter."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 12.09.2019 | 07:38 Uhr

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