Stand: 15.05.2018 15:17 Uhr

Der große Frust in der Geburtshilfe

von Leonie Puscher
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Antje Jacobs wohnt auf der Insel Föhr, ihr Kind kam jedoch im 100 Kilometer entfernten Heide zur Welt.

Antje Jacobs lebt auf der Insel Föhr. Doch ihr Kind konnte sie dort vor eineinhalb Jahren nicht bekommen. 2015 hatte der Kreißsaal geschlossen. Zwei Wochen vor der Geburt ihrer Tochter musste sie auf das Festland und dort bis zur Entbindung warten. Viele Kreißsäle jedoch machen nicht nur auf den Inseln zu. Fast 30 Prozent der Geburtsstationen in Norddeutschland wurden innerhalb der letzten 15 Jahre geschlossen. 

Die werdenden Mütter müssen nun weit fahren. Aber dafür sollen sie in den größeren Kliniken auch besser aufgehoben sein. Dort werden mehr Fälle behandelt, das Fachwissen ist größer. Solche Fachzentren sind von der Politik gewollt.

Baby © NDR Fotograf: Screenshot

Der große Frust in der Geburtshilfe

Panorama 3 -

Im Norden haben in den letzten Jahren 30 Prozent der Kreißsäle geschlossen. Das müssen andere Kliniken auffangen - ohne zusätzliches Personal.

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Wenig Personal in weit entfernten Kliniken

Antje Jacobs hat sich vor der Geburt über verschiedene Kliniken informiert. Letztendlich fuhr sie rund 100 Kilometer bis nach Heide, für die erste Geburt wollte sie die bestmögliche Versorgung. "In den anderen Krankenhäusern in der Umgebung war das schon so, dass ein Krankenhaus gar keine mehr angenommen hat. Die haben gesagt: Hier ist stopp. Und bei dem anderen war es ein paar Wochen vorher so, dass eine Frau in den Wehen lag, mitten im Flur. Da geht man doch lieber in das Krankenhaus, von dem man bis jetzt nur Gutes gehört hat."

Aber im Krankenhaus in Heide ist es zu der Zeit sehr voll. Antje Jacobs erzählt, die Stimmung sei angespannt gewesen. Und: Ihre Beschwerden vor der Geburt wurden nicht ernst genommen, die angekündigten Untersuchungen fanden nie statt. Das Personal hatte keine Zeit. Zu viele Geburten für zu wenige Hebammen. Das Westküstenklinikum in Heide kann zu dem konkreten Fall keine Aussagen machen, versichert aber, dass sie jederzeit eine adäquate Versorgung werdender Mütter sicherstellen können.

Schwangere mit Wehen abgewiesen

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Für Dr. Peter Dall, Leiter der Geburtsklinik in Lüneburg, sind die Kliniken am Rande ihrer Kapazitäten.

Dr. Peter Dall leitet die Geburtsklinik in Lüneburg und ist Vorsitzender der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Er beobachtet schon länger, dass die weniger werdenden Geburtsstationen nicht ausgestattet sind für immer mehr werdenden Mütter: "Die Kliniken kommen zunehmend an der Rand ihrer Kapazität oder müssen schon darüber hinausgehen, das muss man ganz klar sagen. Eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat ergeben, dass 35 Prozent der Kliniken schon mal den Fall hatten, eine Schwangere mit Wehentätigkeit an der Kreißsaaltür abweisen und woanders hinschicken zu müssen, weil sie einfach - überwiegend aus Personalmangel, aber auch aus räumlichen Kapazitätsgründen - eine Versorgung nicht gewährleisten konnten."

Geburtsstationen schließen, weil sie sich nicht rechnen

Das sich Geburtshilfe nicht rechnet, liegt laut Dr. Peter Dall an den Fallpauschalen. Denn für eine natürliche Geburt, die auch mal zehn Stunden dauern kann, bekommt man ungefähr 1.000 Euro weniger, als beispielsweise für eine Blinddarm-OP, die meistens planbar ist und etwa 20 Minuten dauert. "Die Kliniken konnten den Bedarf nur im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten anpassen, und das ist in meinen Augen an vielen Stellen unzureichend."

Das Bundesgesundheitsministerium verweist gegenüber Panorama 3 auf die kontinuierliche Anpassung der Fallpauschalen und die Verantwortung der Länder. Im Gesundheitsministerium in Niedersachsen ist man stolz auf Milliarden-Investitionen, die auch den Geburtsstationen zugutekommen könnten. Zweckgebunden sind diese Gelder allerdings nicht.

Hebammen haben offenes Ohr

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Hebamme Ulrike Müller kennt die Sorgen und schlechten Klinik-Erfahrungen von schwangeren Frauen.

Ulrike Müller ist Hebamme. Sie ist freiberuflich tätig und bereitet in ihrem Kurs Frauen unter anderem auf die Bedingungen in den Kliniken vor: "Wir können nicht kleine Kliniken zumachen, dann werden die großen überlaufen, zumal sie das Personal nicht aufstocken und auch keine zusätzlichen Räumlichkeiten haben. Das geht nicht." Viele der Teilnehmerinnen haben schon eine Geburt hinter sich. Sie besuchen den Kurs auch, um die schlechten Erfahrungen der ersten Geburt aufzuarbeiten. "Frauen kommen und sagen: 'Letztes Mal hatte ich einen Kaiserschnitt'. Oder sie berichten, es war recht viel los, die Hebamme hatte kaum Zeit. Oder: 'Mein Mann und ich hatten schon Angst, das Kind kommt alleine mit uns' oder der Mann musste noch schnell aus dem Kreißsaal stürzen und eine Hebamme herbeirufen. Das ist keine Seltenheit. Das ist wirklich ein großes Thema."

Für Antje Jacobs auf Föhr hat die Geburt in einer überfüllten Klinik bleibende Spuren hinterlassen. Eigentlich hätte sie gerne ein zweites Kind. "Man würde so gerne, aber ich hoffe immer noch auf ein Wunder, dass hier alles doch noch mal so wird, wie es war."

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 15.05.2018 | 21:15 Uhr

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