Antonia Kirichek in "Turandot" © Staatsoper Hamburg/ Hans Jörg Michel Foto: Hans Jörg Michel

"Turandot" in Hamburg: Ein dunkles Märchen mit aktuellem Bezug

Stand: 14.03.2022 08:05 Uhr

Es sind italienische Opernwochen an der Hamburgischen Staatsoper und natürlich ist ein Komponist mehrfach vertreten: Giacomo Puccini. Am Sonntag hatte seine 1926 uraufgeführte Oper "Turandot" Premiere.

von Peter Helling

Schon klar: Wer von "Turandot" redet, kommt um die Arie "Nessun Dorma", die Musik gewordene Gefühlslawine, nicht herum - und Gregory Kunde singt sie zum Hinschmelzen schön, findet das Publikum: "'Nessun Dorma' war genial und hatte auch ein bisschen 'Wumms' drin." Und: "Die Stimmen sind endlich mal wieder so, wie man sie sich lange Jahre gewünscht hat." Insbesondere für Kunde gibt es gute Kritiken: "Endlich mal wieder ein guter Tenor."

Wenn Prinz Calaf voller Hoffnung die Morgendämmerung erwartet, sagt die Inszenierung etwas anderes: Die Sonne geht hier nämlich nicht auf. Nie. Dem Publikum gefällt die Inszenierung: "Es war wieder eine gute 'Turandot'-Aufführung - so wie man sie lange vermisst hat" und "das Bühnenbild war sagenhaft", so die Reaktionen.

Die drei Rätsel der heiratsunwilligen Turandot

Anna Smirnova und der Chor der Hamburgischen Staatsoper in "Turandot" © Staatsoper Hamburg/ Hans Jörg Michel Foto: Hans Jörg Michel
Die russische Sängerin Anna Smirnova übernimmt die Rolle der Turandot.

Gänsehaut, große Gefühle, Hochspannung bis zum Schluss: Prinzessin Turandot will partout nicht heiraten und bringt jeden Bewerber mithilfe dreier kniffeliger Rätsel garantiert unters Henkersbeil. Ein Prinz versucht es trotzdem und entwickelt eine fast wahnhafte Gier - und dann ist da noch die zarte Liù, die bereit ist, sich für den Prinzen zu opfern. Drei Radikale der Liebe. Und jeder Figur gibt die Regie ihr Recht - das ist ein großer Gewinn. Anna Smirnova singt die fast traumatisierte und verhärtete Turandot mit strahlend schönem Gesang.

Ewige Nacht in der Hamburgischen Staatsoper

Diese starke Inszenierung spielt in einer scheinbar endlosen Nacht. Ein riesiger Mond erscheint wie von Geisterhand in der Schwärze der Bühne, dann öffnet sich die Rückwand, gibt den Blick frei in hohe Gemächer mit edlen Tapeten und in leere Säle, in denen jeder und jede vereinsamen muss. Es ist der Kaiserpalast von Peking, völlig ohne China-Exotik, in den 1920er-Jahren.

Guanqun Yu als Liù singt sich direkt ins Herz des Publikums - und auch der Chor sorgt als irrlichternde Masse, immer schwankend, aggressiv und gefühlsbesoffen für Begeisterungsstürme.

Yona Kim bringt Puccinis Oper in die 1920er-Jahre

Regisseurin Yona Kim erzählt von einer Zeitenwende. Sie zeigt subtil, wie eine Welt in den Faschismus abdriftet - eine historische Parallele zu Puccini, der kurz vor Vollendung der Oper starb, während Mussolini und seine Schwarzhemden bereits auf Rom zu marschierten. Dieser Abend ist nackt, brutal, ausweglos, aber auch stimmlich und musikalisch furios. Die musikalische Leitung hat Giacomo Sagripanti. Es gibt keine Sekunde Langeweile.

VIDEO: Große Gefühle in der Staatsoper: "Turandot" feiert Premiere (2 Min)

Ein dunkles Märchen mit aktuellem Bezug

Es scheint fast surreal, wenn sich die Raumfluchten des Palastes plötzlich seitlich in Bewegung setzen wie Bilder einer Filmrolle, wenn Liù ans Bett der schlafenden Turandot tritt oder diese sich an einem Fenstersims vor schwarzer Nacht eine Zigarette anzündet - kleine Szenen voller Leben. Die Regie findet bezwingende Bilder, etwa, wenn Turandot als vereinsamtes Kind mit Puppe im Arm die Palasttreppe herunterkommt und das Licht ausgeht, gerade als sie die letzte Stufe erreicht. Immer wieder werden körnige historische Fotos von Kindern auf die Bühne projiziert - wenig später sieht man diese Kinder sich in die faschistische Bewegung Mussolinis einreihen. Der Abend endet wie ein Schock, meint auch das Publikum: " Es gab viel Blutvergießen." Und: "Das war sehr emotional, weil es für mich einen Bezug zu heute hatte - zu dem, was in der Ukraine passiert."

Die Inszenierung wirkt wie ein dunkles Märchen - aber eines, das direkt in die Realität, ins Heute hineinschneidet. Die Sonne geht hier nicht mehr auf.

"Turandot" in Hamburg: Ein dunkles Märchen mit aktuellem Bezug

In der Inszenierung von Yona Kim herrscht ewige Nacht. Ein stimmlich und musikalisch furioser Abend.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Staatsoper Hamburg
Dammtorstraße 28
20354  Hamburg
Telefon:
040 356868
E-Mail:
ticket@staatsoper-hamburg.de
Preis:
ab 6 Euro
Kartenverkauf:
Montag bis Samstag von 10:00 Uhr bis 18:30 Uhr, feiertags geschlossen.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 14.03.2022 | 06:40 Uhr

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